Krieg im Nahen Osten: Was außer dem Ölpreis jetzt im Fokus steht
Der Ölpreis ist nicht zum ersten Mal das Fieberthermometer der Weltpolitik. Der aktuelle Schlagabtausch zwischen Israel und dem Iran ist hier keine Ausnahme.
Israels Angriff am 13. Juni ließ den Preis für europäisches Öl der Sorte Brent bis Montag um rund 13 Prozent auf über 79 Dollar pro Barrel ansteigen. Nach der Ankündigung einer Waffenruhe fiel der Kurs aber umso schneller auf aktuell unter 67 Dollar. Damit ist in etwa das Vorkrisen-Niveau erreicht. War es das also schon?
Während Käufer und Verkäufer auf dem Spotmarkt für Öl sehr kurzfristig entscheiden können, wie viel Risikoaufschlag sie zu zahlen bereit sind, müssen andere beteiligte Akteure vorausschauender planen.
Hohe Nachfrage
Betroffen sind vorrangig die Logistiker, die das Öl aus den Produktionsländern zu den Abnehmern transportieren. Die Drohung des Iran, eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten für den Öltransport – die Straße von Hormus – zu schließen, wirbelt deren Kalkulation gehörig durcheinander.
Ablesen lässt sich das an den entsprechenden Frachtraten, also den Preisen, die Reeder von Logistikern für den Transport von Gütern verlangen. Der Fokus liegt hier auf den großen Öltankern, den „Very Large Crude Carriers“ (VLCC), mit einer Kapazität von rund zwei Millionen Barrel Rohöl. Seit dem Beginn des israelisch-iranischen Kriegs sind die Preise geradezu explodiert.
Die Verantwortlichen wollen sich daher für eine etwaige Blockade wappnen und kurzfristig möglichst viel des schwarzen Goldes aus dem Gefahrengebiet transportieren. Das zeigt sich an den Indizes des für die Branche wichtigen Anbieters Riverlake, insbesondere dem „Riverlake Tanker Index“ (RTI).
Die VLCC-Rate – also das Kostenbarometer für besonders große Schiffe – auf der Route zwischen dem Persischen Golf und Asien hat sich seit Kriegsbeginn Mitte Juni von etwas über 40 auf zuletzt 112 Punkte fast verdreifacht. Quantitativ weniger ausgeprägt, aber in ihrer Plötzlichkeit ähnlich drastisch, sehen die Kurse auch für die Strecken in Richtung USA und Europa aus. Im Gegensatz zum Ölpreis ist hier noch keine Entspannung in Sicht.
Dass speziell die Route gen Osten teurer wird, lässt sich leicht herleiten. Vier Fünftel des durch die Straße von Hormus transportierten Rohöls ist für Asien bestimmt. Dazu gehört auch iranisches Öl, welches vor allem in China Abnehmer findet.
Hohes Risiko
Nicht nur die Nachfrage nach großen Tankern treibt die Preise, sondern auch die Versicherungskosten. Schiffe müssen versichert sein, egal ob Öltanker oder Containerschiff. Die Gefahren auf den Weltmeeren reichen von Naturkatastrophen über Piraterie bis zu militärischen Bedrohungen.
Das Risiko in der Straße von Hormus liegt aktuell auf der Hand. Ein Totalverlust der Ladung, mit oder ohne das zugehörige Schiff, muss einkalkuliert werden. Es wundert also nicht, dass die Versicherungsprämien für Schiffslieferungen in den Nahen Osten in der letzten Woche angezogen haben.
Wie mit der Materie vertraute Personen gegenüber der Agentur „Reuters“ angaben, sind die Prämien von zuvor 0,2 bis 0,3 Prozent auf 0,5 Prozent gestiegen. Erhoben werden sie auf den Handelswert der transportierten Ware, also den Preis, den ein Käufer schlussendlich zahlt.
Informationen des griechischen Schiffsbrokers Xclusive zufolge könnte der Kosteneffekt jedoch noch größer sein. „Die Kriegsrisikoprämien für Transite durch die Straße von Hormus sind kürzlich von etwa 0,125 bis 0,2 Prozent auf Werte von nahezu oder sogar über 1 Prozent gestiegen“, hieß es auf Basis von Gesprächen mit einem führenden Seeversicherungsmakler. Dies entspräche einer Steigerung von 300 bis 400 Prozent. Aufgrund der unsicheren Lage gelten die Angebote zudem nur noch 24 Stunden.
Teuer tanken
Selbst wenn der an der Börse gebildete Marktpreis für Rohöl also weiter sinkt, dürften die Preise für die Endverbraucher weiter auf einem hohen Niveau verharren. Heißt: Das Tanken bleibt teuer.
Darauf deuten Stichproben des Automobilclubs ADAC hin, der die Preise für Kraftstoffe untersucht hat. Am Mittwoch sei sowohl Superbenzin der Sorte E10 und Diesel nur rund eineinhalb Cent billiger verkauft worden als vor der Waffenruhe zwischen Israel und dem Iran. Am Dienstag waren die Preise trotz eines starken Rückgangs beim Rohöl sogar noch leicht gestiegen.
„Der deutliche Rückgang der Ölpreise kommt also langsam auch an den Tankstellen an – wenngleich sich hier schon noch mehr tun sollte“, sagt der Kraftstoffmarkt-Experte des ADAC Christian Laberer. Gerade beim Diesel gebe es nach den starken Anstiegen Potenzial für weitere Preissenkungen.
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