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Saisonarbeit Tausche Kellner gegen Wein

In den kommenden Tagen stehen all die grundlegenden Handgriffe für den Jahrgang 2020 an. Doch die Saisonkräfte, die sie normalerweise erledigen, dürfen nicht ins Land. Und so schneidet in einem Weinberg am Neckar ein Winzer seine Reben. Quelle: dpa

In deutschen Weingütern fehlen Saisonarbeitskräfte. In deutschen Restaurants fehlt die Arbeit. Eine Initiative bringt nun Sommeliers in die Weinberge. Ob das gut geht?

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Der Erbacher Siegelsberg zählt zu den Top-Lagen im Rheingau: Südhang, 16 Prozent Neigung, tiefgründige Tonböden, windgeschützt. Die Rieslingtrauben, die hier wachsen, entwickeln sich meist ein paar Tage früher als die der Nachbarschaft. Und das ist in diesem Jahr ein Problem.

Achim von Oetinger baut am Siegelsberg seine besten Weine an. In den kommenden Tagen stehen all die grundlegenden Handgriffe für den Jahrgang 2020 an. Die Fruchtruten werden an die Drahtrahmen gebunden. Die Pflanzen müssen in die richtige Position gerückt werden, sodass sie optimal wachsen und reifen können. Es sind Arbeiten, die sich kaum an Maschinen auslagern lassen und für die es vor allem fleißige Hände braucht.

Doch genau daran mangelt es in den Weingütern seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Die Saisonarbeitskräfte der Weingüter sind schon vor Tagen in ihre Heimatländer zurückgereist. Und die, die kommen wollen, schaffen es nicht in die Weinbaugebiete. Sie dürfen nicht nach Deutschland einreisen. Und so fehlt es dieser Tage im Weinbau an einer entscheidenden Ressource: Saisonarbeitskräften.

Stillstand nach dem Trubel

Marco Feger beim Ausbringen von Baldrian in den Weinbergen von Weingut Burg Ravensburg. Quelle: Privat

„Die Natur macht keine Pause und es gibt so viel zu tun“, sagt der Winzer Oetinger. 600 Kilometer weiter nordöstlich gibt es derweil kaum noch etwas zu tun. Die Tische im Berliner Lokal Planet Wein sind seit Tagen leer, die Gläser im Schrank. An normalen Tagen herrscht hier Trubel, wenn die Nachbarschaft am Gendarmenmarkt ihren Feierabend verbringt. Anja Schröder leitet die Vinothek, doch nun sind sie und ihr Team zum Stillstand gezwungen. Der gastronomische Betrieb ist verboten. „Doch die Mitarbeiter sind ja nach wie vor da und ich will sie nicht in Kurzarbeit schicken. Deshalb habe ich überlegt, wie ich sie anders einsetzen kann“, sagt die Weinhändlerin.

Ihre Vinothek hatte bereits ein paar Tage geschlossen, als Achim von Oetinger Wein vorbeibrachte. Er erzählte ihr von seinen aktuellen Personalsorgen. Es dauerte keinen Kaffee lang, bis klar war: Warum nicht einfach die Weinberater ausleihen?

Fortbildung in der Praxis

Eine Idee, die auch bei anderen gut ankam. Peer Holm ist Präsident der Sommelier Union in Deutschland. In den vergangenen Tagen meldeten sich immer mehr Sommeliers bei ihm, die in ihrer Zwangspause in die Weinbaugebiete fahren wollen. Nun hat er deshalb ein Verleihprogramm gestartet: Er bringt Weingüter mit Personalnot und Sommeliers in Zwangspause zusammen. „Gastroprofis können nicht gut zu Hause sitzen und abwarten. Viele wollen die Zeit jetzt nutzen, um etwas Sinnvolles zu tun“, sagt er. „Im Arbeitsalltag der Sommeliers kommt das Thema Fortbildung oft zu kurz. Jetzt ist auf einmal Zeit dafür da – und wenn das praxisbezogen abläuft, umso besser.“

Und so stehen an diesem Märztag zwei Männer zwischen den Rebzeilen des Erbacher Siegelsbergs. Sie tragen nicht nur Wollmützen, um den kalten Ostwind abzuwehren – sondern auch Sonnenbrillen, denn es ist wie so oft ein herrlicher Tag im Rheingau. Piero Catarraso und Poul-Philipp Augustin verbringen ansonsten ihre Arbeitstage damit, in der Vinothek von Anja Schröder ihren Kunden die passenden Weine für ihre Menüfolgen zu empfehlen. Heute binden sie die zarten Weintriebe mit einem Garn an.

Ein paar Kisten Wein als Leihgebühr

„Die Arbeit ist meditativ und gleichzeitig sehr lehrreich“, sagt Catarraso. Seine Chefin, die Berliner Weinhändlerin Schröder, zahlt ihren beiden Weinberatern weiterhin volles Gehalt. Als Leihgebühr bekommt sie ein paar Kisten Wein und ihre Mitarbeiter mit tiefgründiger Fortbildung zurück. Denn Catarraso und Augustin erfahren an diesem Tag nicht nur, wie man die zarten Pflanze anbindet, sondern auch warum der Winzer dabei auf Maschinen verzichtet - und sie manche Arbeiten erst mittags erledigen dürfen. „Die Triebe sind morgens noch nicht so biegsam und brechen leichter“, referiert Catarraso die neuen Erkenntnisse. Überhaupt lerne er im Weinberg die Rhythmen der Natur ganz neu kennen. 

Neue Rhythmen gelten nun auch für Dominik Feger. Der 41-Jährige ist Sommelier im Ritter Durbach, einem Spitzenrestaurant in der Ortenau. Die Weinkarte hat über 600 Positionen, der Weinkeller ist entsprechend üppig befüllt. Doch auch Ritter Durbach ist derzeit geschlossen, die Mitarbeiter sollen demnächst auf Kurzarbeit gehen. Damit fallen die Trinkgelder komplett weg, bei vielen ein erheblicher Teil des Einkommens. „Die Situation ist nicht nur finanziell schwierig, sondern auch sozial. Ich bin sehr viel menschlichen Kontakt gewöhnt, der von einem Tag auf den anderen auf Null heruntergefahren wurde“, erzählt der Sommelier. Wenn das Haus voll ist, bewirten er und seine Kollegen mehr als 100 Menschen. Seine Arbeitstage sind lang und enden in den späten Abendstunden, dafür geht es morgens später los.

Schwächen beim Traktor fahren

Doch am Montag dieser Woche steht Feger um kurz vor acht Uhr mit zwei anderen Männern im Hof des Weinguts Heitlinger im Kraichgau. Der Betrieb gehört dem Motel-One-Gründer Heinz Heiler und zählt zu den größten Bioweingütern Deutschlands. „Wir sind total froh über die Unterstützung. Sommeliers können vermutlich keinen Traktor fahren, doch es gibt genug andere Tätigkeiten zu tun in den nächsten Tagen“, sagt Claus Burmeister, der das Weingut Heitlinger leitet. Aufgaben, für die es keine Vorkenntnisse braucht. Aufgaben, so wichtig wie monoton.

In den vergangenen Tagen war es frostig, für die Reben ist das strapaziös. Burmeister arbeitet verwendet pflanzliche Präparate, um seine Pflanzen zu stärken. Diese müssen eine Viertelstunde lang in Wasser eingerührt werden. Deshalb schickt er zwei seiner neuen Aushilfe an die Rührbehälter.

„In der Theorie weiß ich vieles, doch was tagtäglich auf dem Weingut passiert, sehe ich jetzt erst“, sagt Feger. „Ich bin froh, dass ich in den nächsten Wochen weiterhin etwas mit Wein machen kann.“ Statt schwarzem Anzug trägt er heute grüne Arbeitshosen und ein Basecap gegen die Sonne.

Arbeitsbescheinigungen vorsorglich ausgestellt

Normalerweise arbeiten um diese Jahreszeit 15 Leute im Weingut Heitlinger, die seien bereits vor Tagen abgereist. Doch ein wirklich mulmiges Gefühl bekommt Winzer Burmeister, wenn er an Ende April denkt. Dann müssen die Blätter zurückgeschnitten werden, der Boden bearbeitet, das Unkraut bekämpft. In normalen Jahren kommen dann 50 Mitarbeiter aus Rumänien und Polen. Burmeister weiß noch nicht, ob die angekündigten Helfer einreisen dürfen. Vorsorglich haben sie schon einmal Arbeitsbescheinigungen geschrieben. „Die Situation ändert sich momentan immer so schnell, sodass wir sehr flexibel auf Probleme reagieren müssen“, sagt er.

Die beiden Weinberater Piero Catarraso und Poul-Philipp Augustin, die derzeit im Rheingau ausgeliehen sind, freuen sich jedenfalls schon darauf, das Wissen, was sie im Weinberg sammeln, in Zukunft auch den Gästen in ihrem Restaurant zu servieren. „Wenn Kunden jetzt Fragen zur Lage Siegelsberg haben, kann ich ihnen alles dazu erzählen“, sagt Augustin. „Ich weiß, welche Handgriffe in dem Wein stecken.“. Und so fallen aktuell zwar die Trinkgelder weg. Doch vielleicht gibt es dann in Zukunft umso mehr.

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