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Business-Auftritt Die Insignien der Macht haben ausgedient

1972 gewann der Amerikaner Stan Smith das Turnier von Wimbledon. Den gleichnamigen Adidas-Schuh tragen inzwischen auch Top-Manager im Büro. Quelle: Schmott Photographers für WirtschaftsWoche

Rolex, Seidenkrawatte, Maßanzug: Klassische Statussymbole sind ein Überbleibsel der Old Economy. Viele Manager kleiden sich heute wie Praktikanten. Und gehen lieber in die Schönheitsklinik statt zum Herrenschneider.

Manchmal lässt sich das große Ganze anhand eines einzelnen Teils erklären – wenn es von Sergio Marchionne getragen wird.

Der 65-Jährige sieht aus wie ein netter älterer Herr. Meist trägt er einen gemütlichen Pulli über dem Hemd, dazu eine kleine runde Brille und eine dunkle Chino-Hose. Doch sein harmloses Auftreten täuscht. Der Chef von Fiat Chrysler und Ferrari ist einer der mächtigsten Automanager der Welt. Und einer, der Furcht einflößt, noch dazu. Bulldozer nennen sie ihn. Marchionne sei ein knallharter Sanierer, ein cholerischer Chef und extrem ungeduldig, heißt es. Man sieht es ihm bloß nicht an.

Marchionnes Auftreten passt damit perfekt zum Zeitgeist. Früher ließen sich mächtige Menschen in einem Raum recht zuverlässig an dunklen Maßanzügen und seidenen Krawatten erkennen, an dicken Uhren und mächtigen Manschetten. Heute haben die klassischen Insignien der Macht ausgedient. Rolex und Montblanc-Füller sind keine Zeugen des Erfolgs mehr. Im Gegenteil: Wer sich heute noch mit ihnen schmückt, wirkt wie ein Überbleibsel der Old Economy.

Das bedeuten die verschiedenen Business-Dresscodes

Die Globalisierung hat der modischen Informalität den Weg geebnet, die Digitalisierung Hierarchien planiert. In modernen Unternehmen wird die Duz-Kultur gepflegt, sind äußere Abgrenzungsmerkmale zu den Untergebenen abgeschafft. Das Großraumbüro schlägt das Einzelbüro, das smart geteilte Elektroauto den dicken Dienstwagen und der Pulli den Prada-Anzug.

Der Manager von heute will sich äußerlich nicht mehr von der Masse der Mitarbeiter unterscheiden, sondern modedynamisch nicht den Anschluss verlieren. Und zieht sich daher gern an wie ein Praktikant. „Die Mächtigen kleiden sich heute wie einer von vielen“, sagt Antonella Giannone, die an der Weißensee Kunsthochschule Berlin Modetheorie und Bekleidungssoziologie lehrt: „Die Zeit der Statussymbole ist vorbei.“

Siemens zum Beispiel. „Bei uns kann jeder anziehen, was er will“, hat Konzernchef Joe Kaeser mal auf einem Start-up-Event gesagt: „Es gibt keine Vorschriften.“

Nicht nur die Discounterkette Aldi Nord hat ihre Mitarbeiter bereits aus der Krawattenpflicht entlassen, auch die Investmentbank JP Morgan – ausgerechnet, gilt doch die Finanzbranche als letzter Bewahrer des optischen Konservatismus. Die Hamburger Sparkasse geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie führte 2016 den „Haspa Business Casual“ ein, der die Mitarbeiter nicht nur vom Binder, sondern auch von Anzug oder Kostüm befreit. Stattdessen sind jetzt Jeans, Chinos und offener Kragen möglich.

So geht der Krawattenknoten "Four-In-Hand"
Schritt 1Stellen Sie den Kragen Ihres zugeknöpften Hemdes auf und legen Sie sich die Krawatte mit der Vorderseite nach oben um den Hals. Dann legen Sie das längere über das kürzere Ende. Dabei sollte das kürzere Ende bei durchschnittlich großen Männern ungefähr auf Höhe der Taille enden. Diese Faustformel variiert jedoch, je nach Größe der Person und Dicke der Krawatte. Quelle: Felix Ehrenfried
Schritt 2Führen Sie das lange Ende unterhalb des kurzen Krawattenendes durch und fixieren Sie die dabei entstehende Umwicklung mit dem Finger. Quelle: Felix Ehrenfried
Schritt 3Nun schlagen Sie das lange Ende erneut über das kurze Ende der Krawatte, sodass das kurze Ende vom langen im Prinzip einmal „umwickelt“ wurde. Quelle: Felix Ehrenfried
Schritt 4Jetzt führen Sie das lange Ende nach oben an den Hals und führen es durch das Loch zwischen der umgelegten Krawatte und des Halses. Quelle: Felix Ehrenfried
Schritt 5Das ist der entscheidende Schritt: Sie stecken das lange Ende der Krawatte durch das Loch auf der Vorderseite des kurzen Endes, dass durch die Umwicklung in Schritt 3 entstanden ist. Quelle: Felix Ehrenfried
Schritt 6Wichtig dabei: Halten Sie die Umwicklung mit dem Finger immer weit oben am Hals fest, während Sie das lange Ende durch das Loch führen und den Knoten festziehen. Quelle: Felix Ehrenfried
Schritt 7Der Abschluss: Ziehen Sie die Krawatte fest und achten darauf, dass Sie mittig zwischen den Kragenflügeln sitzt. Das perfekte Finish erreichen Sie, wenn Sie der Krawatte kurz unter dem Knoten eine kleine Delle eindrücken, in Fachkreisen Dimple genannt. Das sorgt für leichte Lichtreflexion auf der Krawatte und lässt den Knoten eleganter wirken. Haben Sie die richtige Länge gewählt, sollte die Krawatte die Gürtelschließe gerade noch berühren. Quelle: Felix Ehrenfried

Die Idee kam übrigens von einem Auszubildenden. Er gab zu bedenken, dass Anzug und Krawatte eine größere Distanz zu Kunden aufbauen könnten, die ihrerseits immer seltener formal gekleidet zum Beratungstermin erscheinen. Mit der Abschaffung des Dresscodes versucht die Haspa also, optische Barrieren einzureißen. Klingt gut, einerseits. Danach, dass sich die optische Gleichmacherei positiv auf die Unternehmenskultur auswirkt. Danach, dass die gute Idee mehr zählt als die Hierarchieebene, Kreativität mehr als Status. Andererseits wird mit dem Dresscode kein Gehorsamsgefälle abgebaut. Die meisten deutschen Unternehmen sind immer noch hierarchisch organisiert. Und nur weil Allianz-Chef Oliver Bäte auf der Hauptversammlung rote Turnschuhe trägt, heißt das nicht, dass er auf die Ausübung von Macht verzichtet.

Der Soziologe Georg Simmel erklärte einst, dass Mode ein „Produkt klassenmäßiger Scheidung“ sei. Sie kann die Zugehörigkeit zu Gleichgestellten illustrieren, aber auch die Abgrenzung zu den Niedriggestellten ausdrücken. Das ist immer noch wahr. Doch auf den deutschen Bürofluren ist das mit dem Outfit komplizierter geworden.

Der Niedergang des klassischen Dresscodes der Macht begann mit dem Ausbruch der Finanzkrise. Bilder von Boni-Bankern im teuren Nadelstreifen – das wirkte obszön neben Fotos von Familien, die ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten und aus ihren Häusern ausziehen mussten. Das „Bild der Macht“ musste daher „neu konzipiert werden“, sagt Antonella Giannone.

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