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  4. Abiturientenquote in Deutschland: Wie der Akademisierungswahn uns schadet

Duales System in GefahrDie Hauptschule muss weg

Der Akademisierungswahn in Deutschland bringt den Grundpfeiler des wirtschaftlichen Erfolgs ins Wanken. Experten fordern eine Reform – und die Abschaffung der Hauptschule.Christian Schlesiger 09.09.2013 - 15:03 Uhr

Platz 15: IKEA

In den meisten Jugendzimmern steht mehr als ein Möbelstück, das der schwedische Möbelkonzern produziert hat. Während es Jungs kaum zum Möbelhersteller zieht, wollen fast fünf Prozent aller Mädchen dort arbeiten. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Schülerbefragung des Marktforschungsunternehmens „Trendence“. Trendence hat über 10.000 Schüler der Klassen 8 bis 13 nach ihren Berufsplänen befragt.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 14: Sparkasse

Sicherheit und Nähe sind für die meisten Sparkassen wichtige und gesetzlich festgelegte Geschäftsziele. Vielleicht wollen auch deshalb vier Prozent aller Jugendlichen später dort arbeiten.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 13: Daimler

Deutschlands Stärke im Automobilsektor zeigt sich auch in den Berufswünschen der Jugendlichen. Nach BMW und Audi ist Daimler das dritte Automobilunternehmen innerhalb der Top 15. Dabei wollen mit fast acht Prozent aller Jungen deutlich mehr Schüler als Schülerinnen zu Daimler nach Stuttgart.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 12: ZDF

Das Zweite Deutsche Fernsehen ist mit 12 Prozent Marktanteil einer der meistgesehenen Fernsehsender Deutschlands. In der Umfrage attraktiver Arbeitgeber für Jugendliche landet der Sender auf dem zwölften Platz.

Foto: ZB

Platz 11: Volkswagen

Der größte Automobilproduzent Europas ist begehrt und landete bei der Umfrage auf Platz elf. Zu den rund 500.000 Mitarbeitern in Wolfsburg könnten demnächst einige hinzukommen: Für fünf Prozent aller Jugendlichen ist VW einer der Top-Arbeitgeber.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 10: H&M

Bei den Mädchen hoch im Kurs: Acht Prozent aller befragten Schülerinnen wollen später für den schwedischen Modekonzern Hennes & Mauritz arbeiten. Trotz schlechter Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten landet H&M damit auf Platz drei der Top-Arbeitgeber für Schülerinnen. Gerade einmal ein Prozent aller befragten männlichen Schüler können sich vorstellen, dort zu arbeiten.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 9: Audi

Seit einiger Zeit hat Audi sogar BMW in den Absatzzahlen überholt. Jedes elfte Auto auf Deutschlands Straßen trägt mittlerweile die vier Ringe auf dem Kühlergrill. Fast zehn Prozent aller Schüler könnten sich vorstellen, für den Autohersteller aus Ingolstadt zu arbeiten.

Foto: obs

Platz 8: Microsoft

Die ungebrochene Konkurrenz von Apple und eine schleppende Nachfrage des neuen Betriebssystems Windows 8 machen Microsoft zu schaffen. Doch vor allem Jungen begeistert das Unternehmen. Elf Prozent aller Schüler möchten bei dem Softwarehersteller arbeiten. Damit landet das Unternehmen bei den Jungs auf Platz vier, insgesamt auf Platz acht.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 7: Adidas

Adidas, Lieferant des Spielballs der Fußball-Bundesliga, ist bei jedem Fußballspiel vertreten. Fußballtrikots tragen das Logo des Unternehmen und auch Sportler andere Disziplinen sind Werbeträger. Sicherlich auch deshalb wollen etwa sechs Prozent aller Jugendlichen einmal zu Adidas nach Herzogenaurach.

Foto: WirtschaftsWoche

Patz 6: Porsche

Auslieferungsrekorde, gute Geschäftszahlen und der anhaltende Erfolg des Porsche Carrera 911 seit mittlerweile 50 Jahren. Die Marke Porsche ist attraktiv, nicht nur für Anleger, sondern auch für zehn Prozent aller befragten Jungen und fünf Prozent der Mädchen.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 5: Lufthansa

Trotz Restrukturierung und fallendem Aktienkurs landet die Lufthansa immerhin auf Platz fünf. Zum Luftfahrtunternehmen aus Köln wollen sechs Prozent aller Jugendlichen, bei Mädchen liegt der Wert mit fast sieben Prozent etwas höher.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 4: BMW

BMW ist begehrt: Zehn Prozent aller Jungen und immerhin vier Prozent aller Mädchen wollen zu BMW nach München.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 3: Bundeswehr

Die Bundeswehr ist der beliebteste Arbeitgeber für Jungen. Jeder achte Schüler möchte später einmal zu den aktuell rund 167.000 Soldaten gehören. Nur etwa 19.000 Soldatinnen beschäftigt die Bundeswehr. Das könnte sich bald ändern: Immerhin 6 Prozent aller befragten Mädchen wollen später zur Bundeswehr.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 2: ProSiebenSat.1

Für fast zwölf Prozent aller Schülerinnen der Traumarbeitgeber: das Medienhaus Pro Sieben Sat1. Erst im Jahr 2000 gegründet, beschäftigt das Unternehmen heute rund 3000 Mitarbeiter. Gegenüber den Schülerinnen wollen dort deutlich weniger Schüler arbeiten, gerade einmal fünf Prozent.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 1: Polizei

Der Top-Arbeitgeber schlechthin ist die Polizei. Jedes achte Mädchen möchte dort arbeiten, jeder neunte Junge. Möglicher Grund für das gute Abschneiden der Polizei ist die Jobsicherheit und die Nähe zum Wohnort. Viele seien nicht mehr bereit, für den Job umzuziehen, sagt Studienleiterin Manja Ledderhos.

Foto: WirtschaftsWoche

Eigentlich scheint die Welt in Ordnung zu sein. Deutschlands Jugend, so eine aktuelle Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Burger-Kette McDonald’s, sei „pragmatisch“ und „glücklich“. Die jungen Menschen im Alter zwischen 15 bis 24 Jahren seien „optimistisch und leistungsbereit“. Sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand und wollen sich einen Platz in der Gesellschaft erarbeiten – ohne dabei unsympathisch zu wirken. Klaus Hurrelmann, Bildungsexperte an der Uni Bielefeld und wissenschaftlicher Berater der Studie, zog ein erstaunliches Fazit unter die Hoffnungsträger für Deutschlands Zukunft: „Die junge Generation hat voll Bock statt null Bock.“ Alles gut, könnte man meinen.

Doch im hinteren Teil der Studie, von den Experten nachgeschoben, steht die eigentliche Botschaft der Studie. Deutschlands Nachwuchs teilt sich auf in jene, die nach oben wollen und können. Und in jene, die als „Stutusfatalisten“, wie Allensbach-Chefin Renate Köcher die Bildungsverlierer nennt, jegliche Hoffnung verloren haben und sich mit ihrer Rolle am Rande der Gesellschaft zufrieden geben würden. „Wir haben in Deutschland eine zu verfestigte Unterschicht“, sagt Köcher. Der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Bildungshintergrund der Eltern sei groß.

Die Hauptschule, früher ein Reservoire für die Auszubildenden in den Betrieben, verkommt inzwischen zur Resterampe der Gesellschaft. „20 Prozent der jungen Leute drohen abgehängt zu werden“, sagt Experte Hurrelmann. Die Leute mit Hauptschulabschluss hätten heute keine Wahl mehr, ihr Leben frei zu bestimmen. „Das schleicht sich langsam auch in mittleren Schulen ein“, so Hurrelmann.

Die Bildungsrepublik Deutschland, oft und viel gepriesen für ihre Ideale, Vielfalt und Experimentierfähigkeit, droht nun abzurutschen. Zwar ist Deutschland in Europa heute noch eine Insel der Glückseligen. Im vergangenen Ausbildungsjahr fanden nur 15.650 Jugendliche laut Berufsbildungsbericht keinen Ausbildungsplatz. Dem stehen 33.000 unbesetzte Ausbildungsplätze gegenüber – die Bilanz ist also positiv. Doch tatsächlich sind knapp 267.000 Jugendliche in irgendwelchen Maßnahmen geparkt. Die Arbeitsagentur versucht, sie für einen Job fit zu machen.

Ausbildung

Zu viele Studenten - zu wenige Azubis

CSU-Bildungsexperte Albert Rupprecht sorgt sich um die hohe Studierquote und den Mangel an jungen Ausbildungswilligen. Weil junge Bewerber fehlen, bieten manche Unternehmen auch älteren Menschen eine Erstausbildung.

Vor allem das duale System, der Grundpfeiler des wirtschaftlichen Erfolgs in Deutschland, gerät durch die Entwicklung in Deutschland „in Gefahr“, sagt Hurrelmann. Die Mehrheit der Jugendlichen, die auf der Siegerseite der Gesellschaft stehen, strebe nämlich in Richtung Abitur. Bereits 51 Prozent eines Jahrgangs schließen mit der allgemeinen Hochschulreife ab. Jedes Jahr steigt die Quote um ein Prozentpunkt. In 20 Jahren liege Deutschland bei 70 Prozent. Damit wäre das Ziel der OECD erreicht. Die Bildungsökonomen der internationalen Organisation wären zufrieden.

Doch das duale System verliert damit ihr Reservoire für den Nachwuchs. Früher absolvierte jeder zweite Jugendliche eine Ausbildung, heute nur jeder vierte. Der Akademisierungswahn, der Deutschland erreicht hat, entwertet die Berufsausbildung. „Das duale Systeme verliert die Hochqualifizierten“, sagt Hurrelmann. Vor zehn oder 20 Jahren hat sich auch der ein oder andere Abiturient für eine Bäckerlehre entschieden. Heute streben die Gymnasiasten an die Uni. 77 Prozent von ihnen wollen studieren, nur sieben Prozent zielen auf einen Ausbildungsplatz. Früher wollte jeder dritte Abiturient eine Lehre einschlagen – oft gekoppelt mit einem parallelen Hochschulstudium.

Das deutsche Berufsbildungssystem, inzwischen sogar ein weltweiter Exportschlager, gerät dadurch in Bedrängnis. Hurrelmann schlägt vor, das gesamte System zu reformieren. Vor allem die Schulen müssten umgebaut werden. Die Hauptschule habe keine Zukunft mehr. So wie in einigen Ländern wie Berlin praktiziert, könnte eine integrierte Sekundarschule die Lösung sein. Sie existiert neben dem Gymnasium und bereitet auf Lehre und Fachhochschulstudium vor. Denn auch an der integrierten Schule gibt es eine Oberstufe.

Auch die Wirtschaft ist gefordert. Die Zahl der Ausbildungsplätze ging im vergangenen Jahr um drei Prozent zurück. Die Wirtschaft sollte mehr Lehrstellen anbieten. „Eine Ausbildungsplatzgarantie wäre eine Möglichkeit“, so Hurrelmann.

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