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Studie Digitalisierung und Arbeitsplätze Computer können Jobs von 4,4 Millionen Deutschen übernehmen

Die Digitalisierung in der Arbeitswelt schreitet voran. Bereits heute sind die Jobs von 15 Prozent der Deutschen ersetzbar. Welche Tätigkeiten betroffen sind und welche künftig ersetzt werden könnten.

Welche Jobs durch die Digitalisierung gefährdet sind. Quelle: dpa/Montage

Die Deutsche Bank hat schon im Juni gewarnt, dass die Digitalisierung analoge Jobs aufheben würde. Mitarbeiter haben ohnehin eine latente Angst um ihren Beruf, und seit zwei Jahren schwappen aus den USA immer wieder beängstigende Zahlen über den Ozean: fast 50 Prozent der Jobs seien in Zukunft überflüssig, 2020 stehen auch in Sternerestaurants nur noch Roboter. Kurz gesagt: Wer keine technische Ausbildung hat und den Maschinenzirkus befehligen kann, wird ersetzt. Doch das lässt sich auf den deutschen Arbeitsmarkt so alles gar nicht übertragen, wie es in einem Forschungsbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit heißt.

Bislang habe man die Daten aus den USA einfach auf Deutschland übertragen, ohne zu berücksichtigen, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland ganz anders aussieht, als der amerikanische: In den USA gibt es prozentual mehr Akademiker und Führungskräfte, in Deutschland hingegen mehr Bürokräfte und Handwerker. Außerdem gibt es in den USA weder ein duales Ausbildungsprinzip, noch die darauf aufbauenden Weiterqualifizierungsmöglichkeiten, wie eine Meister- oder Technikerschule.

So haben sich Unternehmen auf die Digitalisierung vorbereitet

So arbeiten in den USA viele Highschool-Abgänger in Jobs, für die eine kurze Einarbeitung genügt. Hierzulande ist für so gut wie jeden Beruf eine mehrjährige Ausbildung nötig. Insofern lasse sich die Automatisierungswahrscheinlichkeit der amerikanischen Jobs nicht auf Deutschland umrechnen.

Ungelernte Helfer sind nicht zu ersetzen, Fachkräfte schon

Die Experten des IAB haben stattdessen den Anteil der Routine-Tätigkeiten in den rund 3.900 Einzelberufen, die es derzeit in Deutschland gibt, berechnet. Dafür zerlegten sie jeden Beruf in seine Einzeltätigkeiten und diese wiederum in fünf Typen:

  • Analytische Nicht-Routine-Aufgaben
  • interaktive Nicht-Routine-Aufgaben
  • kognitive Routine-Aufgaben
  • manuelle Routine-Aufgaben
  • manuelle Nicht-Routine-Aufgaben

Und Routine-Aufgaben können von Maschinen nach programmierbaren Regeln erledigt werden. Kognitive Routine-Aufgaben wie in der Buchhaltung oder manuelle Routinen wie das Sortieren von verschiedenen Dingen können Computer und Roboter ganz prima übernehmen. Managementaufgaben oder Beratungsjobs, also analytische und interaktive Nicht-Routine-Aufgaben können Computer dagegen nicht erledigen, sie können dort höchstens unterstützen. Und manuelle Nicht-Routine-Tätigkeiten können Maschinen - zumindest in den nächsten zehn Jahren - überhaupt nicht übernehmen. Ein Roboter kann nicht im Supermarkt Regale einräumen. Und auch trotz aller Fortschritte bei selbstfahrenden LKW und PKW braucht es immer noch menschliche Fahrer, weil die Computer bislang nur teilautonom und nur auf bestimmten Strecken zum Einsatz kommen können.

Was Maschinen nicht können

In einer Baustelle mit einer ungesicherten Unfallstelle auf der rechten Fahrbahn versagt das System - hier muss der Mensch ran. Und zwar der Fernfahrer, kein Ingenieur oder Teilchenphysiker. Dieses Fazit zieht sich durch die Studie: Viele Berufe, die eine ganze Zeit lang als bedroht angesehen wurden, weil es um einfache Tätigkeiten ging, sind letztlich die, die weniger Angst vor der Digitalisierung haben müssen. Es ist zwar absehbar, dass in Zukunft einige der Tätigkeiten, die bisher als Nicht-Routine-Tätigkeiten eingeschätzt werden, zu Routinetätigkeiten werden, weil sie dann durch Computer ersetzbar sind. Allerdings gibt es drei Funktionen, die die Technik - zumindest in naher Zukunft - nicht ersetzen kann:

  1. Wahrnehmung und Feinmotorik
  2. kreative Intelligenz (Kunst, kreative Problemlösungen)
  3. soziale Intelligenz (verhandeln, überzeugen)

Betrachtet man den deutschen Arbeitsmarkt, bedeutet das, dass die Tätigkeiten von mehr als 2,4 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten derzeit nicht durch einen Computer zu ersetzen sind. Bei 13,2 Millionen Beschäftigten können Computer 30 bis 70 Prozent ihrer Tätigkeiten erledigen. Und bei 4,4 Millionen Deutschen beträgt das Substituierbarkeitspotenzial mehr als 70 Prozent. Das heißt: 4,4 Millionen Menschen könnten theoretisch schon jetzt von Computern ersetzt werden. Prozentual sind damit rund 15 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten per heute austauschbar.

Welche Jobs betroffen sind

Die IAB-Exerten gehen zwar grundsätzlich nicht davon aus, dass die Technik ganze Berufe ersetzen wird, aber eine Berufsgruppe, in der schon heute mehr als 70 Prozent aller Tätigkeiten von Computern übernommen werden kann, muss sich in Zukunft warm anziehen. Das durchschnittliche Substituierbarkeitspotenzial ist im Berufssegment "Fertigungsberufe" mit mehr als 70 Prozent am höchsten. Im Segment "Fertigungstechnische Berufe" lassen sich fast 65 Prozent der Tätigkeiten automatisieren. In allen anderen Berufssegmenten liegt das gewichtete, durchschnittliche Substituierbarkeitspotenzial unter 50 Prozent.

Diese Berufe lassen sich am einfachsten durch Computer ersetzen

In den einzelnen Berufen innerhalb der Segmente können die Werte natürlich ganz anders aussehen: So lassen sich beispielsweise in den Chemie- und Kunststoffberufen (Segment Fertigungsberufe) 89,9 Prozent der Tätigkeiten von Maschinen erledigen. Und während sich ein Musiklehrer heute noch gar nicht und der Postbote zumindest teilweise vom Computer beziehungsweise der Drohne ersetzen lässt, können 83,3 Prozent der Arbeiten eines Helfers in der Chemie- und Pharmatechnik problemlos Roboter erledigen.

Der Kita-Roboter wird nicht kommen


Dass Computer nicht nur die Produktionsberufe, sondern auch die Dienstleistungsberufe verändern (werden), zeigt sich insbesondere auch im Berufssektor „Kaufmännische und unternehmensbezogene Dienstleistungsberufe“. Das durchschnittliche Substituierbarkeitspotenzial liegt hier bei den Helfern und bei den Fachkräften immer über 40 Prozent. Einzelhandelsberufe, aber auch Groß- und Außenhandelsberufe und berufliche Tätigkeiten rund um die administrativen und organisatorischen
Büro- und Sekretariatsarbeiten könnten demnach bereits heute zu einem nicht unwesentlichen Teil durch Computer ersetzt werden.

Ob das tatsächlich passiert, hat aber nicht nur etwas mit den technischen Möglichkeiten zu tun: In den Berufssegmenten "medizinische und nicht-medizinische Gesundheitsberufe" - dazu gehört zum Beispiel der Altenpfleger - oder "soziale und kulturelle Dienstleistungsberufe", worunter unter anderem Lehrer fallen, liegt das Substituierbarkeitspotenzial bei null Prozent. Und das obwohl viele der ausgeübten Tätigkeiten von einem Roboter oder einem Programm erledigt werden könnten.

Denn schließlich gibt es schon heute Lernsoftware, die den Mathenachhilfelehrer überflüssig machen könnte und in Japan experimentieren entsprechende Einrichtungen schon länger mit Pflegerobotern. Und auch der Augsburger Industrieroboterhersteller Kuka liebäugelt mit dem Gedanken, Roboter für Krankenhäuser und Altersheime herzustellen. "Serviceroboter können wir uns gut vorstellen bei Kuka. Diese Maschinen helfen dann im Haushalt beim Tisch abräumen oder im Pflegeheim und Krankenhaus bei der Essens- und der Medikamentenausgabe“, sagte Konzernchef Till Reuter.

Ethik und Haftungsdebatte machen Pflegeroboter schwer vorstellbar

Mehr ist in Deutschland aber schwer vorstellbar: Was wäre, wenn Alte in Zukunft von Maschinen gepflegt, gefüttert oder angezogen werden sollen. Wenn Roboter in Kitas Babys wickeln oder mit Kleinkindern spielen sollen und wenn eine Software Kindern lesen beibringen soll. Es wären sicher nicht nur Digitalisierungsverweigerer und Kirchen gegen diese Art des Fortschritts. Hinzu kommt - wie auch jetzt schon beim automatisierten Fahren - die rechtliche Frage:

  • Wer haftet, wenn der Krankenschwester-Roboter den Intensiv-Patienten umbringt, weil er die falschen Medikamente verabreicht?
  • Wer ist schuld, wenn der Kita-Bot beim Wickeln ein Kind fallen lässt, weil das Kind sich auf eine Weise bewegt hat, die in der Programmierung nicht vorgesehen ist?
  • Und bemerkt der Pflegeroboter im Heim, ob ein Patient in der Nacht gestorben ist?

Schon 2012 haben Forscher des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung in Zürich festgestellt, dass die Haftung wohl das K.O.-Argument sein werde. Schließlich könnte bereits ein Stromausfall dazu führen, dass lebenswichtige Medikamente nicht verabreicht werden. Von einem Angriff durch Hacker einmal ganz zu schweigen. Die Haftungsfrage wäre in so einem Fall kaum zu klären.

Die Wissenschaftler befragten außerdem Patienten, Krankenhausmanager, Pfleger und Ärzte, was sie vom Einsatz von Pflegerobotoren denken. Pflegekräfte befürchteten auf der einen Seite, dass sie aus Spargründen von Robotern ersetzt werden könnten. Allerdings begrüßten sie mechanische Assistenten etwa zur Entlastung bei schweren körperlichen Arbeiten, wie dem Heben und Umlagern von bettlägerigen Patienten.

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Die Einstellung der Patienten war dagegen zwiespältig: Einerseits erhoffen sie sich einen unabhängigeren Alltag mit smarten Rollstühlen oder Servicerobotern für den Haushalt. Auch sogenannte Telepräsenzroboter, die per Videogespräch die Anwesenheit einer Pflegekraft ersetzen, könnten als digitale Nabelschnur gegen Vereinsamung dienen.

Allerdings gehe mit der vermeintlich gewonnenen Selbstständigkeit auch eine gewisse Abhängigkeit von den Maschinen einher. Und: Um sicher zu stellen, dass der Roboter eben nicht dank eines Stromausfalls starr in der Ecke steht, während der Patient ihn braucht, müssen Roboter und Mensch rund um die Uhr überwacht werden. Auch keine schöne Vorstellung.

Davon abgesehen wäre die Kosten exorbitant hoch: Einmal die Anschaffungs- und Wartungskosten für die Maschine plus die Kosten für die Überwachungstechnik plus die Personalkosten für die Mitarbeiter, die die Überwachungsdaten auswerten.

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