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Sexualität als Karriererisiko Dax-Konzerne fördern Diversität zu selten

Ex-Telekom-Vorstand und heutige FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger Quelle: imago images

Erstmals zeigt ein Ranking, wie es um den Umgang mit Homo- und Transsexuellen in Dax-Konzernen steht – und was etwa an dem Vorurteil, in Autokonzernen würden nur „echte Männer“ Karriere machen, wirklich dran ist.

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Thomas Sattelberger ist niemand, der sich scheut, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Dass er schwul ist – das hat der Mann, der bis 2012 im Vorstand der Deutschen Telekom saß und inzwischen die FDP im Bundestag vertritt, allerdings erst nach dem Ende seiner Karriere als Manager öffentlich gemacht. „Sie müssen immer damit rechnen, dass diese Information irgendwann gegen Sie verwendet wird“, erklärte er seine vorherige Zurückhaltung in einem Interview.

Diese Sorge ist offenbar weit verbreitet in der deutschen Wirtschaft: Unter den Homo- und Bisexuellen sowie denjenigen, die das Geschlecht gewechselt haben, gaben 42 Prozent an, dass sie im Gespräch mit Vorgesetzten über ihre sexuelle Orientierung lügen, wie eine Umfrage der Boston Consulting Group zeigt. 22 Prozent zeigten sich besorgt, dass ein öffentliches Bekenntnis zu ihrer Sexualität ein Karriererisiko bedeuten könnte.

Wie berechtigt diese Befürchtungen sind, das hat nun das Berliner Unternehmen Uhlala erstmals in einer Studie untersucht. Uhlala setzt sich mit Events, Trainings und Zertifizierungen für lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Mitarbeiter (LGBT+) im Berufsleben ein. Das Unternehmen ging in seiner Studie unter anderem folgenden Fragen nach: Gibt es Netzwerke für LGBT+ und Schulungen, um Mitarbeiter für tief verankerte Vorurteile zu sensibilisieren? Wie viel Wert auf Vielfalt legt das Unternehmen bei seinem Webauftritt – und ist der Schutz vor Diskriminierung in den Richtlinien verankert? Dem Ranking lagen zehn Fragekategorien zugrunde. 22 der DAX 30 Unternehmen haben den Fragebogen ausgefüllt. Bei allen anderen wurden die Fragen anhand öffentlich einsehbarer Informationen von der Uhlala Group beantwortet.

Eindeutiger Gewinner des Rankings ist dabei das Softwareunternehmen SAP. Es hat in allen untersuchten Bereichen die volle Punktzahl erreicht. Allianz und Siemens rangieren auf den beiden folgenden Plätzen. Immerhin 23 der 30 Dax-Konzerne unterhalten ein eigenes LGBT+ Netzwerk für die Mitarbeiter, 19 davon werden finanziell von den Unternehmen unterstützt. Ein beachtlicher Anteil. Bei Schulungen für Mitarbeiter hingegen sehen die Initiatoren der Befragung allerdings noch Nachholbedarf: Nicht einmal die Hälfte der DAX30 führen solche Trainings durch. Ein ähnlich ernüchterndes Fazit zieht Uhlala bei der Verwendung einer Sprache, von der sich niemand ausgeschlossen fühlt: Bei lediglich 12 der 30 Unternehmen können Transgender ihren neu gewählten Vornamen schon in E-Mails oder am Türschild des Büros nutzen, ehe sie diesen im Personenstandsregister offiziell geändert haben. Und als einziges Unternehmen des Dax' hat SAP an mehr als der Hälfte seiner Standorte eine geschlechtsneutrale Toilette eingerichtet.

Die Uhlala Group sieht bei den Anstrengungen der Dax-Konzerne noch Luft nach oben. Vor allem wenn man bedenkt, dass sie mehr Ressourcen als andere Unternehmen, aber durch ihre Größe auch eine höhere gesellschaftliche Verantwortung haben, sei das Ergebnis doch etwas ernüchternd.

Nahe läge die Vermutung, dass es in der Technologiebranche eher toleranter zugeht als etwa in der Autobranche, wo starke Männer Karriere machen. Allerdings entlarvt das Ranking diese Annahme als ein Klischee: Zwar landet mit BMW ein führender Hersteller nur auf dem 21. Platz – der Konkurrent Daimler gehört zugleich jedoch zur Spitzengruppe (Platz 4).

Am schlechtesten schnitt im Ranking der Zahlungsdienstleister Wirecard ab. Dort ist zwar der Antidiskriminierungsschutz in den Konzernrichtlinien verankert, die Untersuchung konnte aber ansonsten keine Maßnahmen entdecken, um diese Bekenntnisse mit Leben zu füllen. Auf dem vorletzten Platz landet das Immobilienunternehmen Vonovia, davor der Versicherungskonzern Munich Re. „Wir waren überrascht, welche unterschiedlichen Prioritäten die DAX30-Unternehmen Maßnahmen für LGBT+ Mitarbeitenden einräumen“, sagt Stuart Cameron, Initiator des Index und CEO von Uhlala.

Die Initiatoren des Rankings betonen den Zusammenhang zwischen einer offenen Kultur und einem hohen Innovationsgrad: So finden sich die Unternehmen an der Spitze des Rankings, also SAP, Allianz und Siemens, auch unter den weltweiten Top 50 des Innovationsindex, den die Berater der Boston Consulting Group erstellt haben. Dem liegt zum einen die Überlegung zugrunde, dass vielfältig zusammengesetzte Teams kreativer sind. Zum anderen, dass eine offene Kultur in Zeiten des Fachkräftemangels ein Pluspunkt bei der Suchen nach guten Mitarbeitern ist. „Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels stellt sich die Frage, inwiefern Arbeitgeber, die sich nicht für eine offene Unternehmenskultur einsetzen, auch in Zukunft innovationsfähig bleiben können“, sagt Uhlala-Chef Cameron.

Wenn Mitarbeiter aus Sorge vor dem Knick in der Karriere oder auch nur blöden Sprüchen in der Kantine, ständig schauspielern oder gar eine Art Parallelidentität aufbauen müssen, so kostet sie dies nicht nur viel Energie. Es fördert auch nicht gerade den vertrauensvollen Umgang miteinander. Das zeigt beispielsweise die Geschichte von John Browne: Er war der erste Chef von einem der 500 umsatzstärksten Unternehmen der Welt, dessen Homosexualität publik wurde. Das Coming-Out des damaligen BP-Chefs im Jahr 2007 war ein unfreiwilliges. Browne trat daraufhin zurück. Später erst sprach er darüber, wie belastend es gewesen sei, ein Doppelleben zu führen – und welch ein Akt der Erlösung, die Wahrheit auszusprechen.

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