Werner Knallhart: Schneiden Sie Ihre Pizza mit der Schere!
Die Schere: Laut Autor ein unterbewertetes Küchenutensil.
Foto: imago images (4)Vor einigen Monaten war ich in Begleitung eines jungen „Einsteigers“ im Theater. Am Ende der Vorführung gab es erwartungsgemäß Applaus für das sich vor uns allen verbeugende Ensemble. Dann verließen die Schauspieler die Bühne, um dann einzeln wieder aufzutreten und sich weiter feiern zu lassen. Dann kamen nochmals alle auf die Bühne und hielten sich an den Händen, um sich ein weiteres Mal zu verbeugen.
Da reichte es meinem Begleiter. Er beugte sich zu mir herüber und rief mir durch den rauschenden Applaus hindurch ins Ohr: „Warum rennen die denn dauernd rein und raus?“
Das war eine von Grünohrigkeit geprägte, wie auch gute Frage. Während ich mich schon vor Jahrzehnten damit abgefunden hatte, „dass das halt so ist“, war hier jemand noch auf Zack. Er hinterfragte hemmungslos die Gepflogenheiten und sah in diesem ineffizienten Abschieds-Gebaren offenbar keinen kulturellen Mehrwert.
Ähnlich ein Freund aus Chile, der mich drauf hinwies, dass es doch viel praktischer wäre, Klingelschilder zumindest in großen Mehrfamilienhäusern durchzunummerieren, wie das in Chile üblich ist, statt sie umständlich mit den Namen der Bewohnern zu versehen:
1. Klingelschilder müssen dann auch bei Neubezug niemals ausgetauscht werden.
2. Die richtige Klingel findet sich leichter.
3. Datenschutz
Mein deutscher Wieso-Moment-mal-Einwand „aber ich kenne als Besucher doch die Nummer des Apartments oftmals gar nicht“ wurde lächelnd weggewischt: „Die erfährst du mit der Adresse“. Hmm.
Es ist, soviel wage ich zu unterstellen, ja wohl gesetzt: Wir Deutschen sind zu hinterfragungsfaul. Sonst würden wir nicht seit 40 Jahren Papieraufkleber auf Brote kleben, die beim Abpulen zerreißen und hängenbleiben. Und wir sitzen beim Abendbrot und spucken Papier.
Nicht, dass alles Hinterfragte gleich weg kann. Sollen die Theaterschauspieler doch so lange „rein und raus“ rennen, wie es noch Theater gibt. Aber schon bei der Türklingel sehe ich Potenzial, das Leben besser zu machen.
Was ist da erst mit all dem großen Althergebrachten, das dazu geführt hat, dass unsere Wirtschaft international nicht mehr konkurrenzfähig ist? Bürokratie, hohe Energiekosten und Steuern sowie Fachkräftemangel sind das eine. Dass bei uns zum Beispiel keiner rechtzeitig auf Ideen kommt, die mit Meta, Google, Apple, PayPal, OpenAI, Nvidia, TSMC, Netflix, Amazon, Microsoft, SpaceX oder Novo Nordisk mithalten können, ist das andere.
Wir haben keinen Bock auf Umbruch. Und das wird sich rächen, wenn wir nicht lernen, im großen Stil umzudenken. Deshalb haben wir das mal zuhause im Kleinen geübt.
Mit der Schere am Esstisch gegen die Schere im Kopf. Wir kamen drauf, weil ich vor einigen Jahren einem Freund dabei zugeguckt habe, wie er beim Kochen in der Küche das Putenschnitzel direkt mit der Küchenschere aus der Hand in die Pfanne geschnippelt hat: „Dann mache ich kein Schneidebrett schmutzig“.
Und ich dachte mir damals: Wie oft wäre eine Schere in der Küche eigentlich praktischer als ein Messer? Bislang hat sie doch nur ihren Job zu erledigen, wenn es um das Öffnen von Verpackungen geht. Höchstens die Geflügelschere kommt mal als Knochenbrecherin zum Einsatz. Aber wie oft zerren und ruckeln und drücken wir verzweifelt mit dem Messer auf unserem Teller umher, weil es uns nicht gelingt, vollends durchzudringen und zu durchtrennen?
Steak, die Rinde von Brotscheiben, Salatblätter, Calamaresringe, Schnittlauch – und das Paradebeispiel ist da doch wohl die Pizza. Wir kommen nicht gut durch und säbeln und reißen, bis es auf dem Porzellan klirrend dröhnt. Wie leicht ginge das mit der Schere!
Da höre ich vor einiger Zeit im Podcast von Jan Böhmermann und Olli Schulz genau das: Unter den „Großen 5“ der unterbewerteten Küchenutensilien fällt auch nach deren Meinung die Schere. Und im Podcast Baywatch Berlin mit Klaas Heufer-Umlauf, Thomas Schmitt und Jakob Lundt kommt jüngst sogar ein Berliner Spitzengastronom zu Wort, der sagt: Die Schere dürfe zu Tisch zum Einsatz kommen, wenn man denn wolle, das sei kein Frevel.
AHA! Als wir dann Anfang Dezember vergangenen Jahres ein weiteres Mal mit Freunden vergeblich versucht haben, unsere Pizzas elegant mithilfe eines Pizzaschneiderades und den Messern aus dem Tischbesteckset in mundgerechte Stücke zu zerkleinern, bis am Ende alle übergroße Teile mit der Hand dem zur Decke gereckten Mund zuführten, um von dort halb abzubeißen, halb abzureißen, dass es nur so Käsefäden zog, da fasste ich einen Entschluss: Ich maß die Länge der Messer unseres Sets und bestellte vier rostfreie Edelstahl-Scheren in ähnlicher Länge.
Jetzt liegt bei Salat und Pizza zusätzlich zum Messer eine Schere rechts neben dem Teller. Schnippschnapp – und happ!
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