Krise bei Volkswagen: „Der Streik ist nur konsequent“
Mitarbeiter von Volkswagen beim Warnstreik Anfang Dezember.
Foto: imago imagesWirtschaftsWoche: Herr Schranner, bei einer Betriebsversammlung haben die VW-Mitarbeiter Konzernchef Oliver Blume ausgebuht. Beide Seiten treffen sich heute zur zweiten Verhandlungsrunde und wieder streiken Zehntausende Mitarbeiter. Schlagen Sie da als Verhandlungsexperte die Hände über dem Kopf zusammen?
Matthias Schranner: Nein, vieles hat sich abgezeichnet. Typischerweise eskalieren solche Verhandlungen vor einer Einigung immer stärker. Sie folgen einer Dramaturgie – wie ein Kinofilm. Und deshalb ist der Streik heute nur konsequent: Er wird doppelt so lange dauern wie vergangene Woche. Es eskaliert immer weiter. Das passt also alles ins Bild. Allerdings erkenne ich gerade keine Strategie in der Verhandlung.
Wieso nicht?
Es ist mir noch nicht klar, was das eigentliche Problem ist. Ist das Unternehmen wirklich ein „Sanierungsfall“, wie es Oliver Blume gesagt hat? Oder handelt es sich um ein finanzielles Problem?
Warum ist diese Unterscheidung so wichtig?
Ein Sanierungsfall beruht auf einem Strukturproblem: Sie müssen die Strategie ändern und sofort sparen. Weil Sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Sie müssen gemeinsam das ganze Schiff wenden. Da darf sich eine Verhandlung nicht monatelang hinziehen. Diese Zeit haben sie gar nicht. So wie die Verhandlungen gerade laufen, scheint VW somit kein Sanierungsfall zu sein: Herr Blume hat den Mitarbeitern zuletzt frohe Weihnachten gewünscht. Das mache ich nicht, wenn jeder Tag zählt. Nur wenn ich klarmache, was das eigentliche Problem ist, kann ich die Verhandlung auch darauf ausrichten.
Matthias Schranner
Foto: PRWas vermissen Sie in den Verhandlungen?
Einen konkreten Zeitplan. Es bräuchte unbedingt vor Weihnachten Gewissheit. Sie können die Leute ja nicht über die Feiertage mit einer so großen Unsicherheit nach Hause schicken. Sie brauchen ein Datum, bis zu dem sie sich geeinigt haben müssen.
Warum ist das gerade bei Volkswagen so wichtig?
Je mehr Zeit vergeht, desto schlechter für beide Seiten. Der Vorstand kann erst viel später Kosten einsparen. In der Belegschaft wächst die Unsicherheit. Und statt weiter zu streiken, könnten sich gute Mitarbeiter wegbewerben. Das schadet auch der Arbeitnehmerseite. Um das zu verhindern, müssen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer unter Zeitdruck setzen. Sie müssen ein Datum festlegen, bis zu dem eine Einigung stehen muss.
Und dann?
Sollten Sie zuerst die Frage klären: Worum es geht überhaupt? Sanierung oder Finanzprobleme? Dann stellen kleine Teams beider Seiten ein Eckpunktepapier zusammen, das etwa die Frage beantwortet, ob es wirklich Werksschließungen braucht. Dann tagen die Arbeitsgruppen. Und einige Tage vor der Deadline trifft man sich zur finalen Verhandlung. Sie müssen erst den Rahmen verhandeln und dann die einzelnen Punkte! Wichtig sind auch Nicht-Gespräche, vertrauensvolle Dialoge, bei denen ich bei der Gegenseite abklopfe: Was wäre für euch noch möglich? Was ist für euch nicht verhandelbar? An manchen Äußerungen merkt man gerade, dass diese vertrauensvollen Nicht-Gespräche wahrscheinlich nicht oder nicht ausreichend stattgefunden haben.
An welche Äußerungen denken Sie?
Betriebsratschefin Daniela Cavallo sagte, mit ihr werde es keine VW-Standortschließungen geben.
Allerdings gehört das doch dazu, oder nicht? Die meisten Gewerkschafter trommeln doch vor Tarifverhandlungen für ihre Positionen.
Stimmt. Doch es ist etwas anderes, ob Sie trommeln oder rote Linien ziehen. Trommeln gehört zum Handwerk der Gewerkschaft. Rote Linien sind gefährlich. Diese Festlegung führt erstens zum Gesichtsverlust, wenn dann doch Werke schließen müssen – und sei es nur eines von dreien. Und Frau Cavallo engt die Verhandlungsmasse so total ein. Sie müssen nun mal als Verhandlungspartner eine gewisse Flexibilität signalisieren. Erst recht, wenn sie sich – anders als bei Einkaufsverhandlungen – nicht aussuchen können, mit wem sie am Tisch sitzen. Und VW kann schlecht mit einer anderen Gewerkschaft verhandeln.
Was beobachten Sie bei Konzernchef Blume?
Er ist der Konzernvorstand und müsste sich in diesem Amt viel stärker als bindende Kraft präsentieren und sich viel emotionaler geben. Die Menschen haben Angst, ihren Job zu verlieren. Und das in einer Region, wo sie nicht kurzerhand zu anderen großen Arbeitgebern wechseln können. Diese Angst muss er adressieren! Herr Blume präsentiert sich bislang nur als Arbeitgeber und ist somit logischerweise das Feindbild der Arbeitnehmer. Dabei hat die Marke VW ja auch einen eigenen CEO, Thomas Schäfer. Herr Schäfer hat übrigens gut dargelegt, wie lange der Umbau der Marke VW aus seiner Sicht dauern würde und was es dafür braucht. In den Äußerungen von Herrn Blume erkenne ich einen solchen Plan nicht. Und wichtig ist auch, dass Herr Blume mit der „CEO“ der Gegenseite spricht. Im Fall der IG Metall ist das Christiane Benner.
Die IG-Metall-Vorsitzende wird bei einer Kundgebung auftreten.
Und das könnte wirklich gefährlich werden, wenn Frau Benner ihrerseits rote Linien zieht. Die mächtigsten Personen – Blume und Benner – dürften eigentlich noch gar nicht auf der Bühne stehen. Wenn sie sich festlegen, droht die Verhandlung zu scheitern. Denn ihre roten Linien sind dann verbindlich.
Die Fronten sind verhärtet und gerade scheint es so, als würden beide Seiten darauf warten, was die andere tut. Ist das ein kluges Vorgehen?
Auf keinen Fall! Sie müssen sogar zuerst Bewegung anbieten – aber nicht einknicken. Wer zuerst Forderungen stellt, kann die Stimmung in der Verhandlung entscheidend beeinflussen. Im Fall von Volkswagen kam das erste konkrete Forderungspaket von der Gewerkschaft, die ein „Zukunftskonzept“ erarbeitet hat. Die Kompetenz, das Unternehmen zu führen, liegt allerdings beim Management, nicht der Belegschaft. Die Manager müssen die Vorschläge entwickeln. Das Problem für den Vorstand ist, dass der Vorschlag für Außenstehende ganz vernünftig aussieht. Und jetzt müssen sie diese Vorschläge wegverhandeln, das ist alles andere als einfach.
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