Wohnungsnot: Mehrheit der Deutschen hält Wohnungspolitik für gescheitert
In vielen deutschen Städten steigt die Wohnungsnot – und mit ihr wächst der Frust. Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag von Kleinanzeigen, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt, zeigt: 74 Prozent der Menschen in Deutschland sind unzufrieden mit der Mieten- und Wohnungspolitik. Trotz jahrelanger Eingriffe von Bund, Ländern und Kommunen empfinden die meisten Bürger die Maßnahmen als unzureichend – oder schlicht wirkungslos.
Besonders ausgeprägt ist der Unmut in Hamburg. Dort halten 83 Prozent die wohnungspolitischen Bemühungen für gescheitert. Auch in Brandenburg und Schleswig-Holstein ist die Stimmung mit je 79 Prozent negativ. Über alle Altersgruppen hinweg ist der Unmut groß – allerdings besonders bei Älteren: 79 Prozent der über 55-Jährigen finden die bisherigen Maßnahmen schlecht oder sehr schlecht.
Die Mieten kennen keine Bremsen
Zehn Jahre nach ihrer Einführung ziehen die Befragten bei der Mietpreisbremse eine ernüchternde Bilanz. Nur 16 Prozent der Befragten halten sie für gelungen. Die gesetzliche Regelung, die Mieterhöhungen bei Neuvermietungen auf maximal zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete begrenzen soll, hat das Vertrauen der Bevölkerung nicht gewonnen: Jeder zweite Befragte hält sie gar für gescheitert.
Jüngere Menschen sehen das Instrument zwar etwas positiver – 23 Prozent der 18- bis 24-Jährigen bewerten sie als eher gut oder sehr gut –, doch auch hier überwiegt die Skepsis. Bei den über 55-Jährigen ist die Ablehnung besonders ausgeprägt: Nur 13 Prozent der über 55-Jährigen und 16 Prozent der 45- bis 54-Jährigen sind mit der Mietpreisbremse zufrieden.
Wohnungsnot in Hamburg und Berlin
Unabhängig von der Politik stellt sich für viele die Frage: Was bleibt am Monatsende vom Einkommen nach Abzug der Miete übrig? 24 Prozent der Befragten geben an, eher zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer aktuellen Miethöhe zu sein. 23 Prozent sind hingegen unzufrieden. 34 Prozent zahlen keine Miete, etwa weil sie im Eigenheim oder noch bei der Familie wohnen.
Auffällig: Die Unzufriedenheit ist bei jungen Menschen besonders groß. In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen äußern 31 Prozent Unmut über ihre Mietbelastung, bei den 25- bis 34-Jährigen sind es 29 Prozent. Betrachtet man die deutschen Metropolen, stechen Hamburg und Berlin heraus. 34, respektive 31 Prozent, der Befragten sind dort mit der Höhe ihrer Miete unzufrieden. Das überrascht kaum: Besonders in den deutschen Metropolen sind die Neuvertragsmieten in den vergangenen Jahren zum Teil zweistellig gestiegen.
Wohnpolitik in der Sackgasse?
Die aktuelle Umfrage wirft ein Schlaglicht auf ein Politikfeld im Dauerkrisenmodus. Trotz Milliardenförderung für den sozialen Wohnungsbau, gesetzlicher Eingriffe wie der Mietpreisbremse und verschiedensten Förderprogramme für den Neubau: Der deutsche Wohnungsmarkt bleibt enorm angespannt: 600.000 Wohnungen fehlen in Deutschland, schätzt der immobilienwirtschaftliche Spitzenverband ZIA. Bis 2027 könnte die Lücke bereits auf 830.000 wachsen. Gleichzeitig stehen rund zwei Millionen Wohnungen leer, besonders in wirtschaftsschwachen Regionen auf dem Land.
Der Druck auf die neue Bundesregierung, beim Thema Wohnen endlich für tatsächliche Verbesserungen zu sorgen, dürfte weiter wachsen.
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