BörsenWoche 530: Editorial: Weltuntergang? Abgesagt. Doch Anlegern drohen trotzdem unschöne Phasen
Erinnern Sie sich noch daran, wie beängstigend die Börsenlage zu Jahresbeginn war? Im Januar gab es den Deepseek-Schock. Ein schlankes KI-Modell aus China ließ Techwerte purzeln. Weil womöglich weniger Chips für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz bei Nvidia bestellt würden, verlor der Konzern an nur einem Tag 600 Milliarden Dollar an Wert, so viel wie kein Börsenunternehmen zuvor.
Wenig später dann zeigte sich US-Präsident Donald Trump von seiner ungemütlichsten Seite. Im April stellte er Zölle in Aussicht, die der Weltwirtschaft eine Rezession bescheren könnten. Die Börsen gingen kurzzeitig in den freien Fall über. Doch glücklicherweise ließ sich Trump auf überschaubare Zölle herunterhandeln, die Konjunktur blieb stabil.
Anleger konzentrieren sich längst wieder auf das Potenzial von KI sowie die Aussicht auf sinkende Zinsen – die Aktienkurse steigen einfach weiter. Die meisten Aktienmärkte sind dieses Jahr deutlich zweistellig im Plus – trotz Rücksetzern, wie sie etwa der neu entflammte Handelskonflikt zwischen China und den USA gerade auslöste. Einige Börsen haben sogar besser abgeschnitten als die Wall Street (siehe Grafik). Auch wenn die Deutschen jammern: Der Dax steht 22 Prozent höher als zum Jahresanfang.
Das ist erst einmal erfreulich. Aber herrscht nicht zu viel Leichtfertigkeit? Zumindest sind viele Probleme nicht aus der Welt geschafft. Da wäre zum einen die US-Handelspolitik. Viele Kompromisse sind noch nicht im Detail verhandelt. Erst vergangene Woche verlangten die USA neue Zugeständnisse der Europäischen Union.
Ungewiss bleibt zudem, wie es im wirtschaftlichen Kräftemessen zwischen Trump und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping weitergeht.
Vertragt wurde auch eine Gesundung der Staatshaushalte. Die USA haben 38 Billionen Dollar Schulden – sechsmal so viel wie zu Beginn des Jahrtausends. Obwohl die Wirtschaft wächst und die Arbeitslosigkeit niedrig ist, bleibt das Defizit hoch.
Seit dem 1. Oktober werden US-Behörden durch einen Shutdown gelähmt, weil bisher keine Einigung über den Staatshaushalt erzielt werden konnte. Das beunruhigt vor allem die Anleihemärkte. Deren Geduld ist endlich.
Das muss aktuell Frankreich lernen: Seine Schulden sind hoch und die Regierung steckt in der Dauerkrise. Vergangenen Montag trat Premierminister Sébastien Lecornu überraschend zurück, nun ist er wieder an Bord. Die Renditen französischer Staatsanleihen steigen, was die Schulden noch erdrückender macht. Das Problem: Ist das Vertrauen erst einmal verloren, lässt es sich schwer zurückgewinnen.
Eine weitere Sorge ist die hartnäckige Inflation. Vor allem in den USA könnte sie aufgrund der Zölle bald steigen. Die jüngsten Daten für August zeigen eine Teuerung von 2,9 Prozent.
Doch das wohl größte Risiko an den Börsen ist die sportliche Bewertung von Technologieaktien, insbesondere die der KI-Profiteure. Aktuell fließen Hunderte Milliarden Dollar in den KI-Ausbau. Sollte die Technologie enttäuschen oder sollten auf das investierte Kapital keine Profite folgen, droht eine harte Korrektur.
Der Goldpreis spricht eine andere Sprache als die frischen Rekorde an den Aktienmärkten. Kürzlich kostete eine Feinunze des Edelmetalls zum ersten Mal mehr als 4000 Dollar – noch zu Jahresbeginn waren es 2600 Dollar.
Gold gilt als Krisenwährung. An der Börse gibt es also gute Gründe, sich zu sorgen. Die aktuellen Probleme sind zwar nicht unlösbar. Aber sie sind echt – und könnten Anlegern noch unschöne Phasen bescheren.
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