Riedls Dax-Radar: Europäische Aktien sind besser als ihr Ruf
Die amerikanische Notenbank Fed verändert die Zinsen erst einmal nicht. Die europäische EZB dagegen nimmt den Einlagensatz für Banken von 3,00 auf 2,75 Prozent zurück. Beides hatten die Märkte erwartet – ebenso wie die Tatsache, dass es wie in der ersten Amtszeit von Donald Trump Reibungen zwischen der Fed und dem amerikanischen Präsidenten gibt: Während Trump seit jeher auf niedrigere Zinsen drängt, betont Fed-Chef Jerome Powell, hier keine Eile zu haben.
Neu für das Szenario an den Märkten allerdings ist, dass die US-Wirtschaft womöglich gar nicht so gefestigt ist, wie vielfach angenommen. Mit 2,3 Prozent im vierten Quartal 2024 fiel das Wachstum zuletzt schwächer aus als erwartet. Zudem ist mit der Frage, wie unangefochten die amerikanischen Protagonisten beim Megatrend Künstliche Intelligenz wirklich sind, plötzlich eine offene Flanke entstanden.
Spürbar ist die amerikanische Schwäche schon seit mehreren Wochen – also schon vor dem Paukenschlag, mit dem der chinesische KI-Spezialist DeepSeek die US-Konkurrenz ins Wanken gebracht hat: Sowohl der Hightech-Index Nasdaq als auch die wichtigste KI-Aktie Nvidia machen seit Wochen nicht mehr die Pace an den Aktienmärkten. Und vom jüngsten Absturz, der Nvidia besonders heftig erwischte, hat sich der einstige US-Champion bei weitem noch nicht erholt.
Ganz im Gegensatz zu europäischen Aktien. Obwohl seit Wochen immer wieder davon die Rede ist, wie schwach die Konjunktur in Europa sei und dass der alte Kontinent vom neuen US-Präsidenten aufs Korn genommen werde, sind die europäischen Börsen erstaunlich robust: Der Euro Stoxx 50 der wichtigsten EU-Aktien hat mit dem Anstieg auf über 5000 Punkten ein langfristiges Kaufsignal gegeben; dem breiten europäischen Stoxx 600 gelang dies mit dem Anstieg auf über 525 Punkte.
Ginge es allein nach diesen beiden Kurskurven, könnten europäische Aktien eine Rally eingeleitet haben, die wie von Oktober 2023 bis Mai 2024 länger als ein halbes Jahr dauert. Ein solches Szenario hatten angesichts der schwachen europäischen Wirtschaft und der besonderen Belastungen (neue Zölle, hohe Rüstungsausgaben, politischen Turbulenzen) die wenigsten Marktteilnehmer bisher auf der Rechnung.
Rekorde trotz Krisenmodus
Das gilt auch für die Stärke des deutschen Aktienmarkts. Immer wieder war und ist vom kranken Mann Europas die Rede und davon, dass einstige Ikonen der deutschen Wirtschaft wie Bayer, BASF, Volkswagen und sogar Mercedes-Benz tief im Krisenmodus angekommen seien.
Dieser Pessimismus verkennt allerdings zwei entscheidende Triebkräfte des deutschen Aktienmarkts: Erstens liegt es in der Natur der Indexberechnung, dass nicht die Fußkranken die Richtung bestimmen, sondern die Überflieger: Und das sind im Fall des Dax vor allem die wirtschaftlich sehr erfolgreichen Schwergewichte SAP, Siemens, Deutsche Telekom, Airbus und Allianz.
Zweitens profitiert der deutsche Aktienmarkt von der offensichtlichen Schwäche der europäischen Wirtschaft: Denn gerade weil die Konjunktur in der EU so flau ist, sind die Zinsen auf einem wesentlich niedrigeren Niveau als in Amerika oder in Großbritannien – eine Tendenz, die von der aktuellen Politik der Notenbank noch befördert wird. Zugespitzt ausgedrückt bedeutet dies, dass die Unternehmen doppelt profitieren: In Deutschland und Europa vom niedrigen Zins, auf den internationalen Märkten von der hier meist robusten Wirtschaft.
Deutsche Bank vor Stärke-Test
Auf den ersten Blick eine Enttäuschung sind die jüngsten Zahlen der Deutschen Bank. Unterm Strich ist der Nettogewinn um 28 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro gesunken. Allerdings, Gründe für diesen Gewinnrückgang sind nicht ein schwächeres laufendes Geschäft, sondern außergewöhnliche Sonderbelastungen: vor allem hohen Entschädigungen wegen juristischer Auseinandersetzungen mit Aktionären der schon 2010 übernommenen Postbank sowie Entschädigungen für fehlgeschlagene Fremdwährungskredite in Polen. Zudem war auch noch das Vorjahresergebnis durch einen milliardenschweren Steuereffekt aufgebläht.
Beim eigentlichen Geschäft sieht die Deutsche Bank aber besser aus: Wieder einmal ist es das Investmentbanking, das mit einem 80-prozentigen Plus der Bank den höchsten Gewinnzuwachs einbringt. Fondsableger DWS steuert ein Plus von 60 Prozent bei, im Privatkundengeschäft sind es plus 16 Prozent. Im Geschäft mit Unternehmenskunden allerdings ging der Gewinn um mehr als ein Viertel zurück.
Aus Börsensicht ist das Zahlenwerk der Deutschen Bank gemischt mit positivem Grundton: Dass die Bank nun schon seit Jahren immer wieder mit Sonderbelastungen zu kämpfen hat ist durchaus enttäuschend ebenso wie die zähen Kostenstrukturen. Andererseits zeigen die Ergebnisse der florierenden Sparten, welches Potenzial in der Deutschen Bank stecken könnte.
Die zuletzt deutlich gestiegenen Kurse belegen, dass die Märkte der Deutschen Bank mittlerweile wieder eher gesonnen sind als in den düsteren Jahren 2016 bis 2023. Dieses Vertrauen sollte die Deutsche Bank nicht aufs Spiel setzen – und deshalb wird 2025 ein Jahr der Entscheidung. Kommt die operative Entwicklung wie von Chef Christian Sewing skizziert voran, sollten Aktiennotierungen von 20 bis 25 Euro möglich sein.
Daimler Truck zieht
Einen kräftigen Kursschub gibt es bei Daimler Truck. Auslöser sind Meldungen über ein Kostensenkungsprogramm, das bis 2030 eine Milliarde Euro umfassen könnte. Vor allem geht es Daimler darum, bei der Rendite zu den Konkurrenten Volvo und Scania aufzuschließen. Dazu kamen Meldungen, dass auf dem wichtigen US-Markt bei großen Kunden wie der Spedition JB Hunt umfangreiche Investitionen anstehen könnten.
Noch überwiegt im Geschäft mit Nutzfahrzeugen die allgemein unsichere Konjunkturerwartung. Doch sollte es tatsächlich zu einer Nachfragebelebung und zugleich zu einer Erhöhung der Rentabilität kommen, hätte Daimler Truck angesichts moderater Bewertung und ansehnlicher Dividende erhebliches Potenzial. Der jüngste Anstieg über 40 Euro ist ein positives Signal, das in den nächsten Monaten eine Kletterpartie bis zum alten Hoch bei 48 Euro einleiten könnte.
Neue Chancen bei Sartorius
Noch immer mehr als 50 Prozent unter dem einstigen Hoch notiert die Aktie von Labor- und Pharmazulieferer Sartorius. Doch nun sieht es so aus, also ob die mehrmals schon erwartete Erholung doch eintritt. Im zweiten Halbjahr 2024, vor allem im vierten Quartal, haben sich die Aufträge belebt. Bei vielen Kunden ist der Lagerabbau fortgeschritten, der Bedarf an Verbrauchsmaterialen zieht an.
Noch hat Sartorius mit 3,4 Milliarden Euro Umsatz (wie 2023) und 280 Millionen Euro Nettogewinn (minus 17 Prozent) die Wende nicht eindeutig geschafft. Dennoch stehen die Chancen dieses Mal besser als bei den Erholungsversuchen 2022 und 2023. Vor allem hat sich die Bewertung der Aktie zumindest etwas ermäßigt - wobei die Marktkapitalisierung für einen Biotechzulieferer dieser Größe mit 19 Milliarden Euro nach wie vor hoch ist.
Immerhin, der Anstieg der im Dax notierten Sartorius-Vorzugsaktien über das kritische Niveau um 260 Euro hinaus ist ein Stärkezeichen. Jetzt kommt es darauf an, ob bei eventuellen Kursrückschlägen risikofreudige Käufer gleich wieder zugreifen.
Fazit für den Dax: In der gesamten mittelfristigen Anstiegsphase seit August vergangenen Jahres ist der Deutsche Aktienindex mittlerweile um 25 Prozent gestiegen. In der vorangegangenen Anstiegsphase von November 2023 bis Mai 2024 waren es ebenfalls 25 Prozent; in der Anstiegsphase davor, von von Oktober 2022 bis Juni 2023, schaffte der Dax rund 35 Prozent. Für die aktuelle Situation heißt das: Trotz stabilem Trend ist der mittelfristige Anstieg im Dax zumindest sehr weit fortgeschritten.
Das gilt auch für die kurzfristige Entwicklung. Seit dem jüngsten Tief am 3. Januar bei 19.906 Punkten hat der Dax in 19 Tagen knapp zehn Prozent zugelegt. Akute Schwächesignale zeigt er bisher nicht, dennoch ist der kurzfristige Anstieg mit drei Aufwärtsschüben und zwei kurzen zwischenzeitlichen Korrekturen im Grunde komplett und damit reif für eine Verschnaufpause.
Das Gute dabei: Gerade weil der Dax in den vergangenen Wochen so kräftig gestiegen ist, hat er bei einem Rücksetzer genug Spielraum, ohne den großen Aufwärtstrend zu verletzen. Kurzfristig sollte die Zone zwischen 20.000 bis 20.500 Punkten Rückhalt bieten.
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