„Ich bin doch nicht verrückt” Warum eine Therapie für viele ein Tabu ist

Den Gang zum Psychologen haben schon einige Menschen in Erwägung gezogen - und sich am Ende dagegen entschieden. Woher kommt das Stigma beim Thema Therapie?

Denken Sie positiv!
Der positive UnterschiedDas Konzept stammt von Günter Lueger und ist ein leichter Einstieg in positives Denken. Wir tendieren dazu, Menschen und Dinge als stabil wahrzunehmen. Bei einer Kollegin, die wir als schwatzhaft abgespeichert haben, fällt es uns jedes Mal auf, wenn sie schwatzt. Achten Sie mal darauf, wann die Kollegin still ist. Quelle: Fotolia
Positive Sprache verwendenDer amerikanische Begründer der Positiven Psychologie, Martin Seligmann, hat 80 Millionen Tweets und Nachrichten bei Facebook bezüglich der verwendeten Worte ausgewertet. Es zeigte sich, dass die besonders häufige Verwendung von Worten wie „fucked“ „hate“ „bored“ das Auftreten einer Herzkreislauferkrankung besser vorhersagt, als die Auswertung der medizinischen Risikofaktoren. Es gab auch Worte, die mit einem geringen Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen verbunden waren wie „thanks“, „great“, „interesting“, „love“.   Quelle: Fotolia
Zählen Sie die positiven Dinge des TagesDie Psychologin Barbara L. Fredrickson und Ihr Team wiesen nach, dass Menschen, die viele positive Erinnerungen haben, freundlicher und glücklicher sind. Glückliche Erinnerungen kann man sich schaffen. Zählen sie am Abend die angenehmen Dinge des Tages statt der negativen Erlebnisse. Quelle: Fotolia
TagträumenUte Eberle verfolgte Experimente zum Training von Optimismus und konnte zeigen, dass 5 Minuten Tagträumen zu mehr Optimismus führen. Quelle: Fotolia
Tun Sie so, als obChristian Heinrich konnte zeigen, dass unsere guten Gefühle, egal ob echt oder unecht, wirken und uns z. B. stressresistenter und gesünder machen. Es lohnt sich also auch, sich einzureden, gut gelaunt zu sein. Quelle: Fotolia

In der Gesellschaft ist es immer noch leichter mit einer körperlichen als mit einer seelischen Krankheit umzugehen, sagt Irmgard Pfaffinger, Vorsitzende des Bundesverbandes für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Denn für viele weckt der Gedanke, einen Psychologen aufzusuchen gleich die Befürchtung, dadurch als irre zu gelten.

Vor allem Menschen, die ein niedriges Selbstbewusstsein plagt, fällt der Entschluss zur Therapie schwer, sagt Stefanie Stahl, Bestsellerautorin und Therapeutin: „Der Gang zum Psychologen kann dann zusätzlich am eigenen Selbstwertgefühl kratzen, weil bei vielen Betroffenen das Gefühl entsteht, es allein nicht zu schaffen.”

Dabei ist der therapeutische Prozess manchmal wichtig, um bei bestimmten Problemen die Knoten zu lösen und nicht ständig auf gleicher Stelle zu treten. Genau so entstehen nämlich chronische Depressionen, Selbstzweifel und Unzufriedenheiten. Stefanie Stahl rät dazu, auch auf Menschen aus dem eigenen Umfeld zu hören, weil manchen die Fähigkeit zur Selbstreflektion fehlt. Wenn Familie und Freunde eine Therapie nahelegen, sollte man zumindest mal einen Gedanken daran verschwenden.

Was bei der Arbeit stresst

Um die Therapie gesellschaftlich zu enttabuisieren, sollte laut Stahl lieber der Begriff „Reflektion” genutzt werden. „Die Selbsterkenntnis ist nämlich der Königsweg, um ein zufriedenes Leben zu führen - aber auch, um ein besserer Mensch zu werden”, so die Therapeutin.

Dass der Bedarf für Therapien vor allem wegen der hiesigen Arbeitskultur gestiegen ist, ist für Irmgard Pfaffinger glasklar: „Durch die Arbeitsverdichtung an den verschiedenen Arbeitsplätzen nehmen auch die psychischen Belastungen zu.”

Dem gesellschaftlichen Druck, vor allem im Arbeitskontext, könnten viele Menschen durch eine Therapie und das regelmäßige Gespräch mit einer Expertin oder einem Experten einen Ausgleich schaffen. Laut Pfaffinger sollte die Überlastung am Arbeitsplatz als Problem konkret benannt werden und die gesellschaftliche Debatte dahinter kritisch geführt werden: „Es kann nicht sein, dass immer weniger Menschen immer mehr arbeiten müssen.”

Fünf Tipps zur Stressbewältigung

Der unkontrollierbare Stress am Arbeitsplatz kann in manchen Fällen sogar in eine Depression münden. Laut Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde sind in Deutschland rund 6,2 Millionen Menschen von einer solchen betroffen - Tendenz steigend. Viele von ihnen bleiben unbehandelt.

In einigen Fällen, liegt das daran, dass die Krankheit unerkannt bleibt. In anderen aber, suchen sich Betroffene keine fachliche Hilfe - auch aufgrund des Stigmas und der Idee, sie bräuchten doch keine Therapie. Stefanie Stahl hat in ihrer Arbeit als Therapeutin allerdings folgende Erkenntnis erlangt: „Häufig sind es genau jene, die sich am aggressivsten gegen eine Psychotherapie wehren, die sie am dringendsten nötig hätten.”

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