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Anna-Theresa Korbutt„Es ist gut, dass Frau Korbutt nicht dem bisherigen Bild entspricht“

Richard Lutz verlässt die Deutsche Bahn. Anna-Theresa Korbutt wird als Nachfolgerin gehandelt. Warum es gut ist, dass ihr Name so früh genannt wird, erklärt eine Personalexpertin.Anabel Schröter 19.08.2025 - 13:21 Uhr
Nachfolgerin gesucht: Die Deutsche Bahn sucht eine neue Spitze. Foto: picture alliance / pressefoto_ko

WirtschaftsWoche: Frau Brosi, vergangenen Donnerstag gab die Deutsche Bahn den Weggang von Konzernchef Richard Lutz bekannt. Jetzt steht die Nachfolgersuche an. Worauf kommt es dabei an?
Prisca Brosi: Bei der Personalauswahl kommt es auf die richtige Passung an. Im spezifischen Fall der Deutschen Bahn hilft es auf der einen Seite, eine gewisse Kontinuität zu bewahren. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass die Nachfolgerin oder der Nachfolger frischen Wind und Veränderung reinbringt. Bei der Personalauswahl spielt immer die Frage mit, ob eine Person die Kompetenzen für den Job mitbringt. Bei der Personalauswahl für das Topmanagement kommt noch hinzu, dass das Unternehmen der Kandidatin oder dem Kandidaten zutraut, den Konzern zu führen.

Der Fahrgastverband Pro Bahn hat bereits einen ersten Namen als mögliche Nachfolgerin ins Rennen geschickt. Der Verband spricht sich für die derzeitige Geschäftsführerin des Hamburger Verkehrsverbunds HVV, Anna-Theresa Korbutt, aus. Was bedeutet das für sie? Ist es ein Vor- oder Nachteil, dass ihr Name so früh im Rennen ist?
Das hängt von der Perspektive ab, aus der man die Frage betrachtet. Die agile Perspektive wäre es, zu sagen, dass dieses Einbringen des Namens wie eine neue Idee ist. Heißt: Ich werfe eine Idee ins Rennen und lerne von dem Feedback. Aus den Reaktionen können dann Ableitungen getroffen werden. Aus dieser Perspektive kann es ein Vorteil sein.

Was wäre der andere Blickwinkel?
Neue Ideen sind immer mit Unsicherheiten verbunden. Und wir wissen aus der Forschung, dass Menschen eher negativ auf Unsicherheiten reagieren. Wenn man speziell diesen Fall aus einer Gender-Perspektive betrachtet, kann der Gender-Stereotyp dazu führen, dass ein weiblicher Name die Unsicherheit nochmal erhöht. Es besteht die Gefahr, dass zu schnell geurteilt wird.

Prisca Brosi Foto: PR
Zur Person
Prisca Brosi ist Professorin für Human Resource Management an der Kuehne Logistics University in Hamburg. Sie studierte Wirtschaftsingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Nach ihrem Diplomabschluss im Jahr 2006 arbeitete sie drei Jahre lang als Beraterin für die Boston Consulting Group. Brosi promovierte 2012 und habilitierte sich unmittelbar danach an der Technischen Universität München.

Frau Korbutt hat sich bereits über LinkedIn für die Wertschätzung bedankt. Und auf der Plattform gibt es viele positive Stimmen ihr gegenüber. Wie bewerten Sie das?
Das ist sehr schön. Es zeigt auch, dass sich viele Personen eine Wende oder Veränderungen bei der Bahn wünschen. Da ist es gut, dass Frau Korbutt nicht dem bisherigen Bild entspricht. Und es zeigt auch, dass man ihr als Kandidatin die Veränderung zutraut.

Bei der Deutschen Bahn kriselt es: Die Verspätungen nehmen zu, die Bahn ist hoch verschuldet, das Schienennetz ist marode. Es gibt Studien, die zeigen, dass gerade in Krisenzeiten Frauen die Karriereleiter erklimmen. Das ist die sogenannte Glas-Klippen-Theorie. Würde das in diesem Fall auch zutreffen?
Das lässt sich niemals so eindeutig identifizieren. Es gibt die Glas-Cliff-Literatur. Und wie Sie auch beschreiben, ist die Deutsche Bahn in einer Krisensituation, welche das Glass Cliff kennzeichnet. Aber der Einzelfall lässt sich immer nur argumentativ bewerten. Aber die Voraussetzungen sind gegeben und es ist definitiv eine wichtige Perspektive.

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Können Sie nochmal erläutern, was die Theorie genau aussagt?
Die gläserne Klippe besagt, dass Frauen immer dann in Führungspositionen berufen werden, wenn die Position besonders unsicher ist. Das heißt beispielsweise, dass das Unternehmen in der Krise steckt oder viele Kandidaten vor der Position zurückschrecken. Es ist also keine komfortable Situation. Da besteht dann auch die Gefahr, dass geschlussfolgert wird, dass Frauen es eben doch nicht können, wenn es nicht funktioniert. Aber der Start in einer Krise birgt auch die Chance, viel zu verändern.

Welche Gründe gibt es für diese Art der Postenvergabe?
Da gibt es verschiedene Gründe. Zum einen heißt es, dass Frauen eher die Herausforderung wählen beziehungsweise darin eine Möglichkeit sehen. Es besteht aber auch das Stereotyp, dass Frauen in Krisenzeiten besser führen, weil sie sozial kompetenter sind. Zuletzt bringt gerade die Tatsache, dass eine Frau in dieser Rolle neu ist, die Vermutung, dass sie dann auch den notwendigen Wandel bringen und managen kann.

Auch der Chefposten bei der Deutschen Bahn gilt eher als unbegehrt. Wie schwierig wird es, diese Position zu besetzen?
Ich glaube, es wird nicht einfach, da viele Punkte zusammentreffen. Wem traut das Unternehmen die Aufgabe zu? Wer traut es sich selbst zu? Und wer geht das Risiko ein, weil er oder sie in der Krise tatsächlich eine Chance sieht?

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