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Riedls Dax-Radar
Schwächeres China wird zum Retter der Hausse Quelle: REUTERS

Schwächeres China wird zum Retter der Hausse

Die Rekordjagd an den Börsen läuft. Für eine Entspannung bei Inflation und Zinsen kommt China und den Rohstoffmärkten eine Schlüsselrolle zu. Und hier gibt es hoffnungsvolle Signale.

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Der wichtigste Aktienmarkt weltweit, die amerikanische Börse, hat ihren bisherigen Topstand erreicht: Im Dow Jones sind das gut 35.600 Punkte, im S&P 500 etwa 4.550 Zähler. Im Technologieindex Nasdaq 100 fehlt noch ein kleines Stück zum alten Hoch bei 15.700. Treibende Kraft der aktuellen Rally sind gute Unternehmensergebnisse. Dazu kommt angesichts des bevorstehenden Jahresendes der saisonale Effekt der in der Regel starken Monate November und Dezember, die jetzt schon vorweggenommen werden.

Der jüngste Anstieg ist bemerkenswert, weil er sich trotz steigender Zinsen abspielt. Allein im Verlauf der vergangenen Woche sind die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen von 1,54 Prozent auf bis zu 1,71 Prozent gestiegen. Auch die Zinsen haben dabei ihre vorangegangenen mittelfristigen Notierungsspitzen wieder erreicht, die im Mai bei 1,70 Prozent lagen. Zumindest kurzfristig haben steigende Zinsen offensichtlich ihren Schrecken für die Börse verloren.

Ob das so bleibt, wenn die Inflationsraten sich verfestigen und die Preise womöglich noch weiter steigen, bleibt abzuwarten. Vor allem an den Energiemärkten ist der Aufwärtsdruck ungebrochen: Rohöl der Sorte Brent hat 84 bis 85 Dollar je Fass erreicht, Strompreise ziehen auch für Großabnehmer deutlich an, Kohle und Erdgas sind nach den jüngsten Preisspitzen zwar etwas zurückgekommen, verlaufen aber weiter in steilen Aufwärtsbewegungen.

An den Metallmärkten ist das Bild ähnlich. Aluminium hat unter hektischem Handel ein neues Hoch markiert, Kupfer das Top vom Mai wieder erreicht, der Preis für das E-Mobilitäts-Metall Lithium hat sich seit Jahresanfang mehr als vervierfacht.

Allerdings sind die hektischen Ausschläge und die zum Teil parabolischen Preiskurven typische Zeichen einer Überhitzung. Wie schnell es dabei in die andere Richtung gehen kann, zeigt der ebenfalls zentrale Rohstoff Eisenerz, dessen Preise seit August auf dem Rückzug sind. Grund ist die Angst vor einem Rückgang der Nachfrage, vor allem vom Hauptabnehmer China. Hier deuten die Probleme um den Immobilienriesen Evergrande und die zuletzt schwächer als erwarteten allgemeinen Wirtschaftszahlen auf eine Verlangsamung des Aufschwungs.

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    Das Nachlassen der chinesischen Dynamik könnte sich damit als wichtiger Baustein für den Fortgang der Hausse an den westlichen Börsen erweisen. So wie beim Eisenerz könnte es in den nächsten Monaten auch auf anderen Rohstoffmärkten zu deutlichen Korrekturen kommen. Selbst im Rohöl wäre angesichts langjähriger Konsolidierungen spätestens im Bereich zwischen 90 und 100 Dollar wieder Verkaufsdruck möglich; vor allem, wenn sich die Nachfrage des substanziell größten Käufers abschwächt, wiederum China.

    Derzeit gehen viele Beobachter davon aus, dass die weltweiten Rohstoffmärkte die steile Tendenz der vergangenen Monate 2022 nahtlos fortsetzen. In der Regel laufen Rohstoffmärkte aber keineswegs homogen, sondern sind eher durch umfangreiche Konsolidierungen und unterschiedliche Entwicklungen in einzelnen Preiskurven gekennzeichnet. Insgesamt könnte dies dazu führen, dass sich der Aufwärtsdruck auf die allgemeine Inflationsrate in den nächsten Monaten abschwächt und 2022 längere, in einzelnen Rohstoffmärkten divergierende Entwicklungen bevorstehen.

    Die wichtigste Notenbank, die amerikanische Fed, dürfte in einem solchen Umfeld zwar an ihrer angekündigten Rückführung der expansiven Geldpolitik festhalten. Wahrscheinlich aber dürfte sie bei einer durchwachsenen Entwicklung 2022 die Zinszügel nur langsam anziehen. Und das wiederum wäre ein Umfeld, mit dem die Aktienmärkte durchaus zurecht kommen.

    Stabiler Börsenbetreiber, spektakulärer Pharmazulieferer

    Im Dax setzt sich die Reihe guter Geschäftsergebnisse fort. Die Deutsche Börse AG hat im dritten Quartal mit einem Gewinnplus von 32 Prozent mehr verdient als erwartet. Für ein gutes Zusatzgeschäft sorgt derzeit der lebhafte Handel mit Strom- und Gasprodukten. Insgesamt erzielt die Deutsche Börse seit Jahren stabile, steigende Nettogewinne; selbst in allgemeinen Krisenphasen wie 2020 stiegen die Erträge. Die Bewertung der Aktie ist im internationalen Vergleich moderat, mittelfristig sollte der Kurs zumindest wieder das Top um 170 Euro erreichen.

    Bei SAP kam es zu kurzfristigen Irritationen, nachdem das Management nach guten Quartalszahlen sich zur Marge etwas vorsichtiger äußerte. Am Erfolg und am Wachstum des wichtigen Cloud-Geschäfts ändert dies aber nichts, ebenso wenig an der relativen Unterbewertung im Vergleich zu reinen Cloud-Aktien wie Salesforce. Kurzfristig dürfte sich im Kursbild die Schiebezone zwischen 115 und 126 Euro fortsetzen. Mittelfristig ist ein Anstieg zum bisherigen Hoch um 140 Euro wahrscheinlicher als ein Absturz in Richtung 100 Euro. 

    Eine der beeindruckendsten Wachstumsgeschichten an der deutschen Börse liefert Dax-Neuling Sartorius. Nach dem starken Zuwachs in den ersten neun Monaten dürfte der Umsatz in diesem Jahr erstmals auf 3,5 Milliarden Euro klettern; netto könnten 550 Millionen Euro übrig bleiben. Sartorius profitiert besonders von der hohen Nachfrage nach Verbrauchsmaterialien und Ausrüstungen für Impfstoffhersteller. Gerade vor dem Winter ist es wenig wahrscheinlich, dass die Nachfrage dafür plötzlich zurückgeht. 

    Dennoch hat die Aktie ein Problem: Mit rund 40 Milliarden Euro Börsenwert, mehr als das Zehnfache des Geschäftsjahresumsatz und mehr als das 70-Fache der erwarteten Nettogewinne, ist das Unternehmen ausgesprochen hoch bewertet. Selbst reine Pharmahersteller, die wesentlich rentabler sind als Sartorius, erzielen keine solchen Kursverhältnisse. Gut möglich, dass die Aktie angesichts der jüngsten Dynamik noch einmal die bisherigen Hochpunkte um 600 Euro anläuft. Dann aber könnte es, wie in den vergangenen fünf Jahren schon sieben Mal, zu einer mittelfristigen Korrektur kommen. Die hatte im Schnitt ein Ausmaß von 18 Prozent. Für Sartorius ergäbe das dann eine Zielzone von unter 500 Euro – für neue langfristige Käufe.

    Fazit für den Dax: Alle großen Aktienmärkte weltweit haben in den vergangenen Wochen wichtige Untergrenzen verteidigt und von da aus nach oben gedreht. In zahlreichen technischen Indikatoren kam es zu Kaufsignalen. Angesichts einer nach wie vor verbreiteten Skepsis und anhaltender Crash-Warnungen (zuletzt von Multimilliardär Carl Icahn) besteht zudem kein überbordender Optimismus.

    Durch den jüngsten Anstieg in den Bereich um 15.500 Punkte hat der Dax den kurzfristigen, seit Anfang September laufenden Abwärtstrend gebrochen. Innerhalb der nächsten Wochen sollte nun mindestens ein Anstieg bis auf 16.000 Punkte erfolgen. Mögliche neue Hochs an den US-Börsen wäre dafür ein ideales Umfeld.

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    Allerdings: Ein Selbstläufer ist der Dax derzeit nicht. Nur bei 23 der 40 Dax-Werte verlaufen die aktuellen Kurse oberhalb der jeweiligen 200-Tagelinie. Der Gesamtmarkt ist damit ziemlich indifferent. Starke und hoch gewichtete Einzelwerte (Daimler, Siemens, Linde) und dynamische Favoriten (Infineon, Merck, Sartorius) sprechen weiterhin eher für ein positives Szenario. Größere Rückschläge haben darin aber vorerst keinen Platz. Kurzfristig, in der letzten Oktoberwoche, sollte der Dax bei eventuellen Korrekturen möglichst nicht unter das Niveau von 15.200 Punkten rutschen.

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