Deutsche Auktionshäuser: Wie lange hält die Hausse am Kunstmarkt?
Danke für die Blumen: Spitzenpreis für Spitzenwerk. Emils Noldes "Helles Sonnenblumenbild", 1936, Auktionshaus Grisebach, 1.045.000 Euro.
Foto: Griesebach/Fotostudio Bartsch BerlinAls Henrik Hanstein vor knapp 30 Jahren gefragt wurde, was er davon halte, dass ein Bild von Vincent van Gogh für sagenhafte 37 Millionen D-Mark versteigert worden sei, antwortete der Chef des Kölner Auktionshauses Lempertz: „Ist es nicht wunderbar, dass ein Stück bemalte Leinwand vielleicht bald so viel wert ist wie ein paar Starfighter?“ Inzwischen hat der Wunschtraum von der wundersamen Wertvermehrung die Wirklichkeit überboten. Die Branchenriesen Christie’s und Sotheby’s melden von Saison zu Saison neue Weltrekorde: Der „teuerste lebende Künstler“, das „teuerste Kunstwerk“ – Superlative, die vom Nimbus der Kunst und von der Macht des Geldes zeugen.
Das Publikum soll staunen über ehrfurchtgebietende Preise, die in einem Akt demonstrativer Verausgabung für seltene Meisterwerke bezahlt werden. Das jüngste Beispiel: der Ende des Ersten Weltkriegs entstandene „Liegende Akt“ von Amedeo Modigliani. Das einstige Skandalbild, das eine lässig hingestreckte Schönheit zeigt, kam Anfang November auf der New Yorker Versteigerung von Christie’s für umgerechnet 158,5 Millionen Euro unter den Hammer und ist damit nach Picassos „Les Femmes d’Alger“ (167 Millionen Euro, Christie’s, 2015) das zweitteuerste Gemälde „aller Zeiten“.
Museum of Medieval Torture Instruments, Damrak 33, 1012 LK Amsterdam
Das niederländische Kulturzentrum Amsterdam bietet mit Häusern wie dem Van Gogh Museum oder dem Rijksmuseum nicht nur einige der besten Ausstellungshallen für die höhen Instinkte, sondern einiges für die weniger hohen. Neben Dingen, die dem lebensfrohen Image Amsterdams entsprechen wie Cannabisprodukten (Hash Museum) oder gleich zweien zum Thema Sex zählt das Foltermuseum zu den Touristenmagneten.
Von Guillotine und dem Judas Thron bis zu weniger bekannten Dingen wie der Heretiker-Gabel, alle Arten menschlichen Erfindergeistes in Sachen Sadismus fein systematisch aufgeteilt in Instrument zu Ganz-Körper-Folter, sowie Unterleib und Oberkörper. Dargestellt mit Hifle lebensechter Wachspuppen.
Foto: Ctny (Clayton Tang)
Foto: Creative CommonsCol·lecció de Carrosses Fúnebres, CArrer de la Mare de Déu de Port, 56-58, 08038 Barcelona
Warum ausgerechnet eine der lebensfrohesten Städte Europas die größte Schau von Leichenwagen hat, wird wohl eher ein Geheimnis der Katalanen bleiben. Freunde des Pomp auf der letzten Reise finden die Kutschen und Fahrzeuge vom späten 18. bis zu Mitte des vergangenen Jahrhunderts, viele davon mit stilecht in Uniformen und Perücken angetanen Puppen.
Foto: Anoryat
Foto: Creative CommonsInternational UFO Museum and Research Center, 114 North Main Street, Roswell, New Mexico 88203, USA
Es ist kein Ort für rationale Skeptiker: das Ufo Museum & Research Center dokumentiert akribisch alles rund um den Absturz eines Flugobjekts im Juli 1947 beim geheimen Flugplatz der Area 51 in Roswell im US-Bundesstaat New Mexico.
Für die einen war es ein Ufo mit Außerirdischen, für die zuerst unsicheren Behörden ein Wetterballon, der da niederging. Das Ganze geschah nahe der Straße Richtung Corona - Verbindungen zum im Süden der USA sehr beliebten mexikanischen Bier des gleichen Namens sind sicher zufällig. Und wer die grünen Männchen mit den großen Augen im Trockeneis-Nebel oder die nachgestellte Alien-Autopsie nicht recht ernst nehmen kann, findet im Museumsladen immerhin eine Auswahl an Souveniers, die nicht so recht von dieser Welt ist. Dieser Tage sehr beliebt: außerirdischer Christbaumschmuck.
Foto: Sand
Foto: GemeinfreiMeguro Parasitological Museum, 4-1-1, Shimomeguro, Meguro-ku, Tokyo 153-0064, Japan
Japan vereint problemlos minimalistische Ästetik, hohe Sinnenfreuden und mit höchstem Ernst präsentierte Merkwürdigkeiten. Tokio-Besucher können entsprechend mit dem Grutt Pass für 60 Museen im Edo-Tokyo das Stadtleben früherer Jahrhunderte bestaunen, das kulturgeschichtliche Tokyo National Museum besuchen oder im obersten Stock des Mori Towers in Rappongi Hills Penthouse die Sammlung Moderner Kunst des Mori Museum bewundern.
Es geht aber auch skurril bis unappetitlich: Da wäre zum Beispiel das Surigami Animation für selbst erstellte Comics, das (leider nicht im Grutt Pass enthaltene) Cupnoodles Museum zur Geschichte der Instant-Ramen-Nudel-Becher und natürlich das Parasiten Museum. Die streng wissenschaftliche Schau bietet Hartgesottenen einen tiefen Blick in die „wunderbare Welt“ (Museumswerbung) von Würmern, Maden und anderen Bewohnern lebendiger Wesen.
Foto: CLARK/obsMuseum of Broken Relationships, Ćirilometodska ulica 2, 10000, Zagreb, Kroatien
Auch wenn die Internetadresse Brokenships.com eher auf Schiffunfälle deutet, am Ende geht es um Liebeskummer in allen Varianten und um die wohl größte Herausforderung: etwas darstellen, was nicht mehr da ist. Das Museum der zerbrochenen Beziehungen im kroatischen Zagreb versucht dies anhand von Gegenständen mit besonderem Erinnerungswert wie Kuschelbären, Gedichten und Dingen wie Nasensprays.
Das brachte dem Museum nicht nur jede Menge Auszeichnungen wie „Innovativstes Museum 2011“, sondern auch jede Menge Einladungen zu Gastausstellungen vom amerikanischen San Francisco über Berlin und Kapstadt, Südafrika, bis in die taiwanesische Hauptstadt Taiwan. Mitgereist sind die passenden Dinge des Geschenkeladens wie Bad Memory Eraser (Radiergummi für schlechte Erinnerungen) oder dem Anti-Stress-Stift mit Sollbruchstelle in der Mitte.
Foto: WirtschaftsWocheThe Museum of Witchcraft, The Harbour, Boscastle, Cornwall PL35 0HD, Vereinigtes Königreich
Die Liebe für das Mittelalter und alles Fantastische zeigt sich in der britischen Provinz nicht nur in Kult um Harry Potter oder dieser Tage besonders um J.R.R. Tolkien mit dem seiner Saga um den Hobbit und den Herrn der Ringe. Liebevoll pflegen sie auch viele kleine Museen. Das beliebteste ist das Museum of Witchcraft in Cornwall im Südwesten Englands, auch weil das Haus dank einem eigenen Twitter-Accopunt (@witchmuseum) recht zeitgemäß auftritt.
Und doch wäre aus der Sammlung rund um Zauberei und Okkultismus fast nichts geworden, weil beim ersten Versuch der Gründung 1947 in Stratford-upon-Avon der Widerstand der Bürger der Shakespeare-Stadt zu groß war. So startete der zweite Versuch in der irischen See auf der Isle of Man, stilecht mit einer „Resident Witch“. Weil dem Gründer Cecil Williamson da zu wenig los war, zog er – nach drei von Anwohnern vereitelten Gründungsversuchen in den USA, Windsor und Gloucestershire – ins offenere Cornwall.
Dass die Picasso-Marke geknackt wird, scheint angesichts der andauernden Preisexplosionen nur eine Frage der Zeit. 51 Milliarden Euro sind im vergangenen Jahr auf dem globalen Kunstmarkt umgesetzt worden. Sieben Prozent mehr als im Vorjahr, 150 Prozent mehr als vor zehn Jahren, 600 Prozent mehr als Anfang der Neunzigerjahre.
Die Hälfte des Umsatzes geht auf das Konto der Auktionshäuser. Allein Christie’s und Sotheby’s erzielen Umsätze von fast 15 Milliarden Euro; mehr als die Hälfte stammt aus der Versteigerung von Werken, die teurer als zwei Millionen Dollar sind.
Wie schlagen sich im Vergleich dazu die deutschen Auktionshäuser? In welcher Liga spielen Grisebach, Ketterer und Lempertz, die drei ähnlich großen Häuser aus Berlin, München und Köln?
Ach, was heißt schon Liga? Die deutschen Mittelständler werden nicht von den paar Hundert Superreichen angesteuert, die in Zeiten hoher Goldpreise und niedriger Zinsen an einer Diversifizierung ihres Portfolios interessiert sind und den Markt gezielt nach Blue Chips der Klassischen Moderne und den renditeträchtigsten Gegenwartskünstlern (Jeff Koons, Gerhard Richter, Damien Hirst) absuchen lassen.
Während Sotheby’s und Christie’s den Charakter von Finanz-Kunst-Instituten mit angeschlossenem Versteigerungsraum angenommen haben, versammelt der deutsche Auktionsmarkt eine bunte Kundschaft aus Besitz-, Bildungs- und Konsumbürgertum. Hier bieten etablierte Sammler für Wolkenstudien aus dem 19. Jahrhundert und junge Erben für ein exklusives Blatt von Adolph Menzel. Hier interessiert sich ein anonymer ausländischer Käufer für ein Großformat von Günther Förg, ein stadtbekannter Orthopäde für eine Mappe mit Skizzen von Georg Baselitz oder auch ein Kunststudent für eine Grisaille von Bernard Schultze. Rund ein Drittel der Käufer kommt aus dem Ausland, sie geben zwischen 1000 und 1.000.000 Euro für ein Kunstwerk aus, gelegentlich auch mehr. Ein Nischenmarkt, gewiss, doch nach den USA, Großbritannien, China und Frankreich immerhin der fünftgrößte der Welt.
Um die Dimensionen noch einmal zu verdeutlichen: Der Umsatz von Sotheby’s und Christie’s allein in Europa übertrifft den der drei deutschen Mittelständler um das 30-Fache. Der chinesische Geschäftsmann, der Modiglianis Schöne nach langem Bieterstreit ersteigerte, hätte für sein Geld auch fünf Jahressortimente der Klassischen Moderne von Grisebach, Ketterer und Lempertz abräumen können – eine veritable Sammlung mit 500 Gemälden von Emil Nolde, Egon Schiele, August Macke, Lovis Corinth, Karl Hofer, Gabriele Münter.
Bisher hielt die Erbin der WestLB ihre Kunstschätze vor der der Öffentlichkeit geheim. Nach einem Bericht der Rheinischen Post wird jetzt erstmals der gesamte Umfang der Kunstwerke im Portigon-Besitz bekannt – insgesamt rund 400 Werke. Ihr Gesamtwert wird auf einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt. Zur Sammlung gehören etwa Werke der klassischen Moderne wie etwa ein „Gartenbild“ von August Macke.
Foto: Creative CommonsIm November versteigerte das Land Nordrhein-Westfalen in New York zwei Warhol-Gemälde aus Beständen der Westspiel-Gruppe für über 120 Millionen Euro und musste dafür Kritik einstecken. Auch der Portigon-Sammlung könnte eine Privatisierung bevorstehen, bisher ist unklar, was mit ihr geschieht.
Foto: APLaut einer bislang geheim gehaltenen Inventarliste des Finanzministeriums NRW sind neben August Mackes „Der Macke'sche Garten“ auch Werke wie Joseph Beuys „Selbstporträt“ und „Rechtecke versetzt“, Max Bills „Felder aus acht Farbgruppen“ und „Stab“ oder Sigmar Polkes „Widder im Vollmond“ eins bis vier Teil der Portigon-Kunstsammlung. Zu den Werken der klassischen Moderne in der Portigon-Sammlung gehören auch eine Ansicht Konstantinopels von Paul Signac (Bild) und das „Rote Haus“ von Gabriele Münter. Die Portigon-Rechtsvorgängerin WestLB hatte die Werke in den Sechziger und Siebziger Jahren erstanden.
Foto: Creative CommonsWie RP Online herausfand, ist auch die „Frau im Profil“ von Emil Nolde Teil der Portigon-Sammlung, ebenso „Zwei Mädchen“ von Hans-Peter Feldmann, das „Working Model for Stone Memorial 1961“ von Henry Moore, Robert Rauschenbergs „One more and we will be halfway there„ und „6 Anordnungen von Farben“ von Gerhard Richter. Auch der hoch gehandelte Fotokünstler Wolfgang Tillmans steht auf der Inventarliste, ebenso Künstler der Düsseldorfer Fotoschule wie Thomas Struth oder Candida Höfer. Auch einige Stierlithographien aus der berühmten Serie von Pablo Picasso (wie hier aus einer anderen Sammlung) gehören der Portigon.
Foto: dpa Picture-AllianceZur selben Zeit erstand die damalige WestLB auch eine Gruppe von abstrakten und konstruktivistischen Kunstwerken, darunter Arbeiten von Max Bill. Der Künstler ist etwa für die Dreiergruppe aus Bildsäulen (Bild) vor dem Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart verantwortlich. Portigon besitzt zudem Arbeiten von Morris Louis, Victor Vasarelys, Reliefs von Jan Schoonhoven, und Plastiken von Nicolas Schoeffer.
Foto: Creative CommonsEin großer Teil der Portigon-Sammlung besteht aus zeitgenössischer Kunst von 1960 bis heute, darunter sind Werke von Nachwuchskünstlern der Düsseldorfer Kunstakademie. Angesehene deutsche Künstler wie Joseph Beuys (Bild) sind vertreten, ebenso wie Imi Knoebel, Gotthard Graubner, die Zerokünstler Uecker, Piene, Mack und Luther, Isa Genzken, Hans Peter Feldmann und Katharina Grosse.
Foto: dpaEinen vierten Schwerpunkt der Kunstsammlung macht die zeitgenössische Fotokunst aus, sie ist ebenfalls eng mit der Düsseldorfer Kunstakademie verknüpft. Die international geschätzten Fotokünstler Bernd und Hilla Becher haben mehrere Generationen junger Nachwuchskünstler unterrichtet. Hier sieht man die Professoren im Museum K21 in Düsseldorf.
Foto: dpa-dpawebWerke der zeitgenössischen Fotografie aus der Portigon-Kunstsammlung stammen etwa von Candida Höfer (Foto), Thomas Struth, Jörg Sasse, Jitka Hanzlová oder Elger Esser.
Foto: dpa Picture-AllianceNeben Kunst gehört auch klassische Musik zur Sammlung der Portigon: So sind mehrere wertvolle Stradivari-Violinen im Besitz der Bank, ebenso wie ein Violoncello von Joseph Rocca. Die Instrumente befinden sich jedoch im Sinne der Hochbegabtenförderung derzeit in den Händen junger Künstler: Suyoen Kim darf die Stradivari „ExCroall“ von 1684 spielen, Lena Wignjosaputro das Rocca-Violoncello von 1860.
Foto: dpa Picture-AllianceAuch ein bekannter Violinist profitiert von der Portigon-Sammlung: Die wertvolle Violine „Lady Inchiquin“, von Antonio Stradivari 1711 in Cremona gefertigt, gehört seit 2002 zur Sammlung – seither spielt Violinist Frank Peter Zimmermann (Bild) das edle Instrument, auch Geiger und Komponist Fritz Kreisler spielte schon auf der „Lady Inchiquin“.
Foto: dpa Picture-Alliance
Was soll’s. Die deutschen Mittelständler fühlen sich wohl in ihrer Nische, die Geschäfte gehen gut. Das Auktionsvolumen von Grisebach hat sich von 26,4 Millionen (2000) über 47,8 Millionen (2007) auf rund 56 Millionen Euro (2015) dynamisch entwickelt, auch über die schwierigen Krisenjahre hinweg. Analog zum Umsatz, sagt Geschäftsführerin Micaela Kapitzky, hat sich „auch die Zahl der Bieter seit 2000 mehr als verdoppelt“.
Das gleiche Bild bei Lempertz: Seit 30 Jahren, berichtet Henrik Hanstein, habe es „ständig steigende Umsätze“ gegeben, „allenfalls mal Stagnation“. Auf gut 26 Millionen Euro beziffert Hanstein die Erlöse des ersten Halbjahrs 2015 – ohne die Schmuckauktion Ende Juli in Monte Carlo, die noch einmal 9,1 Millionen Euro erbrachte. Auch Robert Ketterer, Inhaber des Münchner Auktionshauses, spricht von einer „stabilen Wertentwicklung“. Ketterer hat eine „Delle“ wahrgenommen Anfang der Neunzigerjahre, als er das Haus mitten in der Kuwaitkrise von seinem Vater übernahm. „Seitdem sind wir kontinuierlich besser geworden“, so Ketterer – vor allem durch eine Konzentration des Angebots auf klassische Moderne und Gegenwartskunst.
Auch in der Dotcom-Krise 2001, als die Objektakquise „extrem schwierig“ wurde, weil sich die Sammler mangels alternativer Wertanlage nicht von ihren Stücken trennen wollten, habe Ketterer „einen starken Aufschwung genommen“. Und in der Finanzkrise seien die Preise „durch die Decke gegangen“. Ketterer verbuchte mit Bildern von Emil Nolde und Max Pechstein Rekordzuschläge von 2,5 und 3,5 Millionen Euro. Grisebach erlöste für die Rüstungsphantasien von Adolph Menzel 3,3 Millionen.
Die Gründe für die anhaltende Hausse des Kunstmarkts sind komplex. Neben den individualpsychologischen Motiven – Distinktionsbedürfnis und Wunsch nach Selbstauszeichnung – spielt eine ganze Reihe von neuen Aspekten eine Rolle, die soziologisch noch nicht aufgeschlüsselt sind, sich aber wechselseitig bedingen und verstärken: erstens die schiere Ubiquität von zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum, auf Messen und Kunstbiennalen, in Galerien und immer neuen (Privat-)Museen.
Zweitens die scheinbare Transparenz des Kunsthandels, die Sichtbarkeit und Vergleichbarkeit von Künstlern, Werken und Preisen im Internet. Drittens die Objektivität von Auktionsergebnissen: Sie sind der „öffentliche Beweis“, sagt Grisebach-Geschäftsführer Florian Illies, „dass ein bestimmtes Kunstwerk einen bestimmten Marktpreis hat“. Viertens schließlich die „Demokratisierung“ des Auktionsgeschäfts durch den gezielten Abbau von Schwellenängsten sowie durch laufend neue Angebote für Inhaber schmalerer Portemonnaies (Lithografien, Editionen) und verbreiteter Spezialinteressen (Fotografie).
Superman-Comic
Zehn Cent zahlten Käufer 1938 für ein Heftchen mit dem ersten Superman-Cover. Am 5. August 2016, 78 Jahre später, wechselte das Heftchen bei einer Versteigerung für knapp eine Million Dollar den Besitzer. Wie das Auktionshaus Heritage Auctions im texanischen Dallas mitteilte, lag das „Action Comics #1“-Heft damit weit über seinem Schätzwert von 750.000 Dollar. Von den Heften der Erstauflage sind nach Angaben des Auktionshauses heute nur noch etwa hundert Exemplare erhalten. Die nun versteigerte Ausgabe stammte von einem amerikanischen Sammler, der das Heftchen in den Neunzigerjahren für 26.000 Dollar erstanden hatte.
Die höchsten Comic-Preise zahlen Sammler übrigens in den USA. Die deutsche Erstausgabe von Micky Maus wird mit 12.000 Euro geschätzt. Höchstpreise erzielen aber nur Exemplare ohne Abnutzungserscheinungen, gut verpackt und versiegelt. In den USA gibt es dafür ein fein abgestuftes Bewertungsraster von „mint“ (druckfrisch) bis „poor“ (erbärmlich).
Foto: IMAGOWein
Auch Wein ist bei Sammlern begehrt. Den bislang höchsten Preis erzielte eine Flasche 1974er Chateau Cheval Blanc. Die einmalige Flasche wurden von einem Liebhaber für 304.000 US-Dollar gekauft. Fünfstellige Beträge sind für seltene Weine nicht ungewöhnlich. Allerdings müssen die edlen Tropfen fachgerecht gelagert werden, um weiterhin schmackhaft zu bleiben. Bestimmte Weine können ihren Wert bei richtiger Lagerung um bis zu 20 Prozent jährlich steigern.
Foto: IMAGO
Tee
Matcha Latte, Ingwer-Zitronenmyrte, Masala Chai – Teetrinken liegt auch bei jungen Leuten im Trend, wie der Deutsche Teeverband berichtet. Dementsprechend rasant wächst die Zahl verschiedener Sorten auf dem Markt. Sammler suchen vor allem nach gut gereiftem Chinatee mit holzigem Geruch. In Platten gepresst, reift er wie Käse und kann dann 100 bis 150 Jahre später schon mal mehr als 10.000 Dollar kosten.
Foto: dpaDinosaurierknochen
Ihr Reiz besteht darin, dass sie schon zig Millionen Jahre alt sind: Weil sie bei Sammlern Spitzenpreise erzielen, wird so manches Dinosaurierskelett sogar von renommierten Auktionshäusern wie Sotheby's oder Christie's versteigert - oftmals so teuer, dass selbst Museen nicht mehr mitbieten. Große, gut erhaltene Skelette kosten leicht Millionenbeträge. Selbst für kleine Flugsaurier werden schnell fünf bis sechststellige Euro-Beträge fällig. Entscheidend für den Preis ist weniger die wissenschaftliche Bedeutung, sondern eher Größe, Ästhetik, weitgehende Vollständigkeit und ein insgesamt guter Zustand. Die meisten Funde stammen aus den USA. Dort dürfen Landbesitzer behalten, was sie auf ihrem Grund finden. In anderen Ländern hat der Staat ganz oder teilweise das Zugriffsrecht. In China ist unter den Knochenjägern regelrecht Goldgräberstimmung ausgebrochen. Obwohl Funde aus China nicht verkauft werden dürfen, tauchen Dinosaurierknochen von dort immer wieder auf Auktionen auf. Aber auch der Handel mit gefälschten Knochen nimmt zu.
Foto: APFossilien
Fossilien zu sammeln hat einen eigenen Charme, denn die Funde sind Millionen von Jahren alt. Es gibt allerdings viele nahezu wertlose, weil häufig vorkommende Fossilien. Hinzu kommt, dass derlei Versteinerungen in manchen Bundesländern per Gesetz dem Land ganz oder zur Hälfte gehören. Auf Messen oder Fachtagungen werden Fossilien auch gehandelt. Generelle Aussagen zur Rendite sind kaum möglich und es gibt sogar Fälschungen.
Foto: FotoliaPorzellan
Jahrhundertelang hüteten die Chinesen das Geheimnis der Porzellanherstellung und drohten Verrätern mit Strafe. Marco Polo brachte es erstmals nach Europa. Erst im 18. Jahrhundert lüfteten die Sachsen das Produktionsgeheimnis. Meißener Porzellan hat seitdem eine herausragende Stellung unter Sammlern in Europa. Viele Stücke erschienen in streng limitierter Auflage. Generell steigt der Wert um acht bis zehn Prozent jährlich, besonders begehrte und seltene Stücke auch deutlich mehr.
Foto: IMAGO
Rum
Anders als Whisky, Wein oder Cognac findet Rum erst seit kurzem immer mehr Fans unter Anlegern. Dabei ist die Vielfalt enorm und in den vergangenen Jahren erzielten kundige Rum-Sammler beachtliche Wertsteigerungen mit Flaschenpreisen von bis zu 1000 Euro. Ausgewählte Sorten verzeichneten seit 2008 Preissteigerungen um mehr als 300 Prozent. Besonders geeignet als Wertanlage sind ausgesuchte, lang gereifte Sorten und alte Abfüllungen von den karibischen Inseln.
Foto: FotoliaUhren
Uhren sind nicht nur ein Statussymbol, manche Exemplare haben gar den Wert einer Villa. Die derzeit teuerste Uhr ist die Grandmaster Chime des Schweizer Herstellers Patek Philippe. Im November vergangenen Jahres fand die Uhr aus 18 karätigem Roségold auf einer Auktion in Genf innerhalb von fünf Minuten einen neuen Besitzer - für 29 Millionen Euro.
Die größte Rolle bei der Wertentwicklung der Schmuckstücke spielt die Marke. Besonders beliebt sind neben Patek Philippe auch Rolex, Cartier oder Chopard. Weiter bemisst sich der Wert einer Uhr nach Zusatzfunktionen und Seltenheit.
Foto: IMAGOÜberraschungseier
Seit 1974 gibt es die Überraschungseier von Ferrero, fast genauso lange wird das Spielzeug im Inneren der Schokoladenhülle von Liebhabern gesammelt. Vor allem auf die Serien von Miniaturfiguren wie Schlümpfe, Disney-Figuren oder Biene Maja haben es Fans abgesehen. Die Figuren der ersten Serien nach 1981 waren noch handbemalt und sind besonders begehrt. Wertvollste Figur ist der aus blauem Plastik gegossene "Nachwächterschlumpf" im Wert von 12.000 Euro. Generell gilt: Je älter, umso höher der Sammlerpreis. Aber wie bei Briefmarken erzielen Verkäufer oft nur 30 bis 60 Prozent des Preises im Sammlerkatalog. Komplette alte Serien mit Beipackzettel und einer Pappkulisse - dem so genannten Diorama - können mehrere tausend Euro einbringen. Doch Vorsicht: Auch kaum identifizierbare Fälschungen sind im Umlauf.
Foto: dpa/dpawebSchreibwerkzeuge
Edle Füllfederhalter sind seit jeher Statussymbol, wurden von Kugelschreibern verdrängt und erlebten erst wieder in unserer Zeit eine Renaissance. Der namhafteste Hersteller ist Montblanc. Insgesamt liegen schon die Anschaffungspreise bei bis zu 20.000 Euro. Wertsteigernde Sammelobjekte dürfen nie benutzt werden, sollten original verpackt und sicher aufbewahrt werden - bis zur Veräußerung mindestens fünf bis zehn Jahre. Nur exklusive und kunstvoll verarbeitet Exemplare in kleiner Auflage haben eine echte Chance auf Wertsteigerung. So kostete der achteckige Füller "Lorenzo di Medici" 1992 2500 Mark. Ende der Neunzigerjahre wechselte er bereits für stolze 15.000 D-Mark den Besitzer.
Foto: FotoliaMeteoriten
Gesteinsbrocken aus dem Weltall erzielen ebenfalls hohe Preise. Schon winzige Meteoriten können hunderte Euro wert sein. Experten kalkulieren überschlägig zehn US-Dollar pro Gramm Gestein. Erhältlich sind sie auf Fachmessen. Wer mag, kann sich aber auch selbst auf die Suche machen. An der Schmelzkruste und ihrer meist typischen Struktur sind sie recht gut erkennbar, oft sind die Brocken magnetisch.
Foto: REUTERSBonsaibäume
Auf dem japanischen Markt können die Bonsaibäume Preise von mehr als 10.000 Euro erzielen. Eines der teuersten Exemplare brachte über zwei Millionen Dollar ein. Gefragt sind formschöne Miniaturen von Eiche, Ahorn, Fichte, Rotbuche oder Esche. Für die Pflege ist allerdings ein Experte nötig. Falsch gepflegte Bonsais können rapide an Wert verlieren.
Foto: FotoliaChristiane Lange, Direktorin der Stuttgarter Staatsgalerie, rechnete zuletzt der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vor, dass seit 1990 allein in Deutschland 700 neue Kunstmuseen eröffnet und weltweit 105 Biennalen gegründet wurden. Die großen Stelldicheins der Branche von Kassel bis Venedig und die etablierten Sammlermessen in Basel oder Köln werden in Berlin, München und Hamburg rund ums Jahr ergänzt von „Gallery-Weekends“, „Stroke“-Tagen und „Affordable Art Fairs“, die das Geschäft sprichwörtlich auf die Straße bringen.
Sei es die Hoffnung des Entdeckers auf den nächsten Jeff Koons, sei es das Interesse des Narziss am Unikat, sei es das Gefühl, zur gesellschaftlichen Avantgarde zu gehören, oder auch nur der Wunsch, eine Weißwandlücke hinter dem Esstisch zu schließen – der norwegische Anwalt, Abenteurer und Sammler Erling Kagge hat im Frühjahr mit „A Poor Collector’s Guide to Buying Great Art“ das Buch zum Trend geschrieben.
Ein wichtiger Treiber der Entwicklung (auch im eigenen Interesse) sind kaufkräftige Sammler, die wortwörtlich zeigen, wie es geht. Sie haben Deutschland mit einem engmaschigen Netz aus Privatmuseen überzogen: Christian Boros (Berlin) und Viktor Langen (Neuss), Hans Grothe und Ulrich Ströher (Duisburg), Reinhold Würth (Künzelsau) und Frieder Burda (Baden-Baden). Die Werke vieler Künstler, die dort ausgestellt sind, waren noch vor wenigen Jahrzehnten preiswert-exklusive Einrichtungsgegenstände für eine hippe Vor-Ort-Szene; sie haben erst durch Wiedererkennbarkeit und Variation, Verbreitung und Zirkulation an Marktwert gewonnen.
Heute sind Anselm Kiefer, Markus Lüpertz, Gerhard Richter, Arnulf Rainer oder Georg Baselitz schwindelerregend teure Klassiker, die jeder haben will. Schlüsselwerke der besonders nachgefragten Zero-Künstler Günther Uecker, Otto Piene und Heinz Mack sind nicht mehr unter 200.000 Euro zu haben.
Auf der Internetseite artfacts.net können sich Kunst-Nerds vom phänomenalen Vormarsch ihrer Lieblinge in der Künstler-Weltrangliste überzeugen: Piene zum Beispiel ist von Platz 1330 im Jahre 2005 auf Platz 254 geklettert. Wem das nicht reicht, kann sich auf dem artverwandten Portal artnet.de die Ergebnisse ansehen, die seine Rauch- und Rußbilder auf den Auktionen der vergangenen zehn Jahre erzielt haben.
Kann das ewig so weitergehen? Zweifel sind angebracht. Die großen Auktionshäuser verdienen zu wenig. So betrug der Gewinn des US-Versteigerers Sotheby’s im Jahr 2014 bei Auktionserlösen von 5,2 Milliarden nur 226 Millionen Dollar, ein bescheidenes Plus von 1,6 Prozent. Und im ersten Halbjahr 2015 setzten die vier führenden Auktionshäuser der Welt in China mit 1,6 Milliarden Dollar 2,6 Prozent weniger um als im gleichen Zeitraum 2014. Umsatzrückgänge von fünf Prozent vermeldeten auch die Kunstmärkte in England, Frankreich und Deutschland.
Vielleicht bricht sich auch die Zero-Welle: Die Herbstauktionen von Grisebach und Lempertz in der vergangenen Woche zeigten, dass mit Spitzenkunst immer noch Spitzenpreise erzielt werden, aber nicht jeder Mack oder Piene, auch nicht jeder Nolde ein Selbstläufer ist. So langsam scheint es einigen Kunstbegeisterten zu dämmern, dass Kunst als materielle Investition eine Anlageform wie jede andere ist, „dass ihre Preise“, so Illies, „auch fallen können“. Hinzu kommt: „Wenn die Zinsen wieder hochgehen“, sagt Ketterer, „wird es mehr Waren auf dem Markt geben, aber weniger Interessenten“. Schon heute wird die Hälfte aller Kunstwerke auf dem Auktionsmarkt teurer erworben als verkauft.
Dem gegenüber steht der Trend, dass man mit Kunst heute immer noch Sozialprestige einkaufen kann. „Plakativ gesagt: Was früher der Porsche war“, so Robert Ketterer, „ist heute die Kunst.“ Auch machen die Auktionshäuser inzwischen bis zu 50 Prozent ihres Umsatzes mit Neukunden, die erst zwei Jahre dabei sind. Sie „kaufen für die Wände“, auf zwei, drei Auktionen, mit variabler Preisgrenze, für etwa 30 000 Euro, je nach Intensität des Haben-Wollens. Das ist die Klientel, die die Auktionshäuser umwerben, mit aufwendigen Katalogen, die kunstgeschichtliche Einordnungen und Marktanalysen bieten, mit Vorbesichtigungen in den wichtigsten Städten, in Zürich, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg und Berlin, mit Partystimmung an den Auktionstagen.
Die Zeiten, da der Auktionsmarkt ein „closed shop“ war, der vor allem die Kunsthändler belieferte, sind vorbei. Die Kataloge stehen heute online, bei der Versteigerung eines kolumbianischen Meisters bieten „nicht nur ein paar Eingeweihte“, so Hanstein, „sondern Interessenten weltweit per Live-Auktion mit“. Schließlich der Wegfall der EU-Binnengrenzen: Früher fielen jedes Jahr Zehntausende D-Mark für Zollpapiere an. Heute kann man die Sachen in Europa hin- und herschicken. Die Kunstwelt sei „kleiner geworden“, sagt Hanstein, „auch schneller“. Gerade bei der modernen und zeitgenössischen Kunst, mit der die Auktionshäuser mehr Umsatz machen als mit den „400 Jahren davor“.
Vor allem aber wird die Auktion als Thrill ihre Faszination behalten. Eine Versteigerung ist für den Kunstfreund, was für den Börsenhändler die riskante Wette ist. Die Auktion, so fasst es Ketterer zusammen, ist ein „permanenter Wettstreit zwischen dem Wunsch zu gewinnen und der Angst zu verlieren. Zum Ersten, zum Zweiten und ... zum Dritten.“