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Fachkräftemangel Vergesst die Viertagewoche!

In der Viertagewoche blieben drei Tage für Entspannung übrig. Quelle: dpa

Die erste Arbeitswoche 2022 ist rum und verlangte vielen Beschäftigten fünf Tage lang wieder einiges ab. Nicht umsonst gilt die Viertagewoche als Sehnsucht vieler Beschäftigter. Nur erlaubt die demografische Realität keine drei freien Tage für jeden. Ein Kommentar.

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Für die meisten Beschäftigten dürfte sich die erste Arbeitswoche des neuen Jahres so angefühlt haben wie so ziemlich jede andere vor dem Jahreswechsel: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag haben sie jeweils rund acht Stunden geschuftet, wenn sie nicht gerade in einem Bundesland arbeiten, in dem der 6. Januar ein gesetzlicher Feiertag ist. Die Idee hinter einer Viertagewoche klingt da doch gleich viel reizvoller. Nur vier Tage arbeiten, dafür aber drei Tage freimachen. Und das bitte ohne Lohnabzug. Der Betrieb nämlich soll bei weniger Arbeitseinsatz mindestens so viel erwirtschaften wie zuvor. Das Zauberwort: Produktivität. Ihr Anstieg regele das schon, meinen die Befürworter der Idee. Den Beschäftigten bliebe mehr Zeit für Freunde, Familie, Hobbys.

Bei solchen Aussichten ist es nachvollziehbar, dass die Plädoyers für die Viertagewoche immer wieder und höchst leidenschaftlich vorgebracht werden, obwohl die Chancen auf Umsetzung sehr gering sind. Ja, Studien aus Island zeigten zwar im Sommer, dass das Konzept dort, in einem Land mit so vielen Einwohnern wie Bochum und gut 2200 Kilometer vom politischen Berlin entfernt, womöglich funktionieren könnte. Im Koalitionsvertrag der Ampel jedoch taucht sie nicht auf. Und nicht mal die Linke zog mit dem Konzept in den Wahlkampf.

Wer die Viertagewoche für jeden fordert, mag ein visionärer New-Work-Vordenker sein. Und doch verschließt er oder sie beide Augen vor der demografischen Situation. Und vor dem Fachkräftemangel. Eine Viertagewoche kann sich Deutschland nicht leisten.



Die Babyboomer, die in den geburtenstarken Jahrgängen Mitte der Sechzigerjahre auf die Welt kamen, setzen sich in den kommenden Jahren zur Ruhe. Das allein wäre noch verkraftbar. Viel gravierender ist die Entwicklung, die Experten „Pillenknick“ nennen. Nach den Geburtsjahren der Babyboomer sackte die Geburtenrate ab Ende der Sechziger rapide ab, von 2,5 Kindern pro Frau auf weniger als 1,5 Kinder.

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    Dem Arbeitsmarkt fehlen deshalb in den kommenden Jahren Millionen Arbeitskräfte, Studien sahen zuletzt den Wohlstand jedes Einzelnen gefährdet – und nur einen einzigen Ausweg: Die Migration muss stark steigen, Ältere müssen länger arbeiten, Eltern aus der Teilzeit geholt werden, die Produktivität muss sprunghaft ansteigen. Doch daraus wird wohl nichts: Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters schließt die Bundesregierung aus. Und die Produktivitätsfortschritte fallen in Deutschland seit Dekaden im Trend immer geringer aus. Eine kollektive Verkürzung der Arbeitszeit um einen Tag in der Woche würden Roboter und Co. wohl noch nicht abfedern.

    Ökonomen wie Michael Hüther, der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, rechnen damit, dass wir in den kommenden Jahren nicht weniger, sondern sogar mehr arbeiten müssen. Eine Viertagewoche wirkt da realitätsfern. Legen wir diese Debatte doch zumindest für das neue Jahr auf Eis. Es gibt so viel drängendere.

    Mehr zum Thema: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, der Fachkräftemangel verschärft sich. Roboter könnten die Lücke schließen – unter bestimmten Bedingungen.

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