Börsenwoche 487: Editorial: Prognoseparty an den Börsen
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Auf eine Sache können sich bezüglich des nächsten US-Präsidenten wohl alle einigen: Donald Trump ist immer für eine Überraschung gut. Aber gerade in turbulenten Zeiten steigt der Wunsch nach Sicherheit.
Aktienindizes laden mit ihren Zählerständen regelrecht dazu ein, Kursziele auszurufen. Der Haken an solchen Vorhersagen: Ob sie zutreffen, ist völlig offen. Trotzdem werden immer wieder munter Prognosen getätigt.
Die renommierte Investmentbank Goldman Sachs steht beispielsweise konträr zur guten Börsenstimmung nach Trumps Wahlsieg. In einer im Oktober veröffentlichten Berechnung geht sie davon aus, dass der US-amerikanische Leitindex S&P 500 in den nächsten zehn Jahren nur drei Prozent pro Jahr zulegen wird – wohlgemerkt inklusive Dividenden.
Aus Sicht von Goldman Sachs sind US-Aktien mittlerweile zu teuer, um Anlegern weiterhin so gute Renditechancen zu bieten wie bisher. Zieht man noch die zwei Prozent erwartete Inflation ab, lägen die realen Aktienrenditen in den nächsten Jahren bei reichlich enttäuschenden ein Prozent pro Jahr.
Wie die Investmentbank aber selbst einräumt, steckt hinter dem Mittelwert von drei Prozent Rendite eine Spanne von minus eins bis plus sieben Prozent. Gut möglich also, dass die nächsten Börsenjahre doch deutlich besser werden als prophezeit. Sieben Prozent Jahresrendite wären ordentlich.
Rüber zur Großbank J.P. Morgan: Die erwartet in den kommenden 10 bis 15 Jahren immerhin 6,7 Prozent jährliche Rendite für US-Aktien. Britische Aktien sollen 7,1 Prozent abwerfen und Großunternehmen aus dem Euroraum 6,6 Prozent. Keine kontroverse Prognose, schließlich sind Renditen um sieben Prozent in der historischen Norm.
Die Experten von J.P. Morgan blicken in ihrem viel beachteten Bericht über die langfristigen Kapitalmarkterwartungen bereits seit 29 Jahren in die Glaskugel. Das heißt auch, dass sich die Treffsicherheit vergangener Schätzungen messen lässt. Vor zehn Jahren fiel die Prognose der Großbank ähnlich aus wie heute. Für US-Aktien wurden 6,5 Prozent Rendite vorhergesagt, während in Europa und Großbritannien je sieben Prozent herausspringen sollten. Nur Japan traute man eher niedrige 4,5 Prozent zu – aber wer hätte angesichts stagnierender Wirtschaft und hoher Schulden widersprechen wollen?
Tatsächlich kam es ganz anders. Japanische Aktien entwickelten sich prächtig (siehe Grafik) und lieferten eine doppelt so hohe Rendite wie von J.P. Morgan vorhergesagt. Auch der US-Markt lief hervorragend und konnte mit doppelt so viel Plus aufwarten wie vorhergesagt. Europa lag leicht über den Erwartungen. Einzig Großbritannien enttäuschte, wohl auch aufgrund des Brexit-Blues.
In der Summe waren J.P. Morgans Prognosen zuletzt zu pessimistisch. Das muss natürlich nicht heißen, dass es dieses Mal genauso ist. Die Zeit wird es zeigen.
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