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Börsenprofi Lingohr "Es wird langsam etwas heiß"

Auf der Suche nach spannenden Aktien beobachtet Vermögensverwalter Frank Lingohr derzeit vor allem Finanztitel. Warum er mit einer baldigen Kurskorrektur rechnet und dennoch viele Einstiegschancen sieht.

Frank Lingohr, Gründer und Chef der unabhängigen Vermögensverwaltung Lingohr & Partner in Erkrath bei Düsseldorf, ist einer der bekanntesten Profianleger Deutschlands. In seinem Flaggschifffonds, dem Lingohr Systematic LBB Invest, verwaltet er ein Vermögen von mehr als 1,2 Milliarden Euro. Seine Investmentstrategie setzt systematisch und mit computergestützter Vorauswahl auf unterbewertete Aktien mit Wachstumsperspektive. Quelle: Dominik Pietsch für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche Online: Herr Lingohr, die Jahresendrally ist im vollen Gange, kaum ein Tag ohne Börsenrekorde. Beunruhigt Sie das?

Lingohr: Wir haben ein außergewöhnliches Jahr an den Aktienmärkten gehabt. Wenn wir wie jetzt im Dax oder im amerikanischen S&P-500-Index mit 27 Prozent im Plus liegen, dann ist das exzellent. Das erleben wir nicht oft. Und natürlich freue ich mich wie jeder andere über steigende Kurse. Aber es wird langsam etwas heiß. Ich würde als Anleger, der voll in Aktien investiert ist, sicherlich so langsam 20 bis 25 Prozent verkaufen und die Barreserven erhöhen.

Das heißt, Sie halten es für möglich, dass sich die Börsenkurse dem Zenit nähern?

Dem Zenit nicht unbedingt. Aber ich halte es für möglich, dass wir eine Korrektur bekommen. Viel deutet darauf hin: Insider etwa verkaufen sehr stark. Das bedeutet aber nicht, dass ich pessimistisch bin, längerfristig bin ich sogar eher optimistisch. Aber es geht gerade alles ein bisschen schnell.

Auf was für ein Jahr blicken Sie für Ihr Portfolio zurück?
Wir bei Lingohr hatten in diesem Jahr Performanceprobleme mit dem weltweit investierenden Fonds. Zum einen weil wir alle Märkte gleich gewichten, was zu einer Untergewichtung des amerikanischen Marktes führt. Zum anderen wegen der Schwellenländer-Investments. Wir haben lange Jahre von dieser Mischung sehr profitiert, aber diesmal haben uns die asiatischen Titel Performance gekostet.

Diese Indizes haben 2013 am meisten zugelegt
ATXDer Australien Traded Index (ATX) bildet die 20 größten börsennotierten Unternehmen Österreichs ab. In den ersten drei Quartalen hat der Leitindex ein Plus von sechs Prozent verbucht. Die dazugehörige Wiener Börse ist 1771 gegründet worden und gehört damit zu den ältesten Handelsplätzen der Welt. Heute beherbergt sie neben dem klassischen Wertpapierhandel auch die Strombörse EXAA sowie die CEGH Gas Exchange. Quelle: dpa
Euro-Stoxx-50Noch mehr zulegen konnte der Euro-Stoxx 50, der die 50 größten börsennotierten Unternehmen der Eurozone beinhaltet. Zehn Prozent legte das europäische Börsenbarometer seit Beginn des Jahres zu. Wenn sich die europäische Wirtschaftslage weiterhin stabilisiert und das Vertrauen der Anleger steigt, ist bis zum Jahresende noch mehr drin. Quelle: dapd
DAXDer deutsche Leitindex DAX belegt im internationalen Vergleich Rang sieben. Im Verlauf der ersten drei Quartale des Jahres konnte der deutsche Aktienindex 13 Prozent zulegen. Für das vierte Quartal sind Analysten ebenfalls optimistisch. Die meisten von ihnen sehen lediglich die Gefahr zwischenzeitlicher Rücksetzer an den Börsen. „Wir gehen davon aus, dass wir die Jahreshöchststände noch nicht gesehen haben“, schreiben etwa die Marktspezialisten der Landesbank Baden-Württemberg. Quelle: dpa
Dow JonesDie lockere Geldpolitik der Fed hat sich für den amerikanischen Aktienindex Dow Jones rentiert. Nachdem klar war, dass die US-Notenbank weiterhin monatlich Immobilienpapiere und Anleihen im Wert von 85 Milliarden Dollar kaufen wird, ging es für den Index nach oben. Allgemein stieg der Wert des Dow Jones' in den ersten neun Monaten des Jahres um 15 Prozent. Quelle: AP
SMIDer Schweizer Leitindex "Swiss Market Index" (SMI) zieht sogar am amerikanischen Dow Jones vorbei. Der SMI legte bis September um 16 Prozent zu. Grund dafür dürften die starken Kursgewinne von UBS und Credit Suisse sein, die im Index enthalten sind. Quelle: AP
Nikkei 225Die wirtschaftlichen Reformpläne in China haben zu Wochenbeginn für gute Stimmung an den Aktienmärkten in Fernost gesorgt. Die internationalen Märkte wird es freuen, weil der ohnehin schon erfolgreiche japanische Index Nikkei 225 dadurch noch mehr zulegen könnte. Bis September 2013 legte der Index um 40 Prozent zu. Quelle: AP
GSE-All-Share-IndexNoch stärker legte der GSE-All-Share-Index an der Börse in Ghana zu. Im internationalen Vergleich erreicht die Börse in Accra mit einem Plus von 44 Prozent den dritten Rang - vor Europa, Deutschland, den USA und der Schweiz. Der Grund für den starken Zuwachs ist das gute Rohstoffgeschäft der Minengesellschaften, die den Index dominieren. Quelle: dpa

Wenn man den langfristigen Verlauf Ihres Flaggschiff-Fonds Lingohr-Systematic mit der weltweiten Entwicklung der Aktienmärkte vergleicht, waren Sie in langen Phasen erfolgreicher, haben den Vorsprung aber auch immer wieder eingebüßt. Jetzt scheinen Sie wieder an so einem Punkt angelangt zu sein.
Und danach ist es immer wieder aufgegangen. Ganz genau. Ich bin optimistisch fürs nächste Jahr. So schnell wie das Wachstum an den Märkten derzeit ist, kann es nicht weitergehen. Das würde mir Angst machen, ich mag es lieber etwas langsamer.

Warum sind Sie dennoch langfristig optimistisch gestimmt?
Normalerweise schneiden wertorientierte Investoren, also Value-Investoren, wie wir es sind, im langfristigen Trend besser ab als wachstumsorientierte Anleger. Aber in den vergangenen fünf Jahren lief die Value-Strategie stark unterdurchschnittlich. Ich bin der Überzeugung, dass sich das jetzt drehen wird.

Vor einem halben Jahr waren Sie der Meinung, dass viele Aktien noch unterbewertet seien. Sehen Sie das heute noch genauso?
Die Situation ist paradox. Wir finden nicht nur mehr unterbewertete Titel, sondern der Abstand zwischen den unter- und überbewerteten Titeln ist sehr viel größer als üblich. Durch die expansive Notenbankpolitik ist sehr viel Geld in defensive Titel geflossen, beispielsweise in Pharmaaktien. Das hat dazu geführt, dass die defensiveren Titel sehr viel stärker gelaufen sind als normale Value-Titel, die am Konjunkturzyklus hängen. Wir sind also jetzt in einer Situation eines eher hitzigen Marktes, aber trotzdem finden wir Aktien, die teilweise 35 bis 40 Prozent unter ihrem fairen Wert notieren und unserem Stil entsprechen. Das ist eine Menge Holz.

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