Riedls Dax-Radar: Anlauf auf 20.000 Punkte
Auf den ersten Blick ist die Zinssenkung der EZB um 0,25 Prozentpunkte wie erwartet ausgefallen. Doch Notenbankchefin Christine Lagarde ließ zwei Dinge durchscheinen, die für die Börsen in den nächsten Monaten entscheidend werden: Zum einen ist der Zustand der Wirtschaft in Europa fragiler als gedacht. Zum anderen ist mittelfristig auch wieder mit einem Anstieg der Teuerung zu rechnen. Eine schwächere Konjunktur und dennoch höhere Inflation wären weder für Aktien noch für Bonds ein guter Mix.
Dennoch, an den Aktienmärkten zählt derzeit erst einmal die Aussicht auf rückläufige Zinsen. Der amerikanische Dow Jones zieht mit über 43.200 Punkten auf ein neues Hoch, der Dax übertrifft mit 19.583 Punkten sein jüngstes Top vom 27. September.
Knapp unter den bisherigen Spitzen rangieren der europäische Stoxx 600 und der US-Hightechindex Nasdaq.
Renditen zeigen nach oben
Für diese divergierende Entwicklung gibt es zwei Gründe: Bei den Technologiewerten geraten derzeit gerade die ins Stocken, die davor monatelang an der Spitze standen, die Chipwerte. Enttäuschungen wie im Fall des niederländischen Halbleiterausrüsters ASML sind deshalb umso heftiger. Darin steckt eine Warnung vor einer Wirtschaftsabschwächung, da Chipaktien an der Spitze des konjunkturellen Zyklus stehen. Im Dax notiert Halbleiterhersteller Infineon noch immer um ein Drittel unter seinem Hoch vom Herbst 2021.
Der zweite Grund für das Nachlaufen zahlreicher Technologiewerte sind erhöhte langfristige Marktzinsen. Im Gegensatz zu den kurzfristigen Notenbankzinsen, die mitten in einem Senkungsprozess stecken, zeigen die Renditen an den Kapitalmärkten seit Mitte September nach oben: Die Rendite der führenden zehnjährigen US-Bonds ist von 3,6 Prozent auf 4,1 Prozent gestiegen; die Rendite für die in Europa taktgebenden zehnjährigen Bundesanleihen von 2,0 auf 2,2 Prozent.
Für beide gilt: Die Bondmärkte, die weiter in die Zukunft blicken als die Aktienmärkte, bestätigen die Warnung der EZB vor mittel- bis langfristig wieder ansteigender Inflation. Dass dieser Zinsanstieg in Europa zuletzt moderater ausfiel als in den USA, ist keine Beruhigung, weil darin die trüberen konjunkturellen Aussichten des alten Kontinentes stecken.
Die Deutsche Telekom auf dem Weg zur Volksaktie
Eine der stärksten Aktien im Dax ist derzeit die Deutsche Telekom. Seit dem Tief im Coronacrash ist die T-Aktie von 11 Euro auf 28 Euro gestiegen. Diese Kletterpartie von viereinhalb Jahren ist die längste aufwärtsgerichtete Trendphase der Telekom seit ihrem Börsengang im Herbst 1996.
Verantwortlich für dieses Comeback sind mehrere Gründe: Sie reichen von der wachsenden Bedeutung, die Infrastrukturunternehmen in Zeiten datenbasierter Wirtschaften gewinnen, gehen über die positive Entwicklung, mit der die Telekom über ihren US-Ableger den amerikanischen Mobilfunkmarkt erobert hat bis hin zur relativen Stabilität im Kernmarkt Deutschland.
Mit dieser verlässlichen Performance ist die T-Aktie mittlerweile das geworden, was sie zu Beginn ihrer Karriere sein wollte: eine Volksaktie, die guten Zuwachs bietet und zugleich relativ resistent in konjunkturellen Schaukelphasen ist. Ein Anstieg bis zum nächsten Ziel um 30 Euro sollte kurz- bis mittelfristig kein Problem sein.
Adidas dürfte Luft haben bis zu seinen alten Rekorden
Ein Comeback anderer Art läuft bei Adidas. Während die Sportartikelbranche weltweit in einer schwierigen Verfassung steckt und die Aktie des Marktführers Nike sich in den vergangenen drei Jahren halbiert hat, zieht Adidas seit dem Absturz Ende 2022 kontinuierlich nach oben. Die jüngsten guten Zahlen zum dritten Quartal bestätigen die Erholung; aller Voraussicht nach wird 2024 nun wieder das erste Jahr mit einem substanziellen Gewinn.
Natürlich, gemessen an den rund 650 Millionen Euro, die Banken für Adidas in diesem Jahr im Schnitt an Nettogewinn erwarten, ist ein Börsenwert von 40 Milliarden Euro überbewertet. Doch das Comeback von Adidas beruht auf einer anderen Rechnung: Auf soliden Wachstumsraten und Nettomargen, die wie in den vergangenen guten Jahren bei acht bis zehn Prozent lagen. Wenn Adidas etwa mittelfristig wieder 25 Milliarden Euro Umsatz erzielt, dann wären damit auch gut zwei Milliarden Euro Nettogewinn realistisch. Zusammen mit den in den vergangenen Jahren immer wieder erreichten Bewertungen von 25 und mehr wäre damit langfristig durchaus ein Anstieg bis zu den alten Höhen um 300 Euro möglich.
Merck kehrt zurück zu seinem jahrzehntelangen Wachstumstrend
Noch am Anfang seines Comebacks steht die Darmstädter Merck KGaA. Fast drei Jahre hat die Aktie konsolidiert, weil Merck nach der Sonderkonjunktur um Coronaprodukte erst wieder zum langfristigen Wachstumspfad zurückfinden musste. Die jüngste Prognoseheraufsetzung der Darmstädter ist ein gutes Zeichen: In allen drei Sparten – Pharma, Laborzulieferungen und Elektronik – gewinnen die Geschäfte an Dynamik. Zum Halbjahr zeigten Umsatz und Gewinn noch Stagnation und leichten Rückgang. Der operative Cashflow allerdings, der Mittelzufluss aus dem laufenden Geschäft, legte da schon deutlich zu.
Ein Selbstläufer wird die Erholung nicht. Merck ist sowohl durch die Kombination seiner drei Schwerpunkt als auch durch die ungewöhnlich lange Tradition als Familienunternehmen (die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht) und der daran orientierten Organisation als Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) ein Unternehmen mit einem eigenen Charakter.
Im zentralen Pharmageschäft, das gut die Hälfte der operativen Gewinne einbringt, sind damit keine großen Zusammenlegungen oder Übernahmen in Sicht, die in der Branche sonst üblich sind. Im Gegensatz dazu konzentriert sich Merck auf eine vergleichsweise übersichtliche Pipeline, was sich im Erfolgsfall durchaus lohnen kann. Zentrale Medikamente der Darmstädter in der Krebsbekämpfung oder gegen Multiple Sklerose zeigen solides bis dynamisches Wachstum. Das Risiko allerdings besteht darin, dass ein unerwarteter Misserfolg bei einzelnen Produkten merklich auf die Gesamtzahlen durchschlagen kann.
Umso wichtiger ist die Abfederung durch die anderen Sparten Laborzulieferung und Elektronik. Immerhin, auch hier registriert Merck durch den Siegeszug der Zell- und Gentherapien und den Bedarf an hochwertigen Halbleitermaterialien für KI-Anwendungen eine anziehende Nachfrage.
Merck-Aktien verlaufen seit 2002 in einem mustergültigen, wie mit dem Lineal gezogenen langfristigen Aufwärtstrend. Setzt sich diese Entwicklung fort, könnte die Aktie 2025 oder spätestens 2026 wieder ihr Rekordniveau um 230 Euro erreichen – und im Fall eines guten Geschäftsverlaufs dann von da aus in neue Höhen vordringen.
Sartorius ist eine der heikelsten Spekulationen im Dax
Mit einem Kursfeuerwerk hat Labor- und Biotechzulieferer Sartorius auf die jüngsten Neunmonatszahlen reagiert. Der Umsatz ist um knapp drei Prozent auf 2,47 Milliarden Euro gesunken, der Nettogewinn ging um ein Viertel auf 208 Millionen Euro zurück – wobei es sich hier um mehrfach adjustierte Zahlen handelt. Nominell ausgewiesen blieben unterm Strich nach neun Monaten 75,1 Millionen Euro.
2024 rechnet Sartorius mit einem Umsatz auf Vorjahresniveau, das waren 3,4 Milliarden Euro. Für den Nettogewinn liegen die Prognosen der Banken für 2024 derzeit im Schnitt bei knapp 200 Millionen Euro, für 2025 und dann im Bereich um Millionen Euro.
Sartorius-Aktien haben zwei Probleme. Zum einen zeigen die aktuellen Zahlen zwar eine gewisse Stabilisierung auf niedrigem Niveau, ein nachhaltiger Dreh nach oben lässt sich damit aber noch nicht untermauern. Aus diesem Grund sind die Prognosen der Analysten zwar leicht steigend, aber weit entfernt von den alten, hohen Wachstumsraten, die Sartorius in den Jahren bis 2021 erzielte.
Das zweite Problem ist die enorme Bewertung der Aktie, die sich in einem der spektakulärsten Kursanstiege der deutschen Börsengeschichte aufgebaut hatte: Von 2009 bis 2021 kletterte die Aktie (um Kapitalmaßnahmen bereinigt) von 1,53 Euro auf bis zu 607 Euro. Seit 2022 läuft an der Börse die Verarbeitung dieses exorbitanten Anstiegs, ausgelöst durch die rückläufigen Zahlen nach der Sonderkonjunktur um Corona.
Aktuell kommt Sartorius mit Vorzugs- und Stammaktien zusammen auf eine Marktkapitalisierung von 17,8 Milliarden Euro. Sollte das Geschäftsvolumen im nächsten Jahr auf vier Milliarden Euro steigen, ergäbe dies eine 4,5-fache Umsatzbewertung. Für einen wachstumsstarken und rentablen Pharma- und Biotechzulieferer wäre das durchaus in Ordnung.
Bei der Gewinnbewertung aber hakt es: Wenn Sartorius im nächsten Jahr die im Schnitt erwarteten 300 Millionen Nettogewinn erreicht, wäre das immer noch ein KGV um 60. Das ist entweder sehr teuer oder sehr optimistisch.
So oder so, Sartorius-Aktien sind auf dem aktuellen Niveau eine sehr spekulative Angelegenheit. Immerhin, dass die im Dax notierten Vorzugsanteile nun zweimal zwischen 200 und 220 Euro kurzfristig einen schnellen Dreh nach oben geschafft haben, gibt Hoffnung. Der entscheidende Stärketest steht bei 300 bis 320 Euro bevor, wenn es um den Abwärtstrend der vergangenen drei Jahre geht. Den dürfte Sartorius wahrscheinlich nur dann überwinden, wenn auch die operativen Zahlen eine substanzielle Wende dokumentieren.
Fazit für den Dax: Seit der Dax die Zone seiner vorangegangenen Hochpunkte zwischen 18.700 bis 19.000 Punkten überwunden hat, läuft der Angriff auf die 20.000. Die absehbaren Zinssenkungen der Notenbanken sind dafür ein passendes Umfeld. Noch ist die Konjunktur nicht zu wacklig, dass besonders schwache Unternehmensergebnisse dazwischenfunken. Die zuletzt ausgesprochen positiven Reaktion auf die Indikation von Merck und die Zahlen von Sartorius zeigen, dass die Börsen derzeit gewillt sind, dies zu honorieren. Entscheidend für den Gesamtmarkt werden die nun bevorstehenden Zahlen der Index-Schwergewichte SAP, Siemens, Telekom, Allianz und Airbus.
Die Anfang November anstehende US-Präsidentschaftswahl macht sich bisher an der Börse nicht als Belastung bemerkbar. Das ist ein gutes Zeichen. Auch für die Zeit nach der Wahlentscheidung deutet dies nicht auf besondere politisch bedingte Turbulenzen hin. Die an den Börsen vorherrschende langfristigen Aufwärtstrends können sich damit weiter fortsetzen.
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