BörsenWoche 520: Editorial: Der Handelsdeal zementiert die Mittelmäßigkeit europäischer Aktien

Die Europäische Union hat endlich einen Handelsdeal mit den USA und damit zumindest relative Sicherheit in der Zollfrage. Der Rahmen: Die meisten in die USA exportierten Waren werden mit 15 Prozent verzollt, die USA kann hingegen zollfrei nach Europa liefern. Dieser Deal ist zwar keine Katastrophe, aber auch nicht erfreulich.
Die europäische Wirtschaft ist schon lange träge. Jetzt bekommt sie einen neuen Klotz ans Bein. Auch die Aktienmärkte könnten darunter leiden. Europas Konzerne verlieren an Wettbewerbsfähigkeit. Die meisten Unternehmen haben nur geringsten Spielraum bei ihren Margen, fast keines kann 15 Prozent Gewinnspanne abgeben. Also müssen in den USA die Preise europäischer Waren steigen, was Marktanteile kosten dürfte.
Es wird die ohnehin schon wenig dynamischen Unternehmen weiter schwächen. Und es zementiert die Mittelmäßigkeit europäischer Aktien. Sie leiden seit langem unter verhaltenem Wachstum. Das erklärt auch, warum der Aktienindex Euro Stoxx 50 heute tiefer steht als vor einem Vierteljahrhundert. Amerikas Leitindex S&P 500 steht hingegen viermal so hoch.
Europa ist deklassiert. Der wertvollste US-Konzern, Nvidia, hat eine 13-mal so hohe Marktkapitalisierung wie Europas wertvollster Konzern, SAP (siehe Grafik). Die vergangene Woche hat den amerikanischen Vorsprung erneut eindrücklich gezeigt. Nachdem Microsoft gute Quartalszahlen vorgelegt hatte, sprang die Aktie um acht Prozent an. Das entspricht gut 300 Milliarden Dollar an zusätzlichem Börsenwert. Damit wurde mal eben das Wert-Äquivalent von SAP geschaffen.
Bezeichnend war auch der letztwöchige Börsengang der Designsoftwarefirma Figma. Die Aktie des Konzerns stieg am ersten Handelstag in New York von 33 Dollar Ausgabekurs auf 115,50 Dollar. In der Nachbörse ging es dann weiter rauf, auf bis zu 147 Dollar. Bei einem solchen Kurs wäre das Unternehmen fast 90 Milliarden Dollar wert. Das ist so viel wie die Münchener Rück und weitaus mehr als BMW, Mercedes oder Volkswagen.
Und was geht in Europa? Nicht viel: Der schwedische Zahlungsdienstleister Klarna hat sein Börsendebüt laut Medienberichten im Frühling pausiert und wäre dafür ohnehin in die USA gegangen. Der Stada-Börsengang fiel auch flach. Es ist das Zeitalter der Software, und die USA führen es an. US-Präsident Donald Trump dürfte darauf achten, dass die amerikanischen Techkonzerne nicht zu stark reguliert werden. Laufen deren Aktien gut, dann läuft der US-Markt gut, und Trump kann sich profilieren.
Natürlich sind auch Industrie, Mode, Lebensmittel oder Luxusgüter noch von Bedeutung. Und immerhin dort kann Europa punkten. Aber die Geschäftsmodelle liefern hier weniger hohe Profite – wegen der US-Zölle nun noch weniger als zuvor. Zu Jahresbeginn waren europäische Aktien zeitweise enorm gefragt. Sie waren günstig, und weltweit flüchteten Investoren vor Trumps erratischer Politik aus US-Werten.
Der Dax steht auf Sicht von zwölf Monaten um ein Drittel höher. Aber nach Abschluss des Handelsdeals blieb die Erleichterungsrally aus. Der Markt scheint zu ahnen, dass es für Europa nicht leichter wird. Und dass die US-Märkte zwar teurer, aber eben auch dynamischer sind.
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Anmerkung der Redaktion: In der Erstfassung des Artikels wurde der Börsengang von Klarna als abgesagt bezeichnet, jedoch hat Klarna einen laufenden Antrag für einen Börsengang, der laut Medienberichten lediglich pausiert worden war.