Werner knallhart: Ach, warum tickt nicht ganz Deutschland wie der Europa-Park?
Die Achterbahn Voltron Nevera im Europa-Park.
Foto: Philipp von Ditfurth/dpaDie beste neue Achterbahn der Welt steht laut Fachjury des Branchenblatts „Amusement today“ im Europa-Park. Das ist dieser Freizeitpark in Rust, der dieses Jahr außerdem zum 9. Mal von eben dieser renommierten Jury zum besten Freizeitpark der Welt gekürt wurde.
Ich bin mit dieser weltbesten Bahn gefahren: dem „Voltron“. Ich sage nur so viel: Die Bahn schießt in zwei Sekunden ab Start in die Senkrechte hoch und kippt dann sogar über die 90 Grad hinweg nach hinten. Also, Sie hängen über Kopf und dann: Werden Sie in diesem Looping noch einmal beschleunigt.
In der Mitte der Fahrt gibt es eine Pause (Ihre Chance, um wieder zur Besinnung zu kommen), der Zug wird gewendet und schießt dann plötzlich rückwärts nach oben, bremst und prescht nach vorne. Ich war schon in einigen Freizeitparks der Welt: So ein Bauchgefühl hatte ich noch nie.
Die Bahn ist eben die weltbeste neue. Eine Sensation made in Germany. Robust, sicher, zuverlässig, anspruchsvoll, aber eben auch SENSATIONELL. Nennen Sie mir einen anderen Moment aus der Gegenwart, über den wir in Deutschland sagen können: typisch deutsch, weil sensationell. Ja, guten Morgen.
Dabei herrschen in Rust erst einmal ganz handfeste deutsche Verhältnisse: Auch der Europa-Park hatte sich von Russlands Gas abhängig gemacht und musste sich jetzt davon lösen. Die Achterbahn „Bluefire“ war von Gazprom gesponsert. Nach dem Einmarsch der Russen in der Ukraine wurden eilig die Werbetafeln abgehängt.
Und weil die Idee des Europa-Parks ist, einen wunderschönen nationalen Themenbereich neben den anderen zu setzen (etwa von Deutschland über Spanien, Irland, Frankreich und Skandinavien bis ins nagelneue Kroatien) und dabei (aus heutiger Sicht lästigerweise) einen Bereich namens Russland aufgebaut hat, dessen Führung mit Unterstützung großer Teile der russischen Bevölkerung nun die Idee des friedlichen europäischen Miteinanders bombardiert, eiert der Park ähnlich aufgeschmissen um die Russland-Frage wie etwa die SPD. Er sucht einen überzeugenden Weg, der offensichtlich ist, wenn man die Testfrage stellt: Würde der Park heute einen russischen Themenbereich neu bauen?
Aber schon beim Umgang mit der unrühmlichen europäischen Kolonialzeit hat der Park einen Sprung gemacht. War früher die Piratenfahrt „Batavia“ eine Verballhornung und Verharmlosung der Brandschatzungen und Vergewaltigungen (weibliche Puppe südostasiatischer Lesart kichert auf dem Schoß eines niederländischen Piraten, der sie festhält), ist jetzt nach einem echten Brand und dem Neuaufbau die Aussage klar: Die Verbrecher gilt es zu bekämpfen. Das übernimmt jetzt der junge mutige Pirat Bartholomeus mithilfe eines Otters namens Jopie.
Und die lächerliche Uga-Uga-Afrika-Safari-Floßfahrt mit schwarzen Kriegern im Lendenschurz wurde weise eingestampft und zu einer österreichischen Prinzessinnen-Rundfahrt im Ententeich umgemodelt.
Was ich sagen will: Ein Freizeitpark ist nicht nur Kokolores und Schickimicki. Er ist ein anspruchsvolles mittelständisches Unternehmen, in diesem Fall ein Familienunternehmen der Macks, das sich sogar vergleichbaren Herausforderungen zu stellen hat wie eine ganze Gesellschaft.
Und die Macks rackern. Geht etwas kaputt, wird in Windeseile neu und schöner aufgebaut, lieber Bundesverkehrsminister und liebe Deutsche Bahn. Nicht nur die Piratenfahrt, sondern auch die klassische Wildwasserbahn und der Alpenexpress.
Denn das zu Grunde liegende Prinzip lautet: Wenn wir gleich gut bleiben, werden wir langweilig. Dann kommen die Stammgäste nicht mehr. Wir müssen immer besser werden. Und das ist das, was wir in Deutschland insgesamt verpennt haben. Wenn wir bleiben, wie wir sind, verlieren wir unsere Vorreiterstellung. In diesem Fall, weil die anderen an uns vorbeiziehen.
Die Begeisterung für das Besser-als-andere-Sein erkennen Sie im Europa-Park an jeder Ecke. Diese Mischung aus Liebe zum Detail, deutscher Ingenieurskunst, die weltweit mitreißt, und diese Freude an der Ästhetik, jedes einzelne Stiefmütterchen, jede einzelne Geranie, jeden einzelnen der zig tausenden Halloween-Kürbisse zu hegen und zu pflegen. Da hält weder das Phantasialand noch irgendein Heidepark oder Legoland mit.
Vorsicht vor „Och, das klappt schon.“
Aber der Europa-Park ist auch eine Warnung. Was droht, wenn der Enthusiasmus in Genügsamkeit abgleitet? In zu viel „Och, das klappt schon.“ Das sage ich mit Blick auf den Wasserpark-Ableger ganz in der Nähe der Karussells: Rulantica. Dieser Rutschen-Park wurde auch deshalb aufgebaut, um den Gästen des Europa-Parks einen weiteren Grund zu geben, eine Nacht in einem der firmeneigenen Hotels zu übernachten, um am nächsten Tag baden zu gehen.
Aber der Wasserpark versprüht nicht gerade die Euphorie an der Präzision und die Detailversessenheit wieder der große Bruder mit den Achterbahnen. Gesperrte Toiletten, defekte Schließfächer, Duschen, die bei jedem Neustart zwischendurch eiskalt werden und einen an die Grenze des Herzinfarkts treiben. Das Wasser in den Becken ist auch zu kalt, die Raumluft zu kalt, die Liegeflächen verströmen mitunter das Ambiente von Lagerhallen. Wenn es dumm läuft, stehen Sie mit nasser Badehose, mit einem überdimensionierten Schwimmreifen unterm Arm, schlotternd eine Dreiviertelstunde lang in der Schlange in einem Treppenhaus im Ambiente eines OBI-Notausgangs, um anschließend 20 Sekunden rutschen zu dürfen. Man muss schon ein vor Adrenalin triefendes Kind sein, um das zu ignorieren.
Da ist noch viel Luft nach oben. Eben genauso wie in ganz Deutschland. Und ich bin mir sicher, die Familie Mack wird sich mit diesem Wasserpark so nicht zufriedengeben. Und damit wären sie schon wieder Vorbild für uns alle. Damit wir gemeinsam auf Europa-Park-Niveau kommen.
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