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RIEDLS DAX-RADAR
Quelle: dpa

Neue Risiken nach der Bärenmarktrally

Bisher schürten die Stützungsmaßnahmen der US-Notenbank die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Krise. Jetzt spricht die Fed von einer langwierigen und mühsamen Erholung. Eine Warnung, die Börsianer ernst nehmen sollten.

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Die globale Konjunktur steht vor dem größten Rückschlag seit der Weltwirtschaftskrise. Schon im ersten Quartal ist die US-Wirtschaft um 4,8 Prozent geschrumpft, in der Eurozone ging es um knapp vier Prozent nach unten.
Und dabei stecken in dieser Quartalsrechnung bisher nur vier bis fünf Wochen Corona-Effekt.

Richtig düster wird es im aktuellen zweiten Quartal. Jerome Powell, Chef der amerikanischen Notenbank, stimmt die Märkte darauf ein, dass „wir ökonomische Daten sehen werden, die schlechter sind als alle Daten, die wir jemals für die Wirtschaft gesehen haben“. Und selbst wenn der Tiefpunkt der konjunkturellen Entwicklung im zweiten Quartal erreicht sein könnte, werde der Erholungsprozess danach nur mühsam vorankommen – „long and painful“.

Weil die Situation der Wirtschaft so dramatisch ist, gibt sich Powell kämpferisch wie nie zuvor: Die Notenbank werde alles tun, um die Wirtschaft zu stabilisieren – „proaktiv, aggressiv und mit Nachdruck.“ Dazu gehören bisherige Maßnahmen wie der unbegrenzte Handel mit US-Staatsanleihen, aber auch neue Schritte wie der Kauf von Kommunalanleihen oder die Förderung der Kreditvergabe an größere Mittelständler.

Die Botschaft, die Powell an die Märkte sendet, ist unmissverständlich: Die Fed wird in ihrem Kampf gegen die schwerste Wirtschaftskrise seit einem Jahrhundert nicht nur alle bekannten Hebel in Bewegung setzen, sondern bei Bedarf auch Grenzen überschreiten.

An den Börsen waren schon die bisherigen, außergewöhnlich umfangreichen Maßnahmen der Fed der entscheidende Grund, der Mitte März den freien Fall der Aktienkurse auffing und danach zu einer Erholung führte, die weiter ging, als von vielen Beobachtern erwartet.

Im marktbreiten amerikanischen Aktienindex S&P 500 hat das dazu geführt, dass von den 1149 Punkten, die der Index (gemessen zu Schlusskursen) von Februar bis März verloren hat, bis April 703 Punkte wieder gut gemacht worden sind. Damit wurden 61 Prozent der Verluste ausgebügelt. Das entspricht genau einer klassischen Kursreaktion, wie sie vor allem in chart-affinen US-Börsenkreisen derzeit intensiv diskutiert wird. Der Dax hat eine ähnliche Entwicklung absolviert: Hier kam es nach 5347 Punkten Verlust zu 2666 Punkten Plus, eine Erholung um 50 Prozent.

Die aktuelle Situation an den Börsen ist damit außergewöhnlich brisant: Der Ablauf seit Februar zeigt, dass es nicht zu jener von Optimisten erwarteten V-Erholung gekommen ist. Bei einem solchen Muster vollzieht sich der Anstieg mit gleicher oder ähnlicher Dynamik wie der vorangegangene Abschwung. Eine solche V-Erholung wäre ein Hinweis darauf, dass der Wirtschaftseinbruch letztlich nur vorübergehend sein könnte und die Märkte – womöglich mit dem Abklingen der Pandemie – ihren alten Aufwärtstrend fortsetzen.

Wenn sich nun aber keine V-Erholung abspielt, dann müssen sich Anleger auf eine längere Bodenbildung einstellen. Die extremen Maßnahmen der Fed dürften sich dann zwar als gigantisches Auffangnetz erweisen, das die Märkte vor dem völligen Zusammenbruch bewahren sollte, heftige kurze - bis mittelfristige Schwankungen aber wird das kaum verhindern.

Für den Dax heißt das: Die Gefahr ist groß, dass es nach sechs Wochen Kurserholung zu einer neuen, abermaligen Korrekturphase kommt. Der Anstieg über das 2018er-Tief um 10 400 Punkte war zwar ein gutes Zeichen; am Sommer-Tief 2019 um 11 300 Punkte ist der Dax aber im Tagesverlauf am Donnerstag, den 30. April gescheitert. Die Durchschnittslinie der vergangenen 200-Tage, die derzeit bei 12 217 Punkten verläuft und nun nach unten drückt, hat der Dax bei weitem nicht erreicht. Von den 30 Dax-Werten verlaufen derzeit bei 27 die aktuellen Kurse unterhalb dieses Durchschnitts. Das ist eine Baisse-Quote von 90 Prozent – und ein Signal dafür, dass wie in der Wirtschaft die Erholung an den Börsen „long and painful“ werden dürfte.

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