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Krieg in NahostNervosität am Öl- und Gasmarkt treibt die Preise

Der Konflikt zwischen Israel und Iran erreicht die Weltwirtschaft. Nach dem US-Angriff auf iranische Atomanlagen steigen die Preise an den Börsen.Sebastian Schug 23.06.2025 - 11:44 Uhr
Der Persische Golf, die Straße von Hormus und der Golf von Oman. Foto: -/The Visible Earth/NASA/dpa

Die Aussichten für den globalen Ölmarkt sind chaotisch. Nach dem Angriff der USA auf den Iran droht eine Eskalation des israelisch-iranischen Schlagabtauschs in einen regionalen Flächenbrand. Kurzfristig davon direkt bedroht: ein Fünftel des weltweiten Rohölhandels. Denn diese Menge muss für den Transport durch die Straße von Hormus.

Die Finanzmärkte reagierten entsprechend. Am Montagmorgen zogen die Börsenpreise für Rohöl an. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im August kostete in den ersten Handelsminuten der Woche 81,40 US-Dollar, ein Anstieg von bis zu knapp sechs Prozent. Das ist der höchste Stand seit Mitte Januar. Auch die amerikanische Sorte WTI zog zum Handelsbeginn um bis zu fünf Prozent an. Nach dem anfänglichen Aufschlag schmolz das Kursplus allerdings schnell wieder etwas ab – zuletzt legte der Brent-Preis noch um ein halbes Prozent auf 77,73 Dollar zu. Der Preis für US-Öl lag zuletzt bei etwas mehr als 74 Dollar.

Ähnlich sieht die Situation auch beim Erdgas aus: Zum Handelsauftakt sprang der richtungsweisende Terminkontrakt TTF zur Auslieferung in einem Monat bis auf 42,44 Euro je Megawattstunde (MWh) und damit auf den höchsten Stand seit Anfang April. Im frühen Handel gab der Preis aber wieder einen Teil der Gewinne ab. Die Notierung stand zuletzt bei 41,53 Euro. Das sind etwa anderthalb Prozent mehr als am Freitag.

Seit Beginn des Krieges zwischen Israel und dem Iran am 13. Juni kletterte der Brent-Preis um fast 13 Prozent; der für WTI um knapp elf Prozent. Im selben Zeitraum stiegen die Frachtraten für Rohöl um 204 Prozent.

Die Gefahr einer Blockade der wichtigen, vom Iran kontrollierten Meerenge spielte dabei von Anfang an eine Rolle. „Täglich passieren das Nadelöhr rund 21 Millionen Barrel Rohöl – etwa ein Fünftel des globalen Angebots“, heißt es in einer Analyse der Privatbank Metzler. Beim Flüssigerdgas LNG seien es mit 25 Prozent sogar noch mehr.

Für den Ernstfall rechnen Analysten der US-Bank J.P. Morgan mit einem Ölpreis von bis zu 120 Dollar pro Barrel, bis zu 60 Prozent mehr als aktuell. Zwar wäre ein derartiger Anstieg nahezu so gravierend wie zu Zeiten des Ölschocks 1973, doch andererseits gab es derartige Preisniveaus bereits während der Energiekrise im Jahr 2021. Das hat die Weltwirtschaft belastet, jedoch keinen Zusammenbruch zur Folge gehabt. Der Unterschied zur Ölkrise der 1970er:  Die initiale Preisexplosion war nur der Startschuss für eine zwölfmonatige Rally

Gefahr für die Gesamtwirtschaft

Ökonomen warnen vor erheblichen wirtschaftlichen Folgen eines Ölpreisanstiegs. Robin Winkler und Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research prognostizieren, dass ein Anstieg dieser Größenordnung in Deutschland und der Euro-Zone die Einfuhrkosten um etwa ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes erhöhen würde. Das lasse auch die Inflationsrate kurzfristig um etwa einen Prozentpunkt steigen. „Die derzeitige Konjunkturerholung würde abbrechen“, warnen die beiden Experten.

Für die USA sehen Bloomberg-Experten im Falle eines rasant steigenden Rohölpreises sogar eine Inflation von bis zu 4 Prozent. Das würde sich ihrer Einschätzung nach auch auf die Politik der US-Notenbank Fed auswirken. Weitere Zinssenkungen dürften herausgezögert oder gar ein erneutes Hochsetzen des Zentralbankzinses ins Auge gefasst werden.

Die Ökonomen der ING-Bank zeigen sich sogar pessimistischer als ihre US-Kollegen, sollte es zu einem längeren Konflikt kommen: „Bei einer längeren Blockade (bis Ende 2025) würden die Preise wahrscheinlich über 150 Dollar je Barrel steigen und neue Rekordhöhen erreichen“, sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Höhere Ölpreise dürften zwar die Förderung in den USA ankurbeln. „Aber es wird einige Zeit dauern, bis dieses zusätzliche Angebot auf den Markt kommt“, fügte er hinzu.

Zieht der Iran dem Ölhandel den Stecker?

Ob das Regime in Teheran den Schritt geht, bleibt abzuwarten. Iranischen Medien zufolge hat das Parlament bereits seine Zustimmung signalisiert. Zitiert wird Esmail Kosari, Mitglied der nationalen Sicherheitskommission des Parlaments: „Derzeit ist das Parlament zu dem Schluss gekommen, dass wir die Straße von Hormus sperren sollten, aber die endgültige Entscheidung darüber liegt in der Verantwortung des Obersten Nationalen Sicherheitsrates.“

Warum die Straße von Hormus so wichtig ist
Die Meerenge liegt zwischen Oman und Iran. Sie ist an ihrer schmalsten Stelle nur etwa 33 Kilometer breit. Für den Schiffsverkehr tauglich ist hier nur ein drei Kilometer breiter Streifen.
Es gibt keine zentrale Kontrollbehörde wie etwa am Suezkanal. Die Tanker fahren durch Hoheitsgewässer des Iran und des Oman. Ein UN-Abkommen, das Handelsschiffen freie Durchfahrt garantiert, hat der Iran zwar unterzeichnet, aber nicht ratifiziert. Teheran prüft nun, ob die Meerenge blockiert wird, wie ein General sagte. Die Entscheidung liegt beim Obersten Nationalen Sicherheitsrat unter Leitung des obersten Führers des Landes, Ajatollah Ali Chamenei.
Die Meerenge gilt weltweit als eine der wichtigsten Routen der Seefahrt. „Jede Unterbrechung der Ströme durch die Meerenge hätte erhebliche Auswirkungen auf die Weltölmärkte“, heißt es in einem Datenblatt der Internationalen Energie-Agentur (IEA). Demnach wurde 2023 nahezu 30 Prozent des weltweiten verschifften Öls über die Straße von Hormus transportiert – etwa 20 Millionen Fass Rohöl pro Tag, rund ein Fünftel des weltweiten Bedarfs. Der größte Teil davon geht in Richtung China, Indien und in andere asiatische Länder. Auch etwa 20 Prozent des weltweiten Flüssiggashandels läuft durch die Meerenge.
Es gibt Pipelines, etwa durch Saudi-Arabien zum Roten Meer und eine der Vereinigten Arabischen Emirate zum Golf von Oman. Pipelines könnten laut IEA im Fall einer Blockade etwa ein Viertel der durchschnittlichen Ölmenge aufnehmen, die sonst in Tankern den Golf verlassen würde. Anders als andere Förderländer hat der Iran laut IEA keine solche Alternative zur Straße von Hormus. „Die schiere Menge an Öl, die über die Straße von Hormus exportiert wird, und die begrenzten Möglichkeiten, sie zu umgehen, bedeuten, dass jede Unterbrechung der Ölströme enorme Folgen für die weltweiten Ölmärkte hätte“, warnt die Agentur. Bei längerer Unterbrechung seien signifikante Preisanstiege unvermeidlich und Engpässe schnell zu erwarten.
Der Ölpreis für die Nordseesorte Brent könne dann binnen kurzer Zeit auf 120 Dollar pro Barrel (159 Liter) klettern, schreiben die Ökonomen Robin Winkler und Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research. Aktuell liegt er bei knapp 78 Dollar. In Deutschland und der Euro-Zone würde ein Anstieg in dieser Größenordnung die Einfuhrkosten um etwa ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes erhöhen, rechnen die Experten von Deutsche Bank Research vor. „Die derzeitige Konjunkturerholung würde abbrechen“, warnen Winkler und Schattenberg deshalb.
Auch LNG wird in großen Mengen durch die Meerenge transportiert. „Noch gravierender fällt die Abhängigkeit bei LNG aus“, betonen die Experten des Bankhauses Metzler. Etwa ein Viertel der weltweiten Lieferströme des verflüssigten Erdgases (LNG) gehen hier durch. Katar, einer der weltweit größten LNG-Exporteure, schickt fast sein gesamtes Flüssigerdgas durch die Meerenge.
Benzinpreise vollziehen die Entwicklung der Weltmarktpreise rasch nach. Auch indirekt dürften die Konsumenten zur Kasse gebeten werden. Sollten etwa Landwirte, Logistikunternehmen und Airlines dauerhaft mehr für Sprit bezahlen müssen, dürften sie die gestiegenen Kosten an ihre Kunden weiterreichen. „Der Ölpreis ist zwar nicht mehr so wichtig für die deutsche Wirtschaft wie noch vor ein oder zwei Jahrzehnten“, betont der Chef-Marktanalyst des Finanzhauses CMC Markets, Jochen Stanzl. Wenn der Preis aber in kurzer Zeit stark steige, dann könne dies auch der zuletzt festere Euro durch geringere Importpreise nicht mehr kompensieren.
Ein ganz wichtiger (Gewinner) wäre Russland, dessen Öl und Gas dann umso mehr gefragt wären", sagte Volkswirt Cyrus de la Rubia. Ein starker Ölpreisanstieg könnte Moskaus Kriegskasse rund dreieinhalb Jahre nach dem Überfall auf die Ukraine wieder füllen. „Auf der Gewinnerseite könnten auch erneuerbare Energien wieder stärkeren Aufwind erhalten.“ Mit einem Anteil von 59,4 Prozent stammte der 2024 in Deutschland erzeugte und ins Netz eingespeiste Strom mehrheitlich aus erneuerbaren Energiequellen. 2023 hatte der Anteil noch bei 56,0 Prozent gelegen.

Kosari, der auch Kommandeur der Revolutionsgarden ist, hatte am Sonntag zuvor gegenüber dem Club junger Journalisten erklärt, dass die Schließung der Meerenge auf der Tagesordnung stehe und „bei Bedarf durchgeführt werde“. Ein Argument gegen die Schließung ist, dass auch der Iran selbst sein Öl durch die Straße von Hormus exportiert. Die Einnahmen kommen vor allem dem Militär zugute.

Am Wochenende haben sich die USA dem Krieg Israels gegen den Iran angeschlossen und unterirdische iranische Atomanlagen bombardiert. Das Vorgehen von US-Präsident Donald Trump weckt international Befürchtungen über eine Ausweitung des Krieges im ölreichen Nahen Osten. Die Führung in Teheran sucht derweil den Schulterschluss mit engen Verbündeten, der iranische Außenminister wird in Moskau erwartet.

Neben einer Meeresblockade drohte der Iran den USA auch mit weiteren Konsequenzen. Zu möglichen Gegenschlägen des Irans könnten fortgesetzte Luftangriffe auf Israel, Attacken auf US-Truppen im Nahen Osten sowie Terroranschläge in den USA gehören.

Wirtschaft von oben – Persischer Golf

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von Jannik Deters

Asien besonders betroffen

Während drohende Preissteigerungen die Käufer weltweit in gleichem Maße treffen würden, muss vor allem der asiatische Markt auch einen physischen Mangel einkalkulieren. Mehr als vier Fünftel der durch die Straße von Hormus transportierten Rohölmengen gehen nach Asien.

China als weltgrößter Raffinerie-Standort erhält laut dem Datenanbieter Kpler 14 Prozent seiner Rohöl-Versorgung aus dem Iran. Aufgrund der politischen Brisanz dieser Lieferungen könnten die tatsächlichen Mengen demnach auch höher sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass einige Lieferungen als Fracht aus Malaysia, den Emiraten oder Oman getarnt werden, um US-Sanktionen zu umgehen.

Der Iran exportiert zudem nicht nur Rohöl, sondern ist auch ein bedeutender Exporteur von Kraftstoff, wobei er hauptsächlich hochschwefelhaltige Sorten verkauft, die für die Schifffahrt oder als Rohstoffe für Raffinerien verwendet werden. Ein Großteil dieser Lieferungen gelangt schließlich in Schiffstankstellen wie Fujairah in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Singapur und Malaysia.

Mit Agenturmaterial von Reuters, Bloomberg und dpa

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