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Software-Start-up Wird Celonis das zweite SAP, nach dem Deutschland so lange suchte?

Quelle: Robert Brembeck für WirtschaftsWoche

Erstmals hat ein Start-up aus Deutschland einen Unternehmenswert von mehr als zehn Milliarden Dollar erreicht. Wie es jetzt mit Celonis, dem ersten Decacorn der Nation, weitergeht, erzählt Co-Chef Bastian Nominacher.

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WirtschaftsWoche: Herr Nominacher, für viele Nicht-ITler ist das Geschäft von Celonis immer noch ein Buch mit sieben Siegeln. Was macht Ihre Software so wertvoll?
Bastian Nominacher: Celonis ist wie eine Art Röntgengerät für Prozesse. Wir nutzen die Daten aus den IT-Systemen von Unternehmen und zeigen so etwa, wie produziert wird oder wie ein Kunde, der bei der Service-Hotline anruft, behandelt wird. Diese Technologie nennt sich Process Mining, und die haben wir als Pionier maßgeblich mit aufgebaut.

Was unterscheidet Sie von der Konkurrenz?
Wir haben im Oktober des vergangenen Jahres das sogenannte Execution Management System auf den Markt gebracht - mit einer wichtigen Erweiterung: Die Software kann nicht nur Probleme erkennen, sondern schlägt mittels künstlicher Intelligenz selbst vor, wie sich Probleme lösen lassen. Das heißt, inzwischen sind wir nicht nur das Röntgengerät, sondern auch der Doktor, der anschließend die heilenden Maßnahmen anstößt.

Wie sieht das im Alltag Ihrer Kunden aus?
Nehmen Sie etwa die Deutsche Telekom, die Celonis in Buchhaltung, Rechnungseingang, Einkauf und Personalwesen einsetzt – das läuft über mehr als zehn verschiedene IT-Systeme wie etwa SAP, Ariba oder Salesforce. All diese Anwendungen sind an Celonis angeschlossen. Dadurch kann unsere Software anzeigen, wo etwa die Telekom Rechnungen doppelt bezahlt, weil Rechnungen fehlerhaft eintreffen und das nicht erkannt wird. Oder wo kein Skonto gezogen werden konnte, weil im Einkauf zu spät gezahlt wurde. Oder wo die Telekom Strafzahlungen leisten muss, weil sie Kunden nicht rechtzeitig beliefert hat.

Was haben Ihre Kunden davon?
Das liefert einen sehr greifbareren Mehrwert. Die Deutsche Telekom etwa hat durch den Einsatz von Celonis nur im kaufmännischen Bereich Einsparungen in Höhe von 60 Millionen Euro erzielt. Solche Optimierungen können Sie in nahezu jedem Unternehmensprozess vorantreiben.

Zumindest die Investoren scheint das zu beeindrucken. Sie haben heute eine weitere Finanzierungsrunde in Höhe von einer Milliarde Dollar verkündet. Nun ist Celonis schon gut zehn Jahre am Markt, schreibt Umsätze im dreistelligen Millionenbereich und ist profitabel. Wofür benötigen Sie weiteres Kapital?
Wir haben jede unserer Finanzierungsrunden genutzt, um unser Unternehmen auf das nächste Level zu heben. Hätten Sie mich vor acht Monaten gefragt, ob wir weiteres Kapital benötigen, hätte ich verneint. Aber wir spüren aktuell eine enorme Nachfrage nach unserem neuen Execution Management System – da war uns klar, dass wir weiter investieren müssen. 

Worin genau?
In zwei Dinge: Zum einen müssen wir unser Produkt weiterentwickeln, damit etwa noch größere Datenmengen verarbeitet werden können und die Software noch leistungsfähiger wird. Das andere ist unsere Infrastruktur, damit wir unseren Kunden einen weltweiten Vertrieb und Service bieten können. 

Warum haben Sie statt einer weiteren Finanzierungsrunde nicht den Börsengang gewählt? 
Wir hatten eben die Möglichkeit, eine Finanzierungsrunde in dieser Größenordnung mit namhaften Investoren zu machen – daher haben wir das jetzt durchgezogen.

Und wann wäre für Sie ein geeigneter Zeitpunkt für einen Börsengang?
Da haben wir keine konkreten Pläne, weil wir uns voll auf unser Geschäft fokussieren wollen. Durch die Größe der jetzigen Finanzierungsrunde verfügen wir auch über die notwendige zeitliche Flexibilität. 

Wobei können die neuen Kapitalgeber helfen?
Das ist vor allem ein Ausbau des Netzwerks. Durable Capital, T. Rowe Price und Franklin Capital zählen zu den wichtigsten Technologieinvestoren weltweit – die haben Zugänge zu praktisch allen Vorstandschefs der Fortune-500-Unternehmen. Das hat sich schon in dem Prozess der Finanzierungsrunde gezeigt, weil wir Kontakte zu 40 Unternehmen auf höchster Ebene bekommen haben. Das ist wichtig bei so einer neuen Technologie wie der von Celonis: Dass man die Aufmerksamkeit des Top-Managements erhält. Dabei helfen bereits die bestehenden Investoren – und die neuen liefern weitere Kontakte.

Celonis ist nun das erste deutsche Start-up mit einer Bewertung jenseits der Zehn-Milliarden-Dollar-Schwelle. Womöglich das zweite SAP, wonach Deutschland so lange suchte?

SAP ist ein beeindruckendes Unternehmen, das über viele Jahrzehnte enorm viel aufgebaut hat. Wir bei Celonis verfügen über eine Technologie, die praktisch in jedem Unternehmen auf der Welt eingesetzt werden kann. Und ein Großteil des Marktes ist noch gar nicht erschlossen. Das treibt mich an. Wenn wir das schaffen, können wir zufrieden sein. Vorher will ich uns aber mit niemandem vergleichen.

SAP hat kürzlich den Celonis-Wettbewerber Signavio für eine Milliarde Euro übernommen. Bedeutet Ihre Kapitalerhöhung, dass die Walldorfer das falsche Start-up übernommen hat – oder waren Sie schlicht zu teuer?
Dass SAP Signavio gekauft hat, bestätigt am Ende unsere eigene Relevanz. Wir als Celonis wollten immer unabhängig bleiben, weil uns diese Perspektive – unabhängig von den Softwareanbietern zu sein und mit jedem kompatibel – sehr wichtig ist. Wer Process Mining ernsthaft betreiben will, möchte alle seine Systeme unabhängig auswerten – das kann per Definition kein Beratungsunternehmen oder Softwarehersteller allein machen. Das ist in etwa so, als wenn Sie zu einem von Bayer finanzierten Arzt gehen, der Ihnen Aspirin verschreibt: Manchmal hilft’s – aber manchmal wäre vielleicht auch die Behandlung mit einem anderen Medikament sinnvoll.

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