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Investment Live Wann stirbt der Börsenzyklus? So bewerten Experten die aktuell größten Risiken

Gefahren gibt es viele an den Märkten, die Nervosität ist groß. Muss deshalb zwangsläufig der Börsenzyklus enden? Das war das Thema bei „Investment Live“.

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Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe, André Köttner, verantwortlich für das weltweite Aktiengeschäft bei der DWS, Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank und Moderator Markus Koch im Gespräch. Quelle: Stefan Koch für Handelsblatt

Hamburg Die Nervosität an den Aktienmärkten ist zuletzt deutlich gestiegen. Nachdem zu Jahresbeginn vor allem der Handelskonflikt zwischen den USA und China den Börsianern die Sorgenfalten auf die Stirn trieb, sind es aktuell die steigenden Zinsen in den USA. Und auch die jüngsten Stimmungsbarometer für die Wirtschaft im Euro-Raum haben sich tendenziell abgeschwächt. Endet also die jahrelange Rally an den Aktienmärkten?

Eine Frage, die sich so leicht nicht beantworten lässt. „Nur weil der Zyklus schon seit zehn Jahren läuft, muss er nicht enden“, sagt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank. „Der Zyklus stirbt nicht an Altersschwäche. Er wird umgebracht.“

Die Frage sei nun, wer der Mörder sein werde: Ein eskalierender Handelskrieg? Steigende Renditen an den Kapitalmärkten? Eine wieder etwas strengere Geldpolitik der Notenbanken?

Stephan gab sich beim Finanzmarktforum „Investment Live“, der Anlegerinitiative von Deutscher Bank und Handelsblatt, optimistisch, dass sich mit Blick auf Strafzölle und Protektionismus doch noch die Vernunft durchsetze. In der Hamburger Messe diskutierte der Kapitalmarktexperte mit seinem Kollegen André Köttner, verantwortlich für das weltweite Aktiengeschäft bei der DWS, und Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe vor mehr als 500 Gästen über die aktuelle Entwicklung an der Börse.

Die Zuschauer – immerhin knapp 90 Prozent von ihnen gaben an, Aktionäre zu sein – scheinen ihre Zweifel zu haben, dass die Märkte sich zeitnah erholen und wieder deutlich zulegen. Nur 56 Prozent der Anwesenden erwarten ein gutes Anlegerjahr. Sie wählten via Blitzumfrage dann auch die Frage, ob Aktionären unruhige Zeiten bevorstehen, als erstes Thema für das Podium. Stephan muss bei allem Optimismus dann auch eingestehen: „Es wird sicher kein einfaches Anlagejahr.“

Doch der Kapitalmarktexperte glaubt nicht, dass der aktuelle Wirtschafts- und Börsenzyklus so schnell endet – auch wenn die Stimmung derzeit eher mau ist. „Die Börse sucht Dinge, die schief gehen könnten und schaut dabei aktuell eben auch auf die Zinsentwicklung in den USA“, sagt er.

Im vergangenen Jahr seien Investoren eigentlich nur positiv überrascht worden, in diesem Jahr gebe es auch einige negative Nachrichten. „Viele gehen davon aus, dass wir beim Wachstum das Hoch erreicht haben und sich die Unternehmensgewinne nicht mehr so dynamisch entwickeln“, so Stephan. „Aber das ist noch keine Rezession.“

Auch Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe gab sich optimistisch. „Die Weltwirtschaft wächst, nicht nur in Europa und den USA, auch in den Schwellenländern“, sagte er. „Einen solchen Gleichklang, eine solche weltweite Dynamik hatten wir so noch nie – das stützt die Kurse.“

Sind die jüngsten Schwankungen an den Börsen also vielleicht doch kein Vorgeschmack auf schlechte Zeiten, sondern lediglich eine Korrektur? Immerhin haben die Kurse bereits wieder angezogen. Der Dax hatte nach seinem Allzeithoch im Januar deutlich Federn gelassen, nun hat er in den ersten vier Monaten des Jahres gut drei Prozent verloren. Auch an der Wall Street schmolzen die anfänglichen Gewinne zusammen.

Wenn es nach André Köttner ginge, würden Anleger gar nicht so sehr auf das brandaktuelle Marktgeschehen schauen. Kurzfristig stecke viel Psychologie in den Börsenkursen. Schon der legendäre Börsenaltmeister André Kostolany habe schließlich gesagt, die Börse sei Geld und Psychologie. Aktionäre sollten viel langfristiger denken und sich vom täglichen Auf und Ab, von den Tweets Donald Trumps und den jüngsten Wirtschaftsnachrichten nicht verunsichern lassen.

„Wenn Sie eine Aktie kaufen, gehört Ihnen ein kleines Stückchen vom Unternehmen“, sagte Köttner. Und er zitierte Superinvestor Warren Buffett: Wer eine Aktie nicht im Bewusstsein kaufe, diese mindestens zehn Jahre zu halten, der sollte sie auch keine zehn Minuten besitzen. Der tägliche Blick auf die Dax-Kurve verunsichere da nur.

Zumal Aktien langfristig die renditestärkste Anlageklasse überhaupt seien. Um das noch einmal zu verdeutlichen, zeigt Köttner einen beeindruckenden Chart: Der US-Aktienmarkt hat seit 1849 eine jährliche Rendite von im Schnitt 6,2 Prozent erzielt – trotz aller Kriege, großer Krisen und vieler Risiken.

Doch weil Investoren eben auch das kurz- bis mittelfristige Börsengeschehen umtreibt, geht es an diesem Abend in Hamburg natürlich auch um die Einschätzung der aktuellen Lage. Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe sieht trotz seines grundsätzlichen Optimismus auch dunklere Wolken am Himmel aufziehen. Mit Blick auf den drohenden globalen Handelskrieg ist er beispielsweise deutlich skeptischer als Stephan. Es geht ja nicht nur um Strafzölle für Importe in den USA, die Chinesen reagieren bereits.

Wenn sich die Lage zuspitzt, wird das gefährlich. „Man muss sich fragen, welche China-Abhängigkeit deutsche Unternehmen eigentlich haben“, gab der Handelsblatt-Chefredakteur zu Bedenken. „Nach unseren Berechnungen sind 15 Prozent China-Umsatz für deutsche Unternehmen eher Mittelmaß.“ Strafzölle würden sie also gleich doppelt treffen. Das erratische Verhalten des US-Präsidenten sei aktuell die größte konjunkturelle Gefahr. Noch sei offen, ob Donald Trump einen lang anhaltenden Handelskrieg vom Zaun breche.

Den potenziellen „Mörder“ des Wirtschafts- und Börsenzyklus machen die Experten an diesem Abend in Hamburg nicht dingfest. Neben dem drohenden Handelskrieg ist auf jeden Fall die Zinspolitik der Notenbanken ein entscheidendes Thema. Doch auch die zuletzt anziehenden Renditen an den Bondmärkten beurteilen die Experten unterschiedlich.

„Die Zinsen sind immer noch niedrig und werden es bleiben, ohne dass das längerfristig den Aktienmarkt abwürgt“, sagt Köttner. „Manche Aktien trifft es aber schlimmer und die reagieren sehr verschnupft darauf, dass die Zinsen steigen.“

Afhüppe berichtete von seinen jüngsten Treffen mit Dax-Finanzvorständen, bei denen die steigenden Refinanzierungskosten natürlich ein Thema seien. Sie könnten sich dank hoher Gewinne und hoher Cashflows aber gut wappnen, um auf der Refinanzierungsseite nicht unter Druck zu geraten.

Köttner ergänzt: „Für Unternehmen mit hohen Cash-Beständen sind steigende Zinsen sogar gut, und für Finanzunternehmen ebenfalls.“ Einig waren sich die Experten, dass die Normalisierung der Geldpolitik und eine Erholung der Zinsen wohl noch einige Zeit dauern dürfte.

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