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Wegen mangelhafter Prüfnorm Experten warnen: FFP2-Masken teilweise unsicher

Eine Mitarbeiterin gibt in einer Apotheke FFP2-Masken an einen Kunden aus. Quelle: dpa

Bund und Länder haben eine FFP2-Maskenpflicht für Nahverkehr und Einzelhandel eingeführt. Dabei üben Messtechnikhersteller und Sachverständige längst schwere Kritik an der DIN-Norm der Masken: Die Filterleistung liege im Schnitt nur bei 80 Prozent.

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In Deutschland gilt mittlerweile flächendenkend eine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken im öffentlichen Nahverkehr und im Einzelhandel. Das hatten Bund und Länder gemeinsam beschlossen. Dabei äußerten Experten bereits im Dezember Zweifel an der Sicherheit dieser Masken. Denn die europäische Prüfnorm für so zertifizierte Schutzmasken sei äußerst mangelhaft. „Bei zugelassenen FFP2-Masken atmen Sie im Schnitt immer noch 20 Prozent der Virenkonzentration ein, die sich in der Umgebungsluft befindet“, sagt etwa Maximilian Weiß, Chef des Karlsruher Messtechnikproduzenten Palas. Dabei dürften es bei diesem Typ Maske maximal sechs Prozent sein. 

Das ist besonders gravierend, weil nicht nur die Kunden, sondern auch die deutsche Politik massiv auf die Schutzwirkung der Masken setzt. Seit Kurzem können sich besonders bedrohte Bevölkerungsgruppen auf Staatskosten mit den Masken eindecken, pro Person spendiert die Regierung drei Masken, die in jeder Apotheke abgeholt werden können. Und die Bevölkerung vertraut offenbar auf diesen Schutz, viele Apotheker berichteten zuletzt von einem echten Ansturm auf die kostenlosen Masken. 

Chemieingenieur Weiß allerdings weiß wovon er spricht. Sein Unternehmen ist einer der führenden Hersteller für Aerosolmesstechnik, baut seit rund 30 Jahren Filtermessstände und stattete etwa die berühmt-berüchtigte Feinstaubmessstation am Stuttgarter Neckartor aus. Seit Anfang des Jahres beschäftigt sich sein Unternehmen auch mit dem Testen von Schutzmasken. „Es gibt kaum eine Prüfnorm, die so mangelhaft ist wie die für die Masken geltende DIN EN149“, sagt Weiß – nicht bei Raumluftfiltern, nicht bei Pollenfiltern, nicht bei Motorluftfiltern. Die Norm für persönlicher Schutzausrüstung sei mehrdeutig, erlaube zu viel Spielraum beim Messverfahren. 

Schwierigkeit auch für Gesundheitsministerium

Bis zum Beginn der Coronapandemie war das kein größeres Problem. Die wichtigsten Abnehmer von Masken waren etwa Handwerker oder Industrieunternehmen, die ihre Produktionsmitarbeiter mit den Masken versorgten – und sich meist nicht nur auf die Norm, sondern auch auf jahrelange Lieferantenbeziehungen verließen. Seit dem Frühjahr aber sorgt die Norm für Probleme, wie auch das Bundesgesundheitsministerium lernen musste, nachdem es gleich zu Beginn der Krise millionenfach Masken orderte. Weil die vorgeschriebenen Prüfverfahren so vage definiert sind, tun sich bis heute die Beamten schwer, den Lieferanten unbrauchbarer Masken ihre Fehler nachzuweisen. Das kann in den derzeit laufenden Verhandlungen über die Abnahme der Masken und mögliche Ausfallzahlungen noch teure Folgen haben.

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    So steht es Zertifizierern laut der Norm etwa offen, die Masken mit größeren oder kleineren Partikeln zu prüfen. Das führt dazu, dass ein und dieselbe Maske einmal den Test bestehen und einmal durchfallen kann. Treffen etwa nur große Partikel auf die Maske, bleiben typischerweise viel mehr darin hängen als es bei kleinen Partikeln der Fall ist, die schneller mal durchschlüpfen. Weil Viren kleiner als die in der Norm vorgegebene Testpartikel sind, ist das ein gewaltiges Problem. 


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    Rückendeckung bekommt der Manager nun von einem öffentlich bestellten Sachverständigen für Medizintechnik. „Tatsächlich ergeben sich bei Vergleich der Prüfergebnisse unterschiedlicher Zertifizierungsstellen erhebliche Unterschiede, obwohl in allen Fällen normgerecht gemessen wird“, so Experte Roland Ballier. Er nennt zwei Gründe: Das Prüfen mit unterschiedlich großen Testpartikeln und veralteten Messgeräten – meist sogenannte Einkanal-Photometer, die billig und vergleichbar mit einem optischen Rauchmelder sind. Moderne Feinstaubmesstechnik gebe da mehr Aufschluss. 

    Es gibt auch gute Masken

    Dass FFP2-Masken zu viele Viren durchlassen, ist laut Weiß kein generelles Problem. „Es gibt hervorragende Masken, die wirklich einen tollen Schutz bieten, auch was kleine Partikel angeht. Würde man die in den Krankenhäusern einsetzten, hätten wir dort eine andere Situation“, sagt der Ingenieur. Inzwischen biete Palas daher in der Region Karlsruhe Kliniken sogar an, ihre Masken kostenlos zu testen. Neuerdings melden sich aber auch Apotheken bei ihm, die Gewissheit suchen. 

    Eine mangelhafte Prüfnorm für persönliche Schutzausrüstung ist ein großes Problem für die Verbraucher. Denen ist es praktisch unmöglich, zu erkennen, ob eine Maske gut oder schlecht ist. Viele greifen mittlerweile zu solchen mit der europäischen FFP2-Zertifizierung, weil sie der chinesischen KN95-Zertifizierung weniger trauen. Dabei gibt es Weiß zufolge auch unter den chinesischen Produkten gute und schlechte.



    Abhilfe könnte eine Überarbeitung der DIN-Norm bringen. Damit allerdings ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Eine europäische Prüfnorm zu reformieren, dauert in der Regel mehrere Jahre. Zumindest aber setzen einige Zertifizierer wie der TÜV-Nord inzwischen auch Feinstaubmesstechnik ein, um zu erkennen, wie gut die Maske wirklich vor dem Coronavirus schützt. 

    Mehr zum Thema: FFP2-Masken: „Die Masken-Verteilung ist ineffizient und verschwendet Steuergeld“

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