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Daniel Stelter „Die Italiener sind noch reicher als die Schweizer – es wäre gut, sie würden einen Eigenanteil bringen“

Daniel Stelter Quelle: Robert Recker/Berlin

Ökonom und Bestsellerautor Daniel Stelter über den Neustart nach der Krise, einen drohenden neuen Shutdown und wie Italien sich über eine Vermögensabgabe selbst helfen könnte.

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Daniel Stelter, 55, ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Forums beyond the obvious. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler war von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der internationalen Strategieberatung The Boston Consulting Group und Mitglied des dortigen BCG Executive Committee. Nach zahlreichen Bestsellern, zuletzt „Das Märchen vom reichen Land – wie die Politik uns ruiniert“, erscheint nun „Coronomics. Nach dem Corona-Schock: Neustart aus der Krise“ im Campus Verlag, zunächst am 30. April als E-Paper und am 15. Mai dann als gedrucktes Exemplar.

WirtschaftsWoche: Herr Stelter, Sie nennen Ihr neues Buch „Coronomics“. Ist das nicht nur eine hübsche Verpackung für die Verbreitung altbekannter Wirtschaftsthesen?
Daniel Stelter: Das könnte man meinen. Natürlich habe ich die Wirtschaftswissenschaft nicht neu erfunden. Ich denke sie nur neu und konsequent zu Ende gegen die schwere Krise, in der wir uns befinden, aber auch mit Blick auf den fragilen Zustand von Weltwirtschaft und Finanzmärkten schon vor dem Schock. In den kommenden Jahren werden wir wirtschaftspolitische Maßnahmen erleben, die wir uns bis vor kurzem nicht hätten träumen lassen. Und gerade wir Deutschen müssen uns mit dieser Realität auseinandersetzen, um nicht am Ende als die ganz großen Verlierer dazustehen.

Sie gehen davon aus, dass es zu keiner Erholung kommen wird, wie wir sie sonst kannten. Solche Prognosen gab es auch nach der Lehman-Pleite, doch dann kam es anders.
Wieso sollte sich das Muster nicht auch dieses Mal wiederholen?
Zum einen müssen wir anerkennen, dass die Weltwirtschaft sich bis Ende 2019 nicht wirklich von der Finanz- und der Eurokrise erholt hatte. Überall – selbst in Deutschland – lag das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität deutlich unter dem Vorkrisentrend. Dies trotz massiver geldpolitischer Maßnahmen und einem weltweit ungebrochenen Schuldenwachstum. Hinzu kommt, dass diese Krise eine ganz andere ist. Sie trifft viel weitere Bereiche der Wirtschaft, die in normalen Rezessionen nicht so stark getroffen sind – ich denke an Gastronomie und Tourismus als Beispiele – und das dann auch noch viel härter. Letztlich zeigt die Erfahrung aus früheren Pandemien, dass das Wachstum danach geringer ist als vor der Krise. Packen wir dazu noch die demografische Entwicklung und die seit Jahren sehr schlechte Entwicklung der Produktivität, kommen wir zu einem sehr unerfreulichen Ausblick: Diese Krise verschärft alle schlechten Vor-Krisen-Trends und es wird schwer, das einfach wieder abzuschütteln.

Noch ist das Zukunftsmusik. Wie bekommen wir überhaupt die Wirtschaft wieder ans Laufen?
Ich sehe die Politik der Bundesregierung sehr kritisch. Unternehmen brauchen Liquidität, aber sie können keine Schulden in dem Maße verkraften. Kredite – noch dazu verzinsliche – verzögern den Konkurs, verhindern ihn aber nicht. Und selbst wenn Unternehmen es überleben, können sie danach jahrelang nicht investieren, sondern müssen Schulden abtragen. Ich selber habe für ein künstliches Koma plädiert. Es müssten alle so gestellt werden, als wäre das Coronavirus nie ein Problem gewesen. Da das nicht geht, sollte das Finanzamt jedem Unternehmen und Selbstständigen ein zwölftel des Vorjahresumsatzes pro Monat einfach überweisen. Im nächsten Jahr würde man dann abrechnen. Wer den Zuschuss benötigt hat, darf ihn behalten, dann aber auch keinen Gewinn über dem Vorjahresniveau haben. Wer ihn nicht gebraucht hat, muss ihn erstatten. Das wäre fairer, transparenter und auch effektiver. Wie wir die Kosten danach verteilen, steht auf einem anderen Blatt.

Und wenn es einen weiteren, eventuell noch schärferen Shutdown geben sollte, weil es eine zweite Infektionswelle gibt?
Das wäre eine Katastrophe für die Wirtschaft. Dann werden wir einen Schock bekommen, den wir nicht einfach kaschieren können. Noch mehr Unternehmen wären dann endgültig und unwiederbringlich am Ende.

Wir sehen weiterhin eine große Uneinigkeit in der EU und den Mitgliedsländern der Eurozone, was die Krisenbewältigung betrifft. Ist es deshalb richtig, dass die Europäische Zentralbank wieder Feuerwehr spielt?
Wir haben gar keine andere Wahl. Die EZB wird in den kommenden Jahren eine noch größere Rolle spielen. Wir müssen anerkennen, dass Länder wie Italien, Spanien, Portugal und eigentlich auch Frankreich so hohe Schulden haben, dass sie sich nicht mehr weiter verschulden können, ohne dass die Solvenzfrage gestellt wird. Dies will man aber nicht offen zugeben und deshalb sucht die Politik händeringend nach einem Weg, Geld zu mobilisieren, ohne dass dies zu zusätzlichen Schulden in diesen Ländern führt.

Wieso sind Sie gegen Eurobonds, wie sie Italien, Spanien, Frankreich, aber auch die SPD und die Grünen fordern?
Ich bin dafür, dass man offen sagt, um was es geht, und Dinge nicht verschleiert. Wenn ein Land so hohe Schulden hat, dass es sich nicht weiter verschulden kann, dann gilt das auch für gemeinsame Schulden. Das bedeutet dann, dass es nicht darum geht, die Zinslast durch gemeinsame Schulden zu senken – angesichts der EZB-Interventionen ist der Zinsunterschied ohnehin nicht so groß –, sondern es geht um die Übernahme von Tilgung. Nehmen wir an, die Eurozone nimmt gemeinsam 1000 Milliarden auf und wir tilgen nach Wirtschaftskraft – also dem Anteil, den ein Land am Bruttoinlandsprodukt hat –, dann läge unser Anteil bei 290 Milliarden. Fließt das Geld komplett in die Krisenländer, bedeutet dies nichts anderes, als dass wir 290 Milliarden an die anderen Staaten schenken. Ich finde, das kann man machen, doch dann sollte man es offen sagen und wir sollten es direkt aus Deutschland machen: mit Krediten, Direktinvestitionen und Schenkungen. Hinzu kommt: Ich glaube nicht, dass es bei dem einmaligen Instrument bleibt. Wir sind dann schnell bei gemeinsamen Schulden, ohne dass Steuern, Abgaben, Sozialleistungen etc. auf einem vergleichbaren Niveau sind. Das wäre nicht gerecht und würde europakritische Kräfte befeuern.

Coronomics: Das neue Buch von Daniel Stelter Quelle: PR

Wie sähen denn bessere Lösungen aus, zum Beispiel Vermögensabgaben?
Tja, die sind nur bei uns populär, wie Äußerungen der Politik zeigen. Besonders problematisch finde ich, dass dieselben, die für Eurobonds sind, bei uns Vermögensabgaben fordern, sich aber nicht daran stören, dass die privaten Haushalte in den anderen Ländern deutlich vermögender sind. Wer – wie ich es getan habe – darauf hinweist, dass wir auf diese Weise vergleichsweise deutlich vermögenderen Haushalten helfen, wird schnell in eine nationalistische, anti-europäische Ecke gestellt. Dabei hat sogar die Bundesbank schon vor einiger Zeit in diese Richtung gedacht. Das ist bedauerlich. Es wäre nämlich auch im Interesse der anderen Staaten.

Welche Zahlen legen Sie da zugrunde?
Nehmen wir Italien: Die Italiener haben nach Daten der Credit Suisse das größte Privatvermögen relativ zum Bruttoinlandsprodukt in Europa, noch vor den Schweizern. Zugleich haben sie die wenigsten Privatschulden, noch weniger als wir Deutsche. Eine einmalige Vermögensabgabe von 20 Prozent würde genügen, die Staatsschulden Italiens um 100 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt zu senken. Soweit muss man ja nicht gehen, aber schon eine Abgabe von 10 Prozent würde rund 990 Milliarden Euro in die Staatskasse spülen. Auch dann wären die Italiener noch deutlich vermögender als wir Deutschen. Nach einem solchen Schritt könnte der italienische Staat andere Steuern und Abgaben senken und müsste auch keinen Primärüberschuss, also einen Haushaltsüberschuss vor Zinszahlungen, erzielen. Das Wachstum – und das ist das große Problem des Landes – könnte so gestärkt werden und damit auch die Schuldentragfähigkeit. Dies nicht zu tun, und stattdessen auf gemeinsame Schulden zu setzen, verlängert nur das Leiden. Würde ich das wollen, wenn ich Italiener wäre? Natürlich nicht, solange es andere Geldquellen gibt. Und damit sind wir beim Kernproblem der Diskussion. Aber nochmals: Ich finde, wir sollten den Italienern helfen und direkte Zahlungen leisten. Aber es wäre gut, sie würden einen Eigenanteil bringen.

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