Riedls Dax-Radar
Rezession und Inflation: Ein gefährlicher Mix für die Dax-Unternehmen. Quelle: dpa Picture-Alliance

Welche Dax-Werte sich gegen den Abwärtstrend behaupten

Die Hoffnung, die Notenbanken könnten bei ihrer Zinspolitik bald wieder zurückrudern, verfliegt. Dafür bekommen immer mehr Unternehmen die Gefahr des wirtschaftlichen Abschwungs zu spüren.

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Hinter den zahlreichen Inflationsdaten, von denen die Wertpapiermärkte derzeit hin- und hergerissen werden, steht eine zentrale Botschaft: Die enorme Teuerung, die in den Industrieländern mittlerweile historisches Ausmaß annimmt, wird auch dann nicht so schnell verschwinden, wenn ihre kurzfristige Dynamik einmal ein paar Ticks nachlässt. Auch wenn die Preiskurven zahlreicher Rohstoffe, selbst die wichtigste unter ihnen, die des Ölpreises, seit Wochen eher abdriften als steigen, bleibt die Inflation aller Voraussicht nach längere Zeit auf einem sehr hohen Plateau. 

Der Grund dafür: Hinter der enormen Inflation steckt keineswegs nur teures Öl oder Gas und damit verbundene horrende Stromrechnungen. Vor allem beim Rohöl standen die Preise in den vergangenen Jahren zeitweise noch deutlich höher und trotzdem hatte dies die Inflation nicht angeheizt. Hauptgrund für die derzeit dramatischen Inflationszahlen ist das große Missverhältnis zwischen Geldmengen und Gütermengen, das durch die gigantische Expansionspolitik der Notenbanken entstanden ist, vor allem durch die Geldflutungen nach der Coronakrise. 

Das aber bedeutet: Selbst wenn die Preise für Öl, Gas, Strom oder Mieten wieder nachgeben sollten, etwa wegen schwächerer, rezessionsbedingter Nachfrage, wird sich die Geldmenge damit nicht verringern – und damit auch nicht die Inflation. Die Inflation wird nur dann entscheidend zurückgehen, wenn die Geldmengen substanziell zurückgefahren werden. 

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Genau diesen Prozess haben die Notenbanken mittlerweile eingeleitet; die amerikanische Fed mit markanten Zinserhöhungen plus Reduktion ihrer Bilanzsumme, die europäische EZB nur durch Zinserhöhungen. Doch es wird mehrere Monate dauern, bis diese Maßnahmen greifen. Und bis dahin ist es wenig wahrscheinlich, dass die Notenbanken von ihrem nun eingeschlagenen, straffen Kurs abweichen.

Wirtschaft und Wertpapiermärkte müssen sich auf dieses raue Umfeld einstellen. Wie schwierig und schmerzhaft das ist, bekamen die Börsen gerade erst in der vergangenen Woche wieder zu spüren, als die jüngste Hoffnungsrally nach drei Tagen durch Inflationsängste wieder abgebrochen wurde. Mehrmals schon wurden in den vergangenen Monaten immer aufkommende Hoffnungen auf eine wieder moderatere Politik der Notenbanken auf diese Art und Weise zerstört. Anleger tun gut daran, bis auf weiteres nicht mit freundlichen Notenbanken zu rechnen. Die in wenigen Tagen stattfindende Sitzung der Fed, auf der es zur nächsten, deutlichen Zinserhöhung kommen wird, dürfte daran nichts ändern.

SAP driftet ab, Volkswagen hofft auf Porsche-Turbo 

Der Dax ist durch die jüngste Ernüchterung an den Börsen wieder unter die Marke von 13.000 Punkte gerutscht. Dabei stehen vor allem Industriewerte schwer unter Druck. BASF und Covestro leiden als große Energieverbraucher unter hohen Strom- und Gaspreisen und der generell unsicheren Versorgungslage besonders. Beide Aktien sind zwar formal günstig bewertet, doch ob die bisherigen Gewinnprognosen für 2023 noch realistisch sind, wird zunehmend fraglich. 

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Siemens hat schon im Frühjahr durch den Rückfall unter die Marke bei 125 Euro einen mittelfristigen Abwärtstrend eingeleitet. Dass die Münchener derzeit nicht mehr die neueste Generation des ICE liefern und selbst der erfolgreiche Ableger Siemens Healthineers an der Börse an Boden verliert, sind keine guten Signale für die nächsten Wochen. 

Auch die Hightechaktien erwischt es zunehmend. SAP rutscht gefährlich tief unter die wichtige Unterstützung bei 95 Euro. Dass Investoren in einer so heiklen Marktverfassung wie jetzt noch Geduld für die ausbleibende Margenwende der Walldorfer aufbringen, ist wenig wahrscheinlich. Infineon ist in den Abwärtsstrudel der weltweiten Chipaktien geraten, die zuletzt auch Überflieger wie die amerikanische Nvidia massiv erfasst hat. 

Gefährdet sind mittlerweile auch die für den Dax besonders wichtigen Fahrzeugwerte. Bei BMW sind zwar Verkaufszahlen, Gewinne und besonders die Bilanz weiter in Ordnung, doch wie es mit dem entscheidenden chinesischen Markt weitergeht, auf dem sich BMW gerade erst wieder verstärkt hat, ist eine heikle Frage. Für die Aktie wäre es wichtig, in den nächsten Tagen nicht unter das Niveau um 70 Euro zu sinken. Bei Mercedes-Benz läuft der Kampf um die Unterstützung um 57 Euro. Zuletzt hatten die Stuttgarter nach guten Halbjahreszahlen ihre Prognosen sogar noch erhöht. 

Eine brisante Entwicklung läuft bei Volkswagen. Die Wolfsburger bringen demnächst ihre Sport- und Luxuswagenmarke Porsche an die Börse. Ob für den Autobauer Porsche wirklich die angepeilte Börsenkapitalisierung von 60 bis 85 Milliarden Euro erreicht wird, ist im derzeitig wackligen Börsenumfeld offen. Auch ohne allgemeine Börsenrisiken gibt es Studien, die der Aktie weniger zugestehen, als in Wolfsburg und Stuttgart gewünscht wird. Die britische HSBC etwa taxiert den Wert von Porsche zwischen 44,5 und 56,9 Milliarden Euro. 

Immerhin, über den Modus des Börsengangs, der sich bisher abzeichnet, könnte das Dilemma der Bewertung umgangen werden: Durch die hohen Anteile der Großaktionäre Volkswagen, der Familien Porsche und Piech sowie anderer institutioneller Investoren entsteht bei der neuen Porsche-Aktie eine künstliche Knappheit, mit der die Kurse geliftet werden können. Zusätzlich gibt es immer wieder den Blick zum italienischen Rivalen Ferrari, der mit seiner noch viel höheren Bewertung für die Zuffenhausener nun zum Zugpferd des Kurses werden kann. 

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Münchener Rück, Telekom und RWE als Stabilisatoren

Neben dem Gros der gedrückten Aktien im Dax gibt es derzeit nur wenige robuste Einzelwerte: Die Deutsche Börse AG ist mit ihrem in Krisenzeiten gefragten Derivategeschäft und als Eigentümer der Leipziger Strombörse ein mehrfacher Gewinner der aktuellen Turbulenzen. Münchener Rück und Hannover Rück profitieren angesichts von Klimawandel, Naturkatastrophen und geopolitischen Spannungen vom wachsenden Bedarf nach Absicherung, steigenden Prämien und höheren Zinsen. Die Deutsche Telekom ist mit ihrem auch in Krisenzeiten bewährtem Geschäftsmodell und der soliden Dividende ein klassischer Defensivwert. RWE ist immer noch gut im Rennen, weil Strom – vor allem aus erneuerbaren Quellen – eine nachhaltige Aufwertung erfährt; auch wenn kurzfristige politische Markteingriffe hier zu vorübergehenden Rückschlägen führen können. Beiersdorf wird von der stabilen Nachfrage nach Pflegeprodukten und der Aussicht auf Preissteigerungen und Marktanteilsgewinne gestützt; günstig bewertet ist die Aktie allerdings nicht.

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Fazit für den Dax

Das hartnäckig hohe Inflationsplateau, die Aussicht auf nachhaltige Zinserhöhungen, das Risiko einer Rezession und die damit verbundenen schwächeren Geschäftszahlen der Unternehmen lasten auf den Börsen. Der Dax hat bei seiner jüngsten Hoffnungsrally (bis zum 12. September bei 13.402 Punkte) nicht einmal mehr den Abwärtstrend erreicht, der seit Januar besteht. Das ist ein deutliches Schwächesignal. Bei 85 Prozent der Einzelwerte liegen die aktuellen Kurse unterhalb der 200-Tagelinie. Der deutsche Aktienmarkt steckt damit unverändert in einem dynamischen Abwärtstrend. 

Kurzfristig kommt es nun darauf an, ob sich der Index womöglich oberhalb der vorangegangenen Tiefpunkte halten kann. Die lagen am 5. Juli bei 12.401 Punkten und am 1. September bei 12.630 Punkten. Wenn der Dax in den nächsten Wochen nicht mehr unter dieses Niveau rutscht, bewahrt er sich die Chance auf eine substanzielle Erholung, die sich nach klassischem Zeitmuster von Oktober bis Dezember abspielen könnte. Die zuletzt ungebremst steigenden Zinsen und die Ungewissheit über das Ausmaß der drohenden Rezession sind dafür allerdings kein gutes Umfeld. 

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Hinweis: Der nächste Dax Radar erscheint erst wieder Ende September

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