Stelter strategisch: Die entscheidende Komponente bei Anleihen
1891 hielt man ewige Staatsanleihen Englands mit einer Verzinsung von 2,5 Prozent für ein solides Investment, schließlich waren diese voll in Gold konvertierbar. Nur eine Generation später war der Goldstandard Geschichte und Wettläufe um Währungsabwertung die Regel. Was als sicheres Investment galt, führte zu einem Totalverlust der Investoren. Nicht viel besser erging es den Käufern der 1946 begebenen ewigen Anleihe des englischen Staates. Ebenfalls mit 2,5 Prozent begeben, kollabierte der Kurs im Zuge der Inflation der 1970er Jahre.
Die Geschichte ist voll von Beispielen der (fast) völligen Vermögensvernichtung beim Kauf von langlaufenden Anleihen. Eine Anleihe ist nichts anderes als das Versprechen, Geld zu bezahlen. Wenn aber die Regierung die Menge und Qualität des Geldes beliebig manipulieren kann, was ist dann der Wert dieses Versprechens? Null – sollte man zumindest angesichts der aktuellen Politik der Notenbanken meinen.
Aber noch scheint niemand diese Frage zu stellen. Wie sonst ist zu erklären, dass Investoren immer tiefere Zinsen auf Staatsanleihen akzeptieren? Und wie sonst erklärt sich die Renaissance einer Anleihengattung, von der man eigentlich annehmen sollte, dass sie niemand kaufen würde: die hundertjährigen Anleihen. Nur wenige Länder und Unternehmen haben bisher solche Anleihen ausgegeben, so Mexiko, die Philippinen und der brasilianische Ölkonzern Petrobras.
Platz 13: Berkshire Hathaway
Für Berkshire Hathaway, die Beteiligungsfirma des US-Starinvestors Warren Buffett (Foto), war es der größte Deal der Firmengeschichte: Für 37,2 Milliarden Dollar schluckte das Unternehmen im August 2015 den Flugzeugzulieferer Precision Castparts. Im März 2016 platzierte Berkshire Hathaway eine Anleihe über insgesamt neun Milliarden US-Dollar - und markierte damit die bislang größte Bondemission des Hauses. Der aus sieben Teilen unterschiedlicher Laufzeiten bestehende Bond wird einen Großteil des Zehn-Milliarden-Dollar Kredits ersetzen, den Berkshire zum Kauf von Precision Castparts aufgenommen hatte. Investoren rissen Buffett die Anleihe aus den Händen. Die Rendite für die Tranche mit einer Laufzeit von zehn Jahren lag bei 3,125 Prozent.
Platz 12: CVS Health Corp
Die US-Drogeriekette CVS Health Corp übernahm 2015 den Pharmadienstleister Omnicare. Langfristig refinanzierten die Amerikaner den Deal am 13. Juli 2015 und begaben insgesamt sechs Anleihen mit verschiedenen Laufzeiten über insgesamt 15 Milliarden Dollar.
Foto: REUTERSPlatz 11: Charter Communications
Auch beim Kabelanbieter Charter Communications war eine Übernahme der Grund für die Mega-Emission am Anleihemarkt. Am 9. Juli 2015 begab Charter Communications Anleihen im Umfang von 15,5 Milliarden Dollar. Der Konzern hatte den Konkurrenten Time Warne Cable übernommen.
Foto: REUTERSPlatz 10: France Télécom
Die Anleiheplatzierung über 16,4 Milliarden Euro der Franzosen liegt schon fast 15 Jahre zurück – der Bondverkauf vom 6. März 2001 ist aber bis dato der größte Deal am Anleihemarkt eines europäischen Unternehmens. Seinerzeit war es sogar die weltweit größte Unternehmensanleihe. Grund für den Kapitalhunger der Franzosen war die Refinanzierung der teuren UMTS-Lizenzen und die Übernahme des Mobilfunkkonzerns Orange.
Foto: REUTERSPlatz 9: Roche
Das Schweizer Pharmaunternehmen Roche begab am 18. Februar 2009 eine Anleihe über 16,5 Milliarden Dollar für die Refinanzierung der Komplettübernahme der US-Tochter Genentech. Am 25. Februar 2009 holte sich Roche dafür weitere 14,3 Milliarden Dollar.
Foto: REUTERSPlatz 8: AbbVie
Am 5. Mai 2015 lieht sich der der US-Pharmakonzern AbbVie auf einen Schlag 16,7 Milliarden Dollar bei Anleiheinvestoren. Zuvor hatte der Pharmakonzern 21 Milliarden Dollar gezahlt, um den Spezialanbieter Pharmacyclics zu übernehmen.
Foto: REUTERSPlatz 6 Teil I: Medtronic
Der amerikanische Medizintechnikkonzern Medtronic hatte 2014 die irische Covidien für 43 Milliarden Dollar übernommen. Einen Teil davon refinanzierte Medtronic am 1. Dezember 2014 mit einer Mega-Anleiheplatzierung über insgesamt 17 Milliarden Dollar.
Foto: REUTERSPlatz 6 Teil II: Apple
Auch Apple holte sich auf einen Schlag 17 Milliarden Dollar am Anleihemarkt, und zwar am 30. April 2014. Damals war damals die die größte Bond-Emission. Der iPhone und iPad Konzern brauchte das Geld aber nicht für eine Übernahme, sondern um die Dividende zu erhöhen und Aktien zurückzukaufen. Dabei diente die Bond-Emission als Steuersparmodell: Der Grund: Apple hatte Barreserven von 145 Milliarden Dollar, von denen 102 Milliarden Dollar außerhalb der USA kurzfristig geparkt waren. Bei einer Überweisung dieser Gelder in die USA wären Steuern fällig geworden.
Foto: REUTERSPlatz 5: AT&T
Beim US-Telekomkonzern AT&T war wiederum eine Übernahme der Grund für eine große Bondplatzierung. Der Konzern übernahm 2015 den Satelittenanbieter DirectTV. Den Kaufpreis refinanzierte AT&T zum Teil über Unternehmesanleihen. Ab 24. April 2015 sammelte AT&T dafür 17,5 Milliarden Dollar an den Finanzmärkten ein.
Foto: APPlatz 4: Actavis
Der US-Pharmakonzern brauchte im vergangenen Jahr Geld, um Kredite für diverse Übernahmen zu einem Teil abzulösen. Gekauft hatte Actavis dabei zuletzt den Botox-Hersteller Allergan. Am Anleihemarkt besorgte sich Actavis dafür am 3. März 2015 auf einen Schlag 21 Milliarden Dollar. Mehr Geld holte sich 2015 am Bondmarkt kein anderes Unternehmen.
Foto: APPlatz 3: Chemchina
Ganze 43 Milliarden US-Dollar will sich Chemchina die Übernahme des schweizerischen Pflanzenschutzherstellers Syngenta kosten lassen. Das wäre die größte Übernahme, die je ein chinesischer Konzern gestemmt hat. Doch so viel Geld haben die Chinesen nicht einfach so in der Kasse liegen. Finanzieren wollen sie den Deal über den Kapitalmarkt. Mit Berufung auf Insider berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg, dass Chemchina dafür Anleihen im Wert von 15 Milliarden Dollar begeben werde. Zudem werde Syngenta Schuldscheine im Wert von 20 Milliarden Dollar ausgeben. Mit der Summe von 35 Milliarden Dollar rückt das Vorhaben auf Platz drei der größten Unternehmensanleihen.
Foto: REUTERSPlatz 2: Anheuser Busch Inbev
Der Brauereikonzern Anheuser Busch Inbev hat am 13. Januar 2016 eine riesige Anleihe platziert. Die Belgier begaben einen Dollar-Bond in sieben Tranchen über insgesamt 46 Milliarden Dollar. Die Nachfrage war mit mehr als 110 Milliarden Dollar so groß wie noch nie bei einer Anleihe. Für die Übernahme des Konkurrenten SAB Miller hatten die Belgier 110 Milliarden Dollar gezahlt und dafür kurzfristige Bankkredite über 75 Milliarden Dollar aufgenommen. Banker erwarten noch weitere Anleihen von Anheuser Busch Inbev im Jahr 2017.
Foto: dpaPlatz 1: Verizon
Der US-Telekomkonzern Verizon hält den Rekord am Anleihemarkt. Am 11. September 2013 besorgte sich der Konzern sage und schreibe 49 Milliarden Dollar über eine Anleihe in acht Tranchen. Verizon löst mit dem Geld einen Großteil der Kredite ab, die der Konzern kurz zuvor aufgenommen hatte, um dem britischen Telefonriesen Vodafone die Anteile am Gemeinschaftsunternehmen Verizon Wireless abzukaufen.
Foto: dpa
Mit Irland und Belgien sind in diesem Jahr erstmals wieder europäische Länder in den Markt eingestiegen und haben im Rahmen einer Privatplatzierung jeweils 100 Millionen Euro mit einer Laufzeit von 100 Jahren aufgenommen. Frankreich begnügt sich noch mit Laufzeiten von 50 Jahren. Auf Italiens 30jährige Anleihe gab es einen regelrechten Run. Mehr als 25 Milliarden Euro wurden von Investoren angeboten. 2047 wird das Geld dann zurückgezahlt – hoffen die Gläubiger.
Als normaler Investor kann man sich angesichts der fundamentalen Aussichten dieser Länder nur an den Kopf fassen. Wer kauft Anleihen mit einer solch langen Laufzeit zu Minizinsen von Ländern und Staaten, deren Schulden bereits vor Jahren den „point of no return“ überschritten haben?
Der italienische Staat müsste das Defizit vor Zinszahlungen – den sogenannten Primärüberschuss – um rund 2 Prozentpunkte vom BIP verbessern, nur um den Schuldenstand auf dem heutigen Niveau zu stabilisieren. Frankreich bräuchte eine Verbesserung um 2,5 Prozent vom BIP. Beides ist politisch nicht durchsetzbar, und alleine der Versuch dürfte die Wirtschaft derart schwächen, dass die Schuldenquoten weitaus mehr steigen.
In Irland fehlt nicht mehr viel, um eine Stabilisierung der Schuldenquote des Staates zu erzielen. Das ändert jedoch nichts daran, dass das Land gesamthaft überschuldet ist: die Schulden von Staat, privaten Haushalten und Unternehmen liegen bei rund 400 Prozent des BIP und damit auf japanischem Niveau. Ohne einen Schuldenschnitt wird auch der vermeintliche Musterschüler der Eurorettungspolitik nicht wieder auf die Beine kommen.
Die Financial Times berichtet, die 100jährigen Anleihen von Irland und Belgien seien auf Initiative des Käufers zustande gekommen. Die Vermutung geht in die Richtung einer europäischen Versicherung. Diese seinen, so die weitere Vermutung der Zeitung, aus regulatorischen Gründen an langlaufenden Anleihen interessiert, weil sie mit Anleihen guter Qualität sonst keine ausreichenden Renditen erzielen. Irland zahlt „immerhin“ 2,35 Prozent auf den 100jährigen – aber immer noch weniger als die USA für 30jährige Anleihen.
Bei Anleihen die 100 Jahre laufen, liegt das Versprechen der Rückzahlung in ferner Zukunft. Zu Zeiten „normaler“ Zinsen ist die Rückzahlung auch nicht die entscheidende Komponente; abgezinst auf heute spielen in einem solchen Umfeld die laufenden Erträge die viel größere Rolle. In einem Umfeld von Negativzinsen ist das anders. Der laufende Ertrag und die Rückzahlung des Kapitals sind gleichermaßen wichtig für den Erfolg der Anlage.
Welche Annahmen muss ein Investor also treffen, um davon auszugehen, dass es ein lohnendes Investment ist, sich eine hundertjährige Anleihe ins Depot zu legen? Man muss ernsthaft davon überzeugt sein, dass die wirtschaftliche Eiszeit, in der wir uns befinden, noch einhundert Jahre andauert: schwaches Wachstum, tiefe Zinsen und geringe Inflation. Doch das ist mehr als unwahrscheinlich. Zwar lassen Demografie und Produktivitätszuwächse in der Tat nur geringes Wachstum erwarten. Es ist aber ein politisch undenkbares Szenario. Die Japaner mögen eine Dauerstagnation nun schon fast dreißig Jahre ertragen haben, doch selbst dort sind weitere siebzig Jahre undenkbar. In Europa dürfte es noch viel unwahrscheinlicher sein. Vorher kommt es zu politischer Radikalisierung und Eurozonen-Zerfall. Dann mag der Gläubiger eine andere Währung zurückbekommen als er gedacht hat, wenn der Schuldner überhaupt in der Lage ist zu bezahlen. Darauf muss man sich als Investor einstellen.
Man kann natürlich auch darauf setzen, dass die Eurozone sich doch zu einer vollständigen Vergemeinschaftung der Schulden durchringt. Damit wäre die Rückzahlung aber nur theoretisch besser gesichert. Es ist ein Märchen der Peripherie-Politiker, alle Probleme seien gelöst, sobald der deutsche Steuerzahler für alles haftet. Es dürfte nicht mal für die Deckung der Kosten der alternden Gesellschaft bei uns, ganz zu schweigen den Kosten der Migration langen. Wenn, dann kauft die Vergemeinschaftung nur ein paar Jahre.
Viel wahrscheinlicher als dauerhafte Deflation oder ein wundersamer Bail-Out gefallener Staaten ist das bewährte Mittel der Inflationierung. Wie immer wieder erläutert, ist die bewusste Geldentwertung zur Bewältigung der Überschuldung das eigentliche Ziel der immer aggressiveren Notenbankpolitik, die bisher den deflationären Druck der Schuldenlast nicht überkompensieren konnte. Auf Dauer dürfte es den Notenbanken jedoch gelingen, das Vertrauen in unser Geldwesen zu zerrütten und damit die Ketchup-Inflation loszutreten.
Der Käufer der 100jährigen Anleihe muss also davon ausgehen, dass der Schuldner alternativ seine Zahlungen nicht erbringt, in einer anderen Währung als dem Euro zurückzahlt und dass er sich von den 100 Millionen nichts mehr wird kaufen können.
Wer also kauft so etwas? Zunächst könnten es Spekulanten sein, die von einer zumindest temporären Fortsetzung der Eiszeit mit immer tieferen Zinsen ausgehen und darauf setzen, die Anleihe mit Kursgewinn (an die EZB?) weiterzureichen. Oder es sind Investmentmanager, die all dies wissen, die Anleihen aber kaufen, damit sie die formalen Ansprüche ihrer Kunden erfüllen können. Hauptsache, die Versicherung selbst hat kein Risiko.
Letzteres ist in diesem Beispiel wohl der Fall. Egal welche Versicherung es ist, alle stehen vor der gleichen Herausforderung sich auf ein Szenario von Eiszeit und Hyperinflation einzustellen, ohne dabei unter zu gehen. Die Kunden, also die Besitzer von Lebensversicherungen und anderen zukünftigen Ansprüchen, werden die Zeche zahlen.