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Verkehrte (Finanz)welt
Quelle: dpa

Zum Wohl der Anleger: BaFin muss besser kommunizieren

Auch wenn die BaFin seit dem Wirecard-Skandal in der Kritik steht: die Finanzaufsicht gewinnt bei ihren Prüfungen tiefen Einblick und spricht wichtige Warnungen aus. Die hört nur kaum ein Anleger.

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Die volatilen Aktienkurse der US-amerikanischen GameStop oder AMC Entertainment Holdings zeigen zunächst eines: Die wachsende Bedeutung des Internets und der sozialen Medien haben auch direkte Relevanz für Anleger. Nicht nur können sich Anleger weltweit einfacher und schneller am täglichen Handel mit Aktien, Anleihen, Derivaten etc. beteiligen, sondern es besteht auch zunehmend die Gefahr, dass Anlageentscheidungen auf Basis falscher oder irreführender Informationen getroffen werden. Auch in Deutschland besteht diese Gefahr, wie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Mitte Februar 2021 warnte.

Anleger sollten Meldungen der BaFin stets lesen

Abgesehen von dieser sehr allgemeinen Warnung veröffentlicht die BaFin auf ihrer Website zahlreiche weitere Entscheidungen und Erkenntnisse aus ihrer Aufsichtstätigkeit – eben auch wenn Anhaltspunkte auf Marktmanipulation einzelner Finanzinstrumente vorliegen. Konkret warnt die BaFin vor Kaufempfehlungen für bestimmte Finanzinstrumente, wenn sie auf unrichtigen, irreführenden oder pflichtwidrig verschwiegenen Angaben beruhen. Solche unlauteren Kaufempfehlungen sind überwiegend in ominösen Börsenbriefen, Internetforen oder Spammails zu finden – oft plakativ überschrieben mit: „Investieren Sie JETZT!“, „Ist das die neue 1.000 Prozent Chance?“, „Heiße Kursrakete“ oder Ähnliches.

Seit einiger Zeit werden auch soziale Medien und vermutlich auch programmierte Bots genutzt, um Kaufempfehlungen schnell und mit großer Reichweite zu verbreiten.



Nun mag man glauben, dass Anleger die meisten manipulativen Kaufempfehlungen erkennen und ignorieren. Das ist jedoch nicht immer der Fall, wie ein Forschungspapier („Who Falls Prey to the Wolf of Wall Street? Investor Participation in Market Manipulation“) der US-amerikanischen National Bureau of Economic Research (NBER) Working Paper Series zeigt. Die Autoren nutzten auch Daten der BaFin und analysierten die Handelsaktivitäten von mehr als 110.000 Anlegern einer großen deutschen Onlinebank im Zeitraum von 2002 bis 2015.

Erschreckenderweise deuten die Ergebnisse der Studie darauf hin, dass fast sechs Prozent der untersuchten aktiven Anleger Aktien in ihren Depots hielten, die einer potenziellen Marktmanipulation unterlagen. Dabei verzeichneten diese Anleger einen durchschnittlichen Verlust von fast 30 Prozent. Das Lesen der aktuellen Meldungen auf der BaFin-Website hätte sie möglicherweise vor Verlusten schützen können.

BaFin muss ihre Kommunikation an 2021 anpassen

Gerade weil ihre Erkenntnisse für Anleger relevant sind, sollte die BaFin ihre Kommunikationsstrategie im Zuge der aktuellen Reform hinterfragen. Die bisherige formalistische Art der Kommunikation steht einem proaktiven Anleger- und Verbraucherschutz in Teilen entgegen. Ausbaufähig erscheint beispielsweise die Nutzung sozialer Medien durch die BaFin, um Anleger vermehrt erreichen und dadurch besser schützen zu können. Lernen könnte die BaFin dabei von den Erfahrungen des Bundesministeriums für Gesundheit – inklusive potenzieller rechtlicher Probleme –, welches seit Beginn der Covid-19-Pandemie die Nutzung sozialer Medien zur Kommunikation intensivierte. Denkbar sind etwa auch Dashboards zur verständlichen Visualisierung von Daten – wie von den Veröffentlichungen der Covid-19-Fallzahlen oder den Zahlen zu Impfungen bekannt.

Neben den traditionellen Broschüren und umständlich auffindbaren Warnhinweisen auf der Website der BaFin sind also innovative Kommunikationslösungen wünschenswert. Ein interessantes Beispiel für eine kreative Lösung: die Fake-Website www.howeycoins.com der US-amerikanischen Aufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission (SEC). Sie täuscht ein betrügerisches Initial Coin Offering vor, und wenn naive Anleger auf „Buy Coins Now!“ klicken, werden sie auf ein Informations- und Bildungsportal umgeleitet.

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Das Beispiel der BaFin-Meldungen zu Marktmanipulation verdeutlicht: Wir brauchen in Deutschland eine starke, souveräne und intelligente Finanzaufsicht. Die BaFin sollte den geplanten Ausbau ihrer IT-unterstützten Aufsicht nicht nur dahingehend nutzen, um Marktmanipulation schneller und gezielter zu entdecken, sondern auch um ihre Kommunikationsstrategie an die Realität des Jahres 2021 anzupassen. Denn: Die Arbeit der BaFin ist wichtig, kann sie doch Anleger vor unnötigen Verlusten bewahren. Sie muss aber besser kommuniziert werden.

Mehr zum Thema: Der Chef der Schweizer Finanzaufsicht, Mark Branson, soll künftig die BaFin leiten. In der Schweiz gilt er als hart, kompetent und kompromisslos. Wie der „meistgehasste Mann am Finanzplatz“ zu seinem Ruf kam.

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