Warum ein Jobwechsel glücklich macht: „Das Honeymoon-Gefühl fällt jedes Mal stärker aus“
Nach dem Jobwechsel steigt die Zufriedenheit in der Regel stark an.
Foto: imago imagesFür Wiebke Doden ist der Start in einen neuen Job vergleichbar mit einer „aufregenden, neuen Liebesbeziehung“. Schließlich steigt die Zufriedenheit erst mal stark an. Zu Beginn ist da die Aufregung, die Euphorie. Da sind die neuen Kollegen, die neuen Aufgaben. Doden forscht am Londoner King’s College zu Jobwechseln – und weiß: Nach der anfänglichen Euphorie folgt in der Regel der Realitätscheck. Ernüchterung, Resignation. Wohl doch nicht so grün das Gras hier. Die Zufriedenheit nimmt wieder ab.
Es ist ein Zusammenhang, der zwar allzu nachvollziehbar klingt – und doch erst seit den 2000er-Jahren wirklich belegt ist. Damals veröffentlichten drei Forscher aus den USA eine Studie im renommierten „Journal of Applied Psychology“. Wendy Boswell, John Boudreau und Jan Tichy werteten dafür Antworten von 538 Managerinnen und Managern aus, die sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten zwischen 1992 und 1996 befragt hatten, und von denen viele in dieser Zeit den Job gewechselt hatten.
Die Phase der ansteigenden Zufriedenheit nannten sie „Honeymoon“, Flitterwochen. Die andere Phase „Hangover“, Kater. Es entstand der „Honeymoon-Hangover-Effekt“, der heute in der Arbeitspsychologie eine große Rolle spielt.
Allerdings haben die Forscher eben „nur“ fünf Jahre betrachtet. Was aber passiert in längeren Zeiträumen? Macht uns der Jobwechsel nachhaltig zufriedener? Shoshana Dobrow, die an der London School of Economics and Political Science forscht, hat mit zwei Kollegen eine Studie im „Journal of Management“ veröffentlicht, in der die Forscher Daten von 21.670 Teilnehmern, die in insgesamt 34 Erhebungswellen über 40 Jahre hinweg erfasst wurden, analysiert. Ihre Beobachtung: Je länger Beschäftigte bei einem Arbeitgeber sind, desto unzufriedener sind sie. Mit dem Wechsel von einem Unternehmen zum anderen stieg die Zufriedenheit an.
Das ist erst mal eine gute Nachricht für alle, die mit Wechselgedanken spielen oder bereits einen neuen Job angenommen haben. Doch wovon hängt es ab, ob wir auch wirklich zufrieden sind?
Auf den Charakter kommt’s an
Da wäre zum einen die Frage, ob Beschäftigte den eigenen Wechsel als Aufstieg oder als Abstieg empfinden. „Geht ein Jobwechsel mit einem gefühlten Aufstieg, samt mehr Verantwortung und höherem Gehalt einher, fördert das die Zufriedenheit“, sagt Wiebke Doden. 2020 untersuchten vier Forscher britischer Hochschulen Daten von 10.000 Personen, die über 18 Jahre lang jährlich befragt wurden. Sie konnten zeigen, dass „nur diejenigen, die auf der beruflichen Karriereleiter aufsteigen, signifikante Flitterwochen-Effekte erleben, während diejenigen, die absteigen, Unzufriedenheit erfahren, die noch mehrere Jahre nach dem Übergang anhält“, so schreiben sie.
Die Persönlichkeit etwa, so sagt es Wiebke Doden, spielt ebenso eine Rolle. Es gibt nämlich Charaktereigenschaften, die den Jobwechsel begünstigen. Psychologen haben sich in der Vergangenheit vor allem Extraversion und emotionale Stabilität angeschaut. In der Studie aus Großbritannien konnten die Forscher feststellen, dass die Frustration bei einem gefühlten Abstieg umso stärker ausfällt, wenn die Beschäftigten besonders neurotisch sind. Wenn sie also reizbar, launenhaft und anfällig für Stress sind.
Die Forscher stellten auch die Hypothese auf, dass Extrovertierte zufriedener bei einem Jobwechsel sind als Introvertierte. Immerhin können sie im neuen Job womöglich besser neue Beziehungen knüpfen, im Meeting auch mal die Meinung sagen. Doch tatsächlich fanden sie keinen Effekt: Der Jobwechsel machte Introvertierte ähnlich zufrieden.
Tatsächlich ist auch Lebensglück ein entscheidender Faktor für die Adaptionsfähigkeit im neuen Umfeld: Wer glücklicher im Leben ist, ist auch nach einem Jobwechsel zufriedener, zeigen Forschungen.
Wer vielleicht nicht über den optimalen Charakter verfügt, kann der Zufriedenheit allerdings trotzdem auf die Sprünge helfen – und häufiger mal von vorne anfangen: „Selbst bei mehreren Jobwechseln tritt kein Gewöhnungseffekt ein“, sagt Wiebke Doden. Im Gegenteil: „Studien haben gezeigt, dass das Honeymoon-Gefühl jedes Mal stärker ausfällt, wenn Beschäftigte häufiger den Job wechseln.“
Die richtige Einstellung
Wiebke Doden selbst fand in einer Studie mit ihren Kollegen heraus, dass auch die Einstellungen der Beschäftigten eine Rolle spielen. Sie analysierte die Jobwechsel von Menschen, die entweder besonders die eigene Karriere im Blick haben oder Wert auf Loyalität, Sicherheit und das Wohl des Arbeitgebers legen. Und wer seine Karriere stärker an eine Organisation bindet, dessen Zufriedenheit steigt nach dem Hangover sogar wieder stark an. Anders als bei den selbstzentrierten Menschen.
Auch die Art des Neuanfangs spielt eine Rolle: Wenig überraschend sind Beschäftigte im neuen Job zufriedener, wenn sie freiwillig gewechselt sind und nicht etwa im Zuge einer Restrukturierung den Job verloren haben, zeigen Forschungen.
Selbst wer nicht über die optimalen Charaktereigenschaften verfügt oder rausgeschmissen wurde, kann selbst etwas dafür tun, dass der Jobwechsel zum Erfolg wird. Proaktivität, so sagt es Doden, begünstigt den gelungen Jobwechsel. „Vorher Informationen einsammeln, persönliche Beziehungen zu den neuen Kollegen aufbauen.“ All das eben. „Aber auch die Frage, wie gut das Onboarding seitens der Organisation gestaltet ist, spielt eine Rolle.“
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