FlatexDegiro-Chef Behrens: „Wir wollen unseren Kunden ja nicht helfen, ihr Vermögen zu vernichten“
Als Oliver Behrens im Oktober vergangenen Jahres den Vorstandsvorsitz beim Frankfurter Onlinebroker FlatexDegiro übernahm, stand noch vieles im Zeichen der Krise: Sein Vorgänger Frank Niehage war gerade erst nach einem öffentlichen Streit mit Flatex-Großaktionär Bernd Förtsch zurückgetreten. Erst kurz nach Behrens’ Amtsantritt hat die Finanzaufsicht BaFin ihren Sonderbeauftragten abgezogen, den sie wegen schwerwiegender Mängel im Kontrollsystem und in der Geldwäscheprävention bestellt hatte.
Ein Jahr später hat sich die Stimmung im Frankfurter Büroturm von FlatexDegiro deutlich aufgehellt. Nach einem weiteren Umsatz- und Gewinnanstieg im ersten Halbjahr 2025 hob das Unternehmen jüngst seine Prognose fürs laufende Geschäftsjahr an. An der Börse kommt das alles gut an: Seit Behrens’ Amtsantritt hat sich der Kurs der Flatex-Aktie verdoppelt – und sich damit nach Jahren wieder auf das Niveau von 2021 zurückgekämpft.
Da viele Probleme der Vergangenheit anzugehören scheinen, blickt Flatex nun nach vorn – und drängt in neue Märkte. Unter anderem will der MDax-Broker im Kryptogeschäft mitmischen. Auf dem ‚Handelsblatt Bankengipfel‘ sprach Behrens mit der WirtschaftsWoche darüber, was jetzt kommt.
WirtschaftsWoche: Herr Behrens, im vergangenen Jahr hat Flatex den Handel mit Bitcoin und Co. eingeführt. Wie sieht Ihr persönliches Krypto-Portfolio aus?
Oliver Behrens: Tatsächlich habe ich persönlich noch nicht in Kryptowährungen investiert. Wenn man eine Plattform wie unsere betreibt, ist es auch relativ klar: Ich kann einfach nicht alle Wertpapiere kaufen, die wir anbieten. Meine Kinder haben Kryptowährungen gekauft. Die sind da deutlich affiner. Ich gehöre schon zur älteren Generation, da dauert das noch ein bisschen.
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Es gibt Tausende Kryptowährungen, aber bei Flatex lassen sich nur 20 davon handeln. Warum?
Unsere Kunden sehen Krypto vor allem als Beimischung im Portfolio. Deshalb bieten wir die 20 meistgehandelten und liquidesten Kryptowährungen an. Uns ist wichtig, dass man nicht nur einfach reininvestieren kann, sondern auch wieder problemlos rauskommt – also handeln kann, wenn man handeln möchte. Bei kleineren Kryptowerten ist es schwieriger, immer sicherzustellen, dass Käufer und Verkäufer zueinanderfinden. Für unsere Kunden ist das Angebot vollkommen ausreichend: Von den 20 angebotenen Coins machen fünf etwa 75 Prozent des Umsatzes aus: Neben Bitcoin sind das Ether, Ripple, Solana und Dogecoin.
Dogecoin ist der größte Memecoin, also eine reine Spaß-Kryptowährung. Sind unter den Flatex-Anlegern viele Zocker?
Es gibt durchaus einige, die mehrfach am Tag handeln. Das liegt natürlich auch an unseren relativ günstigen Transaktionskosten.
Erst vor wenigen Tagen hat US-Präsident Donald Trump einen neuen Token auf den Markt gebracht. Wann nehmen Sie den auf?
Wir bieten nicht alles an, was gerade gefragt ist. Man muss da schon genau hinschauen, ob wirklich ein Wert dahintersteht. Es gibt auch bestimmte Aktien, die wir für den Handel gesperrt haben, um Risiken zu minimieren. Gerade bei Kursen, die künstlich hochgetrieben werden, besteht die Gefahr von plötzlichen Verlusten. Da wollen wir unsere Kunden schützen. Wir wollen ihnen ja helfen, Vermögen aufzubauen – nicht, es zu vernichten.
Wie viele Ihrer Kunden machen es denn anders als Sie und investieren in Kryptowährungen?
Wir sind erst vor wenigen Monaten gestartet. In Deutschland handeln etwas mehr als 10.000 Kunden mit Krypto. Das sind etwa zwei bis drei Prozent unserer Gesamtkundschaft. Unser Ziel ist, dass bis Ende des Jahres mehr als 50.000 Kunden mit Krypto handeln. Mit dem jetzt angelaufenen internationalen Rollout unseres Krypto-Angebots gehen wir fest davon aus, dass wir das erreichen.
Blicken wir doch mal in ein typisches Flatex-Portfolio: Wie viel Prozent investieren Ihre Kunden denn in Kryptowährungen?
Die Aktienquote dominiert deutlich. Aktuell ist der Krypto-Anteil sehr klein, im Schnitt liegt er bei unter einem Prozent. Die Kunden fangen jetzt erst damit an. Ich denke aber, eine Beimischung von drei Prozent wäre mit Blick auf Diversifikation gut. Momentan gibt es viele Treiber, die den Kryptomarkt positiv beeinflussen – von Trumps freundlicher Kryptopolitik bis zu den Zuflüssen in die Bitcoin-ETFs.
Viele Anbieter haben schon seit Jahren Kryptowährungen im Sortiment. Sind Sie nicht spät dran mit Ihrem Angebot?
Ja, das stimmt – wir waren spät, keine Frage. Aber das hatte auch seine Gründe. Wir hatten einige Themen mit der BaFin zu klären. Das liegt jetzt hinter uns, und deshalb haben wir begonnen, neue Produkte ins Angebot zu nehmen. Den Bereich Kryptowährungen wollen wir weiter ausbauen – zum Beispiel mit Staking…
… also eine Art Krypto-Zins: Beim Staking geben Anleger ihre Kryptowerte für die Erzeugung neuer Münzen frei und kassieren dafür eine Belohnung.
Ich rechne damit, dass wir damit im zweiten Halbjahr kommenden Jahres an den Start gehen. Das Thema ist komplex: Um so ein Produkt anzubieten, müssen wir zunächst die Kryptowerte selbst verwahren.
Kryptowährungen gelten für Brokerage-Unternehmen als Gewinnmaschinen, weil man dort hohe Margen machen kann. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Viele Kunden unterschätzen das. Der angezeigte Kurs ist nur ein Teil der Kosten. Man muss wissen: Letztlich gibt es zwei Preise – einen Ankaufs- und einen Verkaufspreis. Beides stellt ein sogenannter Marketmaker. Die Differenz beider Preise ist der Spread, und der ist bei vielen Anbietern sehr hoch. Wir haben mit den Marketmakern einen maximalen Spread vereinbart, und zwar auch dann, wenn der Markt in Bewegung ist. Bei uns kostet der Handel mit liquiden Kryptowerten wie Bitcoin inklusive Spread maximal 0,6 Prozent der Ordersumme. Manche Anbieter verlangen bis zu fünf Prozent Spread für einen Roundtrip – also für Kauf und Verkauf.
Damit spielen Sie auf eine Studie der Frankfurt School of Finance an, die Sie in Auftrag gegeben haben. Warum sind die Kostenunterschiede denn so groß, wo viele Anbieter doch mit dem gleichen Marketmaker zusammenarbeiten?
Uns ist wichtig, dass wir ein faires und transparentes Pricing für unsere Kunden haben. Wenn man eine Plattform sein will, auf der Kunden Vermögen aufbauen, dann macht es wenig Sinn, sie über den Tisch zu ziehen. Was andere verhandelt haben, kann ich nicht sagen. Bei Flatex wollen wir auch gar keine anderen Anbieter kopieren, wir machen unser Ding.
Trotzdem – ganz ignorieren kann man den Wettbewerb ja nicht, oder?
Natürlich nicht. Es ist wichtig, zu beobachten, was im Markt passiert. Aber für uns steht im Vordergrund, was zu unseren Kunden passt. Und es ist nicht unser Geschäftsmodell, Kunden anzulocken, die nur eine Bezahlkarte nutzen und zwei Prozent Zinsen abkassieren wollen.
Da schießen Sie gerade gegen Trade Republic. Der Neobroker reicht die Zinsen aber weiter – Sie nicht.
Da haben Sie recht. Aktuell bieten wir kein Zinsprodukt an. Aber Sie können davon ausgehen, dass wir intensiv daran arbeiten. Wir planen ein Festgeldangebot mit Laufzeiten – das habe ich auch in unserer Geschäftsplanung verankert.