Widerworte: Die ganze Wahrheit
Vom großen Denker Heinz von Förster stammt der kluge Satz, dass „die Wahrheit die Erfindung eines Lügners“ gewesen sein muss. Ich kenne eine Menge Leute, denen war das immer zu spitzfindig. Was soll das denn heißen, fragen sie. Dass es keine Wahrheit gibt? Nein. Sondern dass die meisten, die von der Wahrheit reden, eigentlich etwas anderes meinen, nämlich: Was wäre mir gerade recht?
Und wie sehe ich dabei aus? Authentisch? Kaufen die Leute, wenigstens meine Fans, mir das ab? Komm, lass uns das mal machen.
So läuft das, meine lieben Damen und Herren, es ist heute zum neuen Normal geworden, also zur kulturellen Norm, sich so zu verhalten. Authentizität hat nichts mit Echtheit zu tun, sondern mit der Frage, ob es echt aussieht. Es ist zwar nicht alles Gold, was glänzt, manchmal noch nicht einmal guter Kunststoff, aber es geht ja ums Glänzen. Das ist ein schnelles Geschäft. Und auf dieser Grundlage wird heute praktisch alles getan.
Entschuldigung, wir merken das gar nicht mehr, wir sind da hineingewachsen wie in ein zu großes Kleidungsstück. Die Konsumgesellschaft muss was verkaufen, sonst geht sie ein, und weil den Leuten, die die Konsumgesellschaft hervorbringt, natürlich nicht annähernd so viel Neues und Zweckmäßiges, Problemlösendes und Sinnstiftendes einfällt, wie man verkaufen muss, braucht man Marketing. Den Schwanz also, der mit dem Hund wackelt. Marketing macht es möglich, dass ein relativ langsamer technologischer Fortschritt (von geistigem und kulturellem reden wir hier nicht) aussieht wie mit der Strahlenkanone hingeballert. Halbfertig Gemachtes und Gedachtes wird uns als ultimative Lösung für unsere Probleme verkauft, und wir kaufen das, weil wir uns alle auch so benehmen, das sind wir gewohnt.
Wer auf solche Sachen wie echte Qualität, Haltbarkeit, Nachhaltigkeit, Produktionsbedingungen kritisch zweifelnd hinweist, auf all die schönen Versprechungen, mit denen heute selbst billigster Ramsch und schlechtester Rat für viel Geld in Verkehr gebracht werden, der stört das Geschäftsmodell einer Gesellschaft, die die Wahrheit nur als Schlagwort aus der Werbung kennt. Ist doch egal, weil nächstes Jahr alles wieder anders ist. Ob Wahl- oder Qualitätsversprechen – alles Wurst, da weiß man schließlich auch nicht, was drin ist.
Wer dazu Widerworte gibt, ist nicht bloß ein Spielverderber, sondern ein Systemfeind. Aber das macht ja ohnehin niemand oder kaum noch jemand, denn das ist schlecht fürs Geschäft.
Alle regen sich über Donald Trumps „interessengeleitete Politik“ auf (zurecht), aber die Täuschung in den eigenen Organisationen, Unternehmen, Parteien, Familien und Kommunen, die halten sie aus, weil sie selbst zu denen gehören, die dieses Werk betreiben. Die Wahrheit ist eben die Erfindung eines Lügners.
Auf LinkedIn, in Medien, auf der Straße und im Büro gilt das Motto „fake it till you make it“, aber keinem der kleinen Lügner fällt mehr auf, dass dabei letztlich nichts herauskommt. Lügen haben kurze Beine, und wo alle auf Stelzen laufen, fallen halt viele auf die Klappe (lieber: Schnauze) und werden bewusstlos.
Das ist kein moralischer Appell, es ist ein Hinweis. Die Zeiten haben sich wirklich geändert, oder, wie man früher sagte, wahrhaftig. Aus Spaß ist Ernst geworden.
Die Stelzen sind nutzlos. Marketing rettet nicht mehr rüber. Die Lebenslügen einer Gesellschaft, in der das Ignorieren der Realität zum guten Ton gehörte, sind lebensgefährlich geworden. Fake it till you make it war vielleicht nur ein Hörfehler, kann ja vorkommen. Es bedeutet in Wahrheit immer Fake it till you break it. Also so lange vortäuschen, bis es schiefgeht.
Jeder weiß das, und es ist auch keine schlechte Nachricht, sondern eine gute. Am Ende dieser Kolumne und aller, die ihr an diesem Ort vorangingen, soll ein Satz von George Orwell stehen, der uns 1946 auf das vorbereitete, was heute zu tun ist: „Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht drauf, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Hier hört das alte Marketing auf und die Wirklichkeit an.
Alles Gute.
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