Deutsche Auktionshäuser Wie lange hält die Hausse am Kunstmarkt?

Im Schatten der Branchenriesen Christie’s und Sotheby’ haben sich die deutschen Auktionshäuser einen exklusiven Platz gesichert. Kunstwerke sind heute eine attraktive Wertanlage. Doch wie lange hält der Boom an?

Emil Nolde Helles Sonnenblumenbild Quelle: Griesebach/Fotostudio Bartsch Berlin

Als Henrik Hanstein vor knapp 30 Jahren gefragt wurde, was er davon halte, dass ein Bild von Vincent van Gogh für sagenhafte 37 Millionen D-Mark versteigert worden sei, antwortete der Chef des Kölner Auktionshauses Lempertz: „Ist es nicht wunderbar, dass ein Stück bemalte Leinwand vielleicht bald so viel wert ist wie ein paar Starfighter?“ Inzwischen hat der Wunschtraum von der wundersamen Wertvermehrung die Wirklichkeit überboten. Die Branchenriesen Christie’s und Sotheby’s melden von Saison zu Saison neue Weltrekorde: Der „teuerste lebende Künstler“, das „teuerste Kunstwerk“ – Superlative, die vom Nimbus der Kunst und von der Macht des Geldes zeugen.

Das Publikum soll staunen über ehrfurchtgebietende Preise, die in einem Akt demonstrativer Verausgabung für seltene Meisterwerke bezahlt werden. Das jüngste Beispiel: der Ende des Ersten Weltkriegs entstandene „Liegende Akt“ von Amedeo Modigliani. Das einstige Skandalbild, das eine lässig hingestreckte Schönheit zeigt, kam Anfang November auf der New Yorker Versteigerung von Christie’s für umgerechnet 158,5 Millionen Euro unter den Hammer und ist damit nach Picassos „Les Femmes d’Alger“ (167 Millionen Euro, Christie’s, 2015) das zweitteuerste Gemälde „aller Zeiten“.

Die außergewöhnlichsten Kunstmuseen
Museum of Medieval Torture Instruments, Damrak 33, 1012 LK AmsterdamDas niederländische Kulturzentrum Amsterdam bietet mit Häusern wie dem Van Gogh Museum oder dem Rijksmuseum nicht nur einige der besten Ausstellungshallen für die höhen Instinkte, sondern einiges für die weniger hohen. Neben Dingen, die dem lebensfrohen Image Amsterdams entsprechen wie Cannabisprodukten (Hash Museum) oder gleich zweien zum Thema Sex zählt das Foltermuseum zu den Touristenmagneten. Von Guillotine und dem Judas Thron bis zu weniger bekannten Dingen wie der Heretiker-Gabel, alle Arten menschlichen Erfindergeistes in Sachen Sadismus fein systematisch aufgeteilt in Instrument zu Ganz-Körper-Folter, sowie Unterleib und Oberkörper. Dargestellt mit Hifle lebensechter Wachspuppen. Foto: Ctny (Clayton Tang) Quelle: Creative Commons
Col·lecció de Carrosses Fúnebres, CArrer de la Mare de Déu de Port, 56-58, 08038 BarcelonaWarum ausgerechnet eine der lebensfrohesten Städte Europas die größte Schau von Leichenwagen hat, wird wohl eher ein Geheimnis der Katalanen bleiben. Freunde des Pomp auf der letzten Reise finden die Kutschen und Fahrzeuge vom späten 18. bis zu Mitte des vergangenen Jahrhunderts, viele davon mit stilecht in Uniformen und Perücken angetanen Puppen. Foto: Anoryat Quelle: Creative Commons
International UFO Museum and Research Center, 114 North Main Street, Roswell, New Mexico 88203, USAEs ist kein Ort für rationale Skeptiker: das Ufo Museum & Research Center dokumentiert akribisch alles rund um den Absturz eines Flugobjekts im Juli 1947 beim geheimen Flugplatz der Area 51 in Roswell im US-Bundesstaat New Mexico. Für die einen war es ein Ufo mit Außerirdischen, für die zuerst unsicheren Behörden ein Wetterballon, der da niederging. Das Ganze geschah nahe der Straße Richtung Corona - Verbindungen zum im Süden der USA sehr beliebten mexikanischen Bier des gleichen Namens sind sicher zufällig. Und wer die grünen Männchen mit den großen Augen im Trockeneis-Nebel oder die nachgestellte Alien-Autopsie nicht recht ernst nehmen kann, findet im Museumsladen immerhin eine Auswahl an Souveniers, die nicht so recht von dieser Welt ist. Dieser Tage sehr beliebt: außerirdischer Christbaumschmuck. Foto: Sand Quelle: Gemeinfrei
Meguro Parasitological Museum, 4-1-1, Shimomeguro, Meguro-ku, Tokyo 153-0064, JapanJapan vereint problemlos minimalistische Ästetik, hohe Sinnenfreuden und mit höchstem Ernst präsentierte Merkwürdigkeiten. Tokio-Besucher können entsprechend mit dem Grutt Pass für 60 Museen im Edo-Tokyo das Stadtleben früherer Jahrhunderte bestaunen, das kulturgeschichtliche Tokyo National Museum besuchen oder im obersten Stock des Mori Towers in Rappongi Hills Penthouse die Sammlung Moderner Kunst des Mori Museum bewundern. Es geht aber auch skurril bis unappetitlich: Da wäre zum Beispiel das Surigami Animation für selbst erstellte Comics, das (leider nicht im Grutt Pass enthaltene) Cupnoodles Museum zur Geschichte der Instant-Ramen-Nudel-Becher und natürlich das Parasiten Museum. Die streng wissenschaftliche Schau bietet Hartgesottenen einen tiefen Blick in die „wunderbare Welt“ (Museumswerbung) von Würmern, Maden und anderen Bewohnern lebendiger Wesen. Quelle: obs
Museum of Broken Relationships, Ćirilometodska ulica 2, 10000, Zagreb, KroatienAuch wenn die Internetadresse Brokenships.com eher auf Schiffunfälle deutet, am Ende geht es um Liebeskummer in allen Varianten und um die wohl größte Herausforderung: etwas darstellen, was nicht mehr da ist. Das Museum der zerbrochenen Beziehungen im kroatischen Zagreb versucht dies anhand von Gegenständen mit besonderem Erinnerungswert wie Kuschelbären, Gedichten und Dingen wie Nasensprays. Das brachte dem Museum nicht nur jede Menge Auszeichnungen wie „Innovativstes Museum 2011“, sondern auch jede Menge Einladungen zu Gastausstellungen vom amerikanischen San Francisco über Berlin und Kapstadt, Südafrika, bis in die taiwanesische Hauptstadt Taiwan. Mitgereist sind die passenden Dinge des Geschenkeladens wie Bad Memory Eraser (Radiergummi für schlechte Erinnerungen) oder dem Anti-Stress-Stift mit Sollbruchstelle in der Mitte.
The Museum of Witchcraft, The Harbour, Boscastle, Cornwall PL35 0HD, Vereinigtes KönigreichDie Liebe für das Mittelalter und alles Fantastische zeigt sich in der britischen Provinz nicht nur in Kult um Harry Potter oder dieser Tage besonders um J.R.R. Tolkien mit dem seiner Saga um den Hobbit und den Herrn der Ringe. Liebevoll pflegen sie auch viele kleine Museen. Das beliebteste ist das Museum of Witchcraft in Cornwall im Südwesten Englands, auch weil das Haus dank einem eigenen Twitter-Accopunt (@witchmuseum) recht zeitgemäß auftritt. Und doch wäre aus der Sammlung rund um Zauberei und Okkultismus fast nichts geworden, weil beim ersten Versuch der Gründung 1947 in Stratford-upon-Avon der Widerstand der Bürger der Shakespeare-Stadt zu groß war. So startete der zweite Versuch in der irischen See auf der Isle of Man, stilecht mit einer „Resident Witch“. Weil dem Gründer Cecil Williamson da zu wenig los war, zog er – nach drei von Anwohnern vereitelten Gründungsversuchen in den USA, Windsor und Gloucestershire – ins offenere Cornwall. Quelle: ZB

Dass die Picasso-Marke geknackt wird, scheint angesichts der andauernden Preisexplosionen nur eine Frage der Zeit. 51 Milliarden Euro sind im vergangenen Jahr auf dem globalen Kunstmarkt umgesetzt worden. Sieben Prozent mehr als im Vorjahr, 150 Prozent mehr als vor zehn Jahren, 600 Prozent mehr als Anfang der Neunzigerjahre.

Die Hälfte des Umsatzes geht auf das Konto der Auktionshäuser. Allein Christie’s und Sotheby’s erzielen Umsätze von fast 15 Milliarden Euro; mehr als die Hälfte stammt aus der Versteigerung von Werken, die teurer als zwei Millionen Dollar sind.

Wie schlagen sich im Vergleich dazu die deutschen Auktionshäuser? In welcher Liga spielen Grisebach, Ketterer und Lempertz, die drei ähnlich großen Häuser aus Berlin, München und Köln?

Ach, was heißt schon Liga? Die deutschen Mittelständler werden nicht von den paar Hundert Superreichen angesteuert, die in Zeiten hoher Goldpreise und niedriger Zinsen an einer Diversifizierung ihres Portfolios interessiert sind und den Markt gezielt nach Blue Chips der Klassischen Moderne und den renditeträchtigsten Gegenwartskünstlern (Jeff Koons, Gerhard Richter, Damien Hirst) absuchen lassen.

Die Museumsgeheimtipps der Wiwo-Korrespondenten

Während Sotheby’s und Christie’s den Charakter von Finanz-Kunst-Instituten mit angeschlossenem Versteigerungsraum angenommen haben, versammelt der deutsche Auktionsmarkt eine bunte Kundschaft aus Besitz-, Bildungs- und Konsumbürgertum. Hier bieten etablierte Sammler für Wolkenstudien aus dem 19. Jahrhundert und junge Erben für ein exklusives Blatt von Adolph Menzel. Hier interessiert sich ein anonymer ausländischer Käufer für ein Großformat von Günther Förg, ein stadtbekannter Orthopäde für eine Mappe mit Skizzen von Georg Baselitz oder auch ein Kunststudent für eine Grisaille von Bernard Schultze. Rund ein Drittel der Käufer kommt aus dem Ausland, sie geben zwischen 1000 und 1.000.000 Euro für ein Kunstwerk aus, gelegentlich auch mehr. Ein Nischenmarkt, gewiss, doch nach den USA, Großbritannien, China und Frankreich immerhin der fünftgrößte der Welt.

Um die Dimensionen noch einmal zu verdeutlichen: Der Umsatz von Sotheby’s und Christie’s allein in Europa übertrifft den der drei deutschen Mittelständler um das 30-Fache. Der chinesische Geschäftsmann, der Modiglianis Schöne nach langem Bieterstreit ersteigerte, hätte für sein Geld auch fünf Jahressortimente der Klassischen Moderne von Grisebach, Ketterer und Lempertz abräumen können – eine veritable Sammlung mit 500 Gemälden von Emil Nolde, Egon Schiele, August Macke, Lovis Corinth, Karl Hofer, Gabriele Münter.

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