Stellenanzeigen: Dax-Konzerne sind schlimme Phrasendrescher
Daimler
Der Autobauer Daimler erhält laut Unternehmenssprecherin jährlich eine sechsstellige Zahl an Bewerbungen. Im Interview fragen Personaler nicht nur nach persönlichen Erfolgen, sondern auch nach Situationen, in denen es weniger rund lief. "Mit Hilfe der Frage nach Misserfolgen möchten wir erfahren, wie offen ein Bewerber damit umgeht, wie reflektiert er ist und welche Konsequenzen für das eigene Handeln gezogen werden", sagt die Unternehmenssprecherin.
Aber auch unkonventionelle Fragen gehören bei Daimler zum Vorstellungsgespräch, wie: "Sind Sie schon einmal schwarz gefahren?" oder "Wie viele Tassen Espresso werden in Italien täglich getrunken?". Mit diesen Fragen will Daimler herausfinden, wie Bewerber auf überraschende Situationen reagieren und welche Werte sie haben.
Foto: dpaAdidas
In den Bewerbungsgesprächen testet Adidas laut Unternehmenssprecherin neben fachlicher und persönlicher Eignung Kreativität, Teamfähigkeit und Selbstvertrauen. Je nach Position variieren dort die Fragen. "Unseren jungen Talenten stellen wir weniger fachspezifische Fragen, da die meisten Bewerber direkt von der Schule kommen und meist keine Erfahrung oder Vorkenntnisse besitzen", sagt die Sprecherin. Bei ihnen gehe es im Gespräch vorrangig darum, herauszufinden, ob sie Leidenschaft für Marke und Sport mitbringen. Außergewöhnliche Fragen stellen Adidas-Personaler dualen Studenten. "Die angehenden dualen Studenten werden zum Beispiel gefragt, was sie ändern würden, wenn sie einen Tag der Vorstandsvorsitzende der adidas-Gruppe wären."
Foto: REUTERSE.ON
Der Energiekonzern stellt seinen potenziellen Mitarbeitern im Bereich Strategie und Innovationen im Interview gerne mal Denksportaufgaben. „Wir suchen laufend Mitarbeiter, die gerne um die Ecke denken – und sich mit uns als Energielösungsanbieter weiterentwickeln“, sagt Marc Wiese, HR-Business-Partner von E.ON Energie Deutschland. Beliebte Fragen sind daher: "Wie viele Smarties passen in einen Smart?", "Stellen Sie sich vor, es wäre nun 15.15 Uhr. Sie schauen auf Ihre Uhr. Welchen Winkel ergeben Minuten- und Stundenzeiger?" oder "Nennen Sie zehn Dinge, die man mit einer Wäscheklammer machen kann. Außer Wäsche aufhängen."
Foto: dpaBayer
Um zu erfahren, wie ein Bewerber in einer unerwarteten Situation reagiert, nutzen Bayer-Personaler in Einstellungsgesprächen gelegentlich sogenannte "Brainteaser". Das kann zum Beispiel eine Aufforderung zu einer spontanen Markteinschätzung sein wie: "Wie viele Aspirin-Tabletten werden weltweit pro Minute konsumiert?" Bei der Antwort geht es aber nicht darum, die möglichst genaue Zahl zu nennen, sondern: "Für uns ist in der Gesprächssituation entscheidend, dass der Bewerber einen strukturierten Lösungsweg aufzeigt", sagt ein Unternehmenssprecher.
Foto: dpaDeutsche Post DHL Group
Im Gegensatz zu anderen großen Unternehmen verzichtet die Deutsche Post DHL Group in Vorstellungsgesprächen auf skurrile oder fiese Fragen. "Skurrile Fragen oder Überraschungsfragen würden unseres Erachtens nach den Bewerber nicht authentisch antworten lassen, was nicht unser Ziel ist", heißt es seitens des Unternehmens auf Anfrage. Je nach Zielposition bei der Bewerbung variieren die inhaltlichen Schwerpunkte natürlich – allerdings gibt es auch dort – unabhängig von der ausgeschriebenen Stelle – eine Auswahl häufig gestellter Fragen. Zum Beispiel: Welche Ziele haben Sie sich gesetzt? In welcher Situation haben Sie bereits persönlich Verantwortung übernommen? Welche Aufgaben haben Sie im Team gelöst und welche Rolle haben Sie dabei eingenommen? ....
Foto: dpaLufthansa
Wer bei der Lufthansa im Servicebereich arbeitet – beispielsweise als Flugbegleiter –, muss insbesondere mit situationsbezogenen Fragen im Interview rechnen. Zum Beispiel: "Anfang des Monats in Bangkok, zwei Wochen später in San Francisco: Wie würden Sie mit Klima- und Zeitverschiebungen umgehen?" oder "Können Sie sich schwierige Situationen an Bord vorstellen, in denen Sie ein guter ,Trouble Shooter' wären und die Situation entspannen?". Bewerber im wirtschaftlichen Aufgabenbereich erwarten laut Unternehmenssprecher vor allem die Klassiker: Die Frage nach den bereits gesammelten Erfahrungen oder nach der Vorstellung vom potenziellen zukünftigen Job.
Foto: dpaBASF
Wie jedes Unternehmen verlangt der Chemiekonzern BASF von seinen Mitarbeitern fachliche, aber auch soziale Kompetenzen. Um beispielsweise die Kommunikationsstärke zu erfassen, lassen sich BASF-Personalern von Bewerbern eine Situation schildern, in der sie andere für ein gemeinsames Ziel begeistern konnten. "Hier kann es sein, dass der Interviewer nach der Antwort nochmal gezielt nachfragt", sagt eine Unternehmenssprecherin. Nicht, um Bewerber aufs Glatteis zu führen. "Wir fragen kritisch nach, um die Person besser kennenzulernen und die Informationen zu erhalten, die wir für eine aussagekräftige Bewerbung benötigen."
Foto: dpaMetro Group
Bei der Metro-Group verlaufen die Vorstellungsgespräche laut einer Unternehmenssprecherin ganz individuell – und meist ohne skurrile Fragen ab. "Wir orientieren uns nicht an einem vorgeschriebenen Fragenkatalog, auch ‚ungewöhnliche‘ Fragen werden nicht fest von unseren Recruitern eingeplant." Im Interview gebe es weder richtige noch falsche Antworten. "Uns interessiert vielmehr, wie die Bewerber an Fragestellungen herangehen", sagt die Sprecherin.
Foto: dpaVonovia
Den Personalern des Wohnungsunternehmens Vonovia kommt es bei den Bewerbern vor allem auf Offenheit an. Wenn der Bewerber den Eindruck vermittelt, etwas zu verschweigen oder "zu glatte" Antworten gibt, muss er sich auf tiefergehende Fragen des Interviewers einstellen. Daneben erwarten die Jobsuchenden Fragen nach Niederlagen – und dem Umgang mit dem Misserfolg. "Unsere Personaler merken genau, welcher Bewerber authentisch antwortet und welcher auf gelernte Antworten, zum Beispiel aus dem Internet, zurückgreift", sagt ein Unternehmenssprecher.
Foto: dpaThyssenkrupp
Der Industriekonzern Thyssenkrupp nutzt bei der Personalauswahl Interview-Leitfäden, die einen Teil mit vorgegebenen Fragen beinhalten – und allen Bewerbern, egal aus welcher Abteilung, gestellt werden. Der andere Teil zielt laut Unternehmenssprecher auf die Besonderheiten der einzelnen Berufsgruppen ab. "Skurrile Fragen sind in dem Leitfaden standardmäßig nicht enthalten."
Foto: dpaPostbank
Abhängig von der Stelle gibt es bei der Postbank entweder Gespräche mit biografischen Fragestellungen oder kompetenzbasierte und tätigkeitsbezogene Assessment Center. "Im Interview können Bewerber in Rollenspiele versetzt oder vor fiktive Case Studies mit komplexen Problemen gestellt werden, die sie kreativ meistern müssen", sagt ein Sprecher.
Foto: dpaDer Stellenmarkt ist ein großartiger Spielplatz für Fans einer gepflegten Runde Bullshit-Bingo. Kreativität oder zumindest Individualität gibt es meist weder bei Bewerbern, noch bei den Unternehmen. Stattdessen herrscht Floskel-Alarm.
Im Januar hat das Karrierenetzwerk LinkedIn Bewerbungen verglichen und festgestellt: In deutschen Anschreiben wimmelt es nur so von hohlen Phrasen. Kreativ, motiviert, teamfähig, strategisch und leidenschaftlich – so ist der, der typische Bewerber.
Der Analyse des Bewerberverhaltens folgten natürlich Tipps, wie man es besser machen könne, um nicht gleich beim Personaler durchs Raster zu fallen.
Das ist natürlich richtig, aber: Die potenziellen Arbeitgeber sind nicht besser. Das haben Manfred Böcker und Sascha Theisen herausgefunden. Die beiden PR-Berater haben zusammen mit dem Softwareunternehmen Textkernel 15.000 Stellenanzeigen ausgewertet. Das Ergebnis: Dax-Konzerne sind schlimme Phrasendrescher.
Die Schlagworte „führend“, „Technologie“, „international“, „weltweit“ und „innovativ“ sind ohnehin die Lieblingsbeschreibungen der Dax 30. Das Wörtchen „führend“ tauchte in 15.000 Stellenanzeigen insgesamt 3019 Mal auf, „innovativ“ landet mit 1863 Nennungen immerhin noch auf Platz fünf der meistgenutzten Phrasen.
Natürlich haben diese innovativen, internationalen Technologieunternehmen, die auf ihrem Gebiet führend sind, konkrete Vorstellungen von ihren zukünftigen Mitarbeitern. Besonders bei Daimler, Thyssenkrupp, Fresenius, BMW, Siemens und Continental legt die Personalabteilung Wert auf flexible, einsatzbereite, engagierte und freudige Mitarbeiter. Vor allem Flexibilität wurde 2165 Mal in den 15.000 Stellenanzeigen erwähnt.
Vergleicht man nun diese Anforderungen der Unternehmen mit den Selbstdarstellungen der Bewerber, kann man nur sagen: Beide Seiten haben sich irgendwie verdient.