43 Stunden Stau: Pendeln macht uns krank
Stau im Münchener Berufsverkehr: In keine andere deutsche Stadt pendeln so viele Arbeitnehmer, wie in die bayrische Landeshauptstadt
Foto: imago imagesObwohl seit der Coronapandemie viele Unternehmen die Möglichkeit zum Homeoffice ausgebaut haben, gehört Pendeln für viele Deutsche zum Arbeitsalltag. Laut einer Erhebung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) aus dem vergangenen Sommer gab es im Jahr 2023 etwa 20 Millionen Pendler in Deutschland – also Menschen, die in einer anderen Gemeinde wohnten als sie arbeiteten. 17,2 Kilometer betrug der durchschnittliche Arbeitsweg.
„Staus und Pendlerstress gehören für Beschäftigte aus dem Umland zum Alltag“, fasste BBSR-Experte Thomas Pütz die Ergebnisse zusammen.
Wie zeitraubend die Fahrt zur Arbeit tatsächlich ist, verdeutlicht eine aktuelle Auswertung des Verkehrsdatendienstleisters Inrix: 43 Stunden stand ein durchschnittlicher Pendler im vergangenen Jahr im Stau.
Das seien drei Stunden mehr als im vergangenen Jahr. Dieser Anstieg könne mit der zunehmenden Rückkehr ins Büro zu tun haben, vermuten die Autoren.
Ein internationales Forscherteam um Fabiola Gerpott, Professorin für Personalführung von der WHU Otto Beisheim School of Management, konnte bereits vor vier Jahren in wiederholten Befragungen nachweisen, dass sich die Pendelei und der damit verbundene Ärger „entscheidend auf das Energielevel der Pendler auswirken und das wiederum die Leistung bei der Arbeit beeinflusst“, so Gerpott in einem Interview mit der WirtschaftsWoche. Wer schon gestresst bei der Arbeit ankam, konnte sich schlechter motivieren, schob Aufgaben vor sich her und war weniger hilfsbereit gegenüber Kollegen.
Eine Studie aus Südkorea unter 23.000 Teilnehmern kommt gar zu dem Schluss, dass Arbeitnehmer, die mehr als eine Stunde pendeln, ein 16 Prozent höheres Risiko haben, an depressiven Symptomen zu erkranken, als Menschen, die nur 30 Minuten pendeln. Zwar sind diese Zahlen nicht unmittelbar auf Deutschland übertragbar, aber auch die Techniker Krankenkasse hat 2018 ähnliche Ergebnisse vorgestellt. Die Versicherung kam zu dem Schluss, dass die Fehltage wegen Depressionen und anderer psychischer Leiden bei Pendlern fast elf Prozent höher lagen als bei Nicht-Pendlern.
Um die psychische Belastung der Pendler zu reduzieren, empfiehlt Professorin Gerpott, den Arbeitsbeginn flexibel zu gestalten, um nicht zu den Stoßzeiten auf der Autobahn zu stehen, oder einen Umstieg auf Bahn oder Rad zu überdenken.
Dass diese Erkenntnis zwar da ist, aber nicht immer umsetzbar, zeigt eine Befragung der Hochschule Heilbronn. Darin gaben zwar 62 Prozent der Teilnehmer an, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Auch wenn 51 Prozent dieser Autofahrer lieber das Rad nutzen würden.
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