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Werner knallhartFluch der Smartphones: Die ständige Suche nach dem Fotomotiv

Mit dem neuen iPhone 12 Pro soll man sogar Kinofilme produzieren können. Mit solchen Smartphones in der Tasche scannen viele ihren Alltag nur noch nach Foto- und Videomotiven ab. Und verpassen ihr Leben. Weg von der Knipssucht!Marcus Werner 11.11.2020 - 13:12 Uhr

Ist es nicht schade, dass wir die schönsten Momente durchkreuzen, indem wir unsere Smartphones raus wühlen?

Foto: imago images

Auf die Idee zu diesem Text bin ich vergangene Woche gekommen. Da war ich mit einem Freund spazieren (was soll man sonst machen?), da flatterte plötzlich ein ziemlich großer Vogelschwarm über uns hinweg. Sofort hatte mein Kumpel das Smartphone in den Himmel gereckt, riss es nach wenigen Augenblicken wieder runter und überprüfte seine Beute auf dem Bildschirm. Dann hielt er mir das Video wortlos stolz grinsend vor die Nase.

Ich sah ein Video von rund drei Sekunden, in dem ein Vogelschwarm links aus dem Bild schießt. Ich sagte anerkennend: „Ja, ich erinnere mich, das sind genau die Vögel, die gerade in echt über uns rüber geflogen sind.“

Ich stehe da übrigens nicht drüber. Im Homeoffice bahnt sich ein schöner Sonnenuntergang an? Foto. Verdammt, nach zwei Minuten sieht er noch röter aus. Noch ein Foto. Und statt an den Horizont zu blicken, vergleiche ich die beiden Bilder, mache noch ein drittes und überlege mir, in welcher Chatgruppe ich mit dem dritten Foto auf den Putz hauen könnte: traumhafter Sonnenuntergang. Unterschrift: „Gruß aus dem Homeoffice“. Haken dran. Diesen Moment nimmt mir keiner mehr. Ich habe ihn ja jetzt digital archiviert. Zu dem Preis, dass ich irgendwie gar nicht Teil des Moments war, als er war.

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Erkennen Sie sich wieder? Eigentlich müsste ich es besser wissen. Vor über zehn Jahren habe ich zum ersten Mal im Tauchurlaub eine Kamera mit runter genommen. Und das endete mit einem handfesten Streit zwanzig Meter unter der Oberfläche des Roten Meeres. Es stimmt wirklich! Über mir glitzerte die Sonne Ägyptens durch Tonnen klarsten Wassers. Neben mit wankzen die leuchtend bunten Korallen im Strom. Und ich war stocksauer. Das kam so: Mein Tauchbuddy und ich (man taucht ja immer zu zweit, weil das sicherer ist und es macht eigentlich auch mehr Spaß) hatten uns für diesen Tauchgang eine Fotokamera gemietet und haben dann unten prompt eine Riesenmuräne entdeckt, die dort ihren drachenartigen Kopf mit ihrem nach Sauerstoff schnappenden Maul aus ihrem Höhlenversteck reckte. Der Ort für das perfekte Angeberfoto. Mein Buddy wies mich mit Händen und Flossen an, mich zu drehen, damit er knipsen könne. Ich kam dem nach. Hinten neben mir: die Riesenmuräne. Er hielt die Kamera vor sich. Ich zeigte mit Zeigefinger und Daumen ein O für ok/grandios/geil (lächeln funktioniert mit dem Atemautomaten im Mund nicht, denn dann schießt Salzwasser rein).

Mein Buddy bedeutete mit schiebenden Handbewegungen, ich solle näher an die Muräne ran. Ich dachte an das unentwegt schnappende Ungeheuer und schüttelte den Kopf. Mein Buddy wiederholte die Schiebegeste. Ich stellte mir vor, wie mich das Vieh hinterrücks in die nackten Waden biss, und schüttelte wieder den Kopf. Schiebegeste. Ich hörte mich selber rufen „NEIN!“, was unter Wasser allerdings eher so klingt wie „NNN!“ Und der andere hört es eh nicht.



Wieder: vehemente Schiebegeste. Ich zeigte ihm einen Vogel. Er reckte kurz die Kamera und paddelte dann beleidigt vorweg. Mein Puls: 180 circa. Knackpunkt: Bei schneller Atmung leert sich die Pressluftflasche schneller. Der Tauchgang war flott vorbei. Gut so, die Stimmung unter Wasser war eh ruiniert.

An der Wasseroberfläche zeigte mein Buddy mir das Bild: ich blaustichig vor einem schwarzen Felsen. Dank der Tauchmontur nicht als Marcus zu erkennen. Und die Muräne ließ sich selbst für jemanden, der wusste, wo sie gewesen war, auf dem Foto nicht wiederfinden. Das war das letzte Mal, dass ich einen Fotoapparat mit auf Tauchgang genommen habe. Das Gefühl, in diesem Moment Teil der Unterwasserwelt zu sein, Gast bei Fischen, Garnelen und Seesternen, diese Demut und Dankbarkeit, dabei sein zu dürfen, war wie weggewischt durch den Arbeitsauftrag: gute Fotos abliefern.


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Es geht anders: Als wir mal mit Freunden am Schloss von Versailles waren, da habe ich einem Freund noch am Parkplatz einen Vorschlag gemacht: „Mach die Augen zu und lass dich von mir blind bis an den Platz führen, von wo wir die beste Aussicht über die Gärten haben. Dann öffnest du dort auf mein Kommando die Augen für drei Sekunden und machst sie danach sofort wieder fest zu.“

Er hat das genau so gemacht. Seine ganze Wahrnehmung von Versailles war allein der Eindruck von den berühmten Gärten für drei Sekunden. Das ist bestimmt sieben, acht Jahre her. Am vergangenen Wochenende habe ich ihn gefragt: „Erinnert du dich noch an den Tag in Versailles?“ Seine Antwort: „Der Moment sitzt in meinem Gehirn wie ein eingepflanztes Foto.“

Ist es nicht schade, dass wir die schönsten Momente durchkreuzen, indem wir unsere Smartphones raus wühlen? Dass wir unsere Erinnerungen im Moment der Momente zerkratzen wie eine Schallplatte?

Doch das ganze System Smartphone ist genau darauf ausgerichtet. Guckt man sich etwa die Produktbeschreibung vom neuen iPhone 12 Pro auf der Apple-Website an, dann sieht man, welchen Stellenwert die Kamera-Funktionen haben: Erst kommen knapp drei Handlängen technische Details zu Foto- und Video-Funktion von UItra-Weitwinkel bis Cinematic Videostabilisierung. Genial. Will ich haben. Erst weit darunter folgen ein paar Details zum Mobilfunk. Och, 5G. Naja.

Und im nächsten Schritt greift Instagram ins Gefüge ein und ködert uns mit dem berauschenden Gefühl: Du bist spannend, wenn dein Leben es ist. Und ob dein Leben spannend ist, entscheiden deine Follower per Like.

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Seit einigen Monaten spült mir mein iPhone einen wilden Mix von Fotos aus diversen Jahren auf meinen Übersichts-Bildschirm zwischen Wettervorhersage und Aktienkurse. Wunderbare Erinnerungen. Das war bislang dein Leben. Aber bei vielen Fotos denke ich: Mein Gott, du hast irgendwie die ganze Zeit fotografiert.

Ich wünsche mir eine Funktion im Handy, die mich nach einem Monat auffordert, Fotos zu markieren, die ich für immer archivieren möchte. Und der Rest wird ein paar Wochen später aus allen Alben, Clouds und Festplatten gelöscht. Es überfordert mich zu sehen, dass ich vor einigen Jahren, als ich noch dieses eine T-Shirt hatte, das ich so nie wieder kaufen würde, an irgendeinem Strand einen riesigen Teller Tapas gegessen habe. Und ich kann mich an diesen Moment nicht mehr erinnern. An viele andere auch nicht. Wenn ich die Ort- und Zeitangabe der Fotodatei prüfen muss, macht mich das nicht sentimental, sondern traurig.

Vorgestern habe ich mir eine Badewanne mit einem Espresso gegönnt. Als das Espresso-Gläschen leer war, habe ich es unter den Badeschaum getaucht. Als ich es langsam aus dem Wasser hob, saß auf dem Glas eine einzige große Seifenblase. Sie überspannte das Glas wie diese durchsichtigen Halbkugel-Plastikdeckel die Kaffee-Schnickschnack-Becher mit Schlagsahne und Sirup bei Starbucks. Sofort dachte ich an mein Smartphone. Und wie könnte der Spruch lauten, den ich bei Facebook oder Twitter schreiben würde?

Aber die Kamera lag zu weit weg. Und so betrachtete ich die Seifenblase, ihre Regenbogen-Schlieren, hielt sie gegen das Licht, freute mich über den Deckel aus Seife und pustete die Blase weg. Plipp!

Diesen Moment habe ich für mich ganz alleine gehabt. Und vielleicht kann ich mich auch noch in ein paar Monaten dran erinnern. Vielleicht in ein paar Jahren. Vielleicht auch nicht. Dann ist es auch egal.

Ich mache das jetzt häufiger. Den Moment der Kamera klauen. Damit er nur mir gehört. Solange, wie ich mich an ihn erinnern will.

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