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Amerikanische Corona-Impfkampagne Supermarktkasse statt Impfzentrum: Impfen könnte kaum einfacher sein

Derzeit sind knapp 20 Prozent der US-Bevölkerung vollständig geimpft. Das Land liegt damit hinter Chile (22 Prozent) und Spitzenreiter Israel (54 Prozent). Quelle: Bloomberg

Der WirtschaftsWoche-Korrespondent an der US-Westküste hat sich in Utah zum zweiten Mal impfen lassen mit Pfizer-Biontech – in einem Supermarkt. Ein Erfahrungsbericht aus den Vereinigten Staaten.

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Im Albertsons Supermarkt in Saint George in Utah, einer Kleinstadt am Rande des Zion National Parks, ist bereits möglich, was US-Präsident Joe Biden für den 19. April in Aussicht gestellt hat. Jeder, der über 16 Jahre alt ist, kann sich dann impfen lassen, unabhängig von Prioritäten.

„Covid-Impfstoff verfügbar, ohne Anmeldung“, wirbt ein Schild vor einem Bücherregal, gleich neben der Apotheke des Supermarktes. Hier beginnt die kurze Warteschlange, in der an diesem Nachmittag sechs Impflinge stehen, neben einem Senior auch zwei junge Frauen. Eine asiatisch-stämmige Frau hat ihren Sohn mitgebracht. Sie hat keinen Ausweis für ihn. „Er ist über 16 Jahre alt“, versichert sie. Der Apotheker runzelt die Stirn, ruft eine Hotline an. „Okay“, sagt er dann. Die Impfstellen in den USA sind angewiesen, flexibel zu sein. Viele Amerikaner haben keinen Pass.

Normalerweise weist man sich mit dem Führerschein aus. Je nach Bundesstaat (16 stellen Führerscheine auch ohne Vorlage von Pass oder Geburtsurkunde aus) haben illegale Einwanderer auch dieses Dokument nicht. Weshalb die Zusicherung genügt, entweder das nötige Alter zu haben oder einer Prioritätsgruppe anzugehören. Die Richtlinie ist klar: Impfen statt abweisen.

„Covid-Impfstoff verfügbar, ohne Anmeldung“, wirbt ein Schild vor einem Bücherregal, gleich neben der Apotheke des Supermarktes. Quelle: Matthias Hohensee

Auch ich lasse mich an diesem Dienstagnachmittag, kurz nach Ostern, impfen. Es ist meine zweite Impfung mit Pfizer-Biontech. Die erste habe ich drei Wochen zuvor im gleichen Supermarkt erhalten. Mein Heimatstaat Kalifornien impft seit ersten April alle über 50-jährigen. Wegen einer Vorerkrankung hätte ich mich gar schon Anfang März impfen lassen können. Aber es war kein Termin im Silicon Valley zu bekommen, weil hier die Zahl der Impfwilligen besonders groß ist.

Während einer Geschäftsreise nach Las Vegas entschloss ich mich, einen Abstecher nach Utah zu machen, nach Saint George. Die Stadt liegt in der südwestlichsten Ecke von Utah. Nur knapp zwei Autostunden von Las Vegas entfernt, was für US-Maßstäbe ein Katzensprung ist.

In Utah werden seit Anfang März bereits alle Über 50-Jährigen geimpft. Am Tag vor meiner ersten Impfung gab es Termine in Hülle und Fülle, besonders bei Super -und Drogeriemärkten. Nahezu jeder große Supermarkt in den USA hat eine Apotheke, die traditionell Schutzimpfungen verabreichen.

Einloggen über das Portal von Albertsons, der zweitgrößten Supermarktkette der USA, Standort und Zeitpunkt auswählen, fertig. Zwei Minuten später ist der Termin via E-Mail bestätigt. In Utah gibt es mehr Impfstoff als daran Interessierte. Es könnte damit zusammenhängen, dass der Staat sehr konservativ ist, obwohl der prominenteste Politiker des Landes – Mitt Romney – einer der schärfsten Trump Kritiker ist. Trump hat Utah 2020 mit 58 Prozent der Stimmen gewonnen.

Laut Umfragen wollen zwischen 35 und 45 Prozent der Anhänger der Republikaner sich nicht impfen lassen. Saint George ist jedoch für Utah-Verhältnisse liberal. Hier haben 57 Prozent für die Wiederwahl von Trump gestimmt, fast vierzig Prozent für Biden.
Das Vakzin polarisiert zudem die Gläubigen. Besonders unter Protestanten ist die Bereitschaft sich impfen zu lassen niedrig. Bei den Katholiken, zu denen auch Joe Biden zählt, liegt sie weit höher, auch weil der Vatikan sich öffentlich dafür ausgesprochen hat.

Die gleiche Krankenschwester wie vor drei Wochen piekst gekonnt die Kanüle in meinen linken Oberarm und klebt die Chargennummer auf den CDC-Impfausweis. Quelle: Matthias Hohensee

Auch die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, umgangssprachlich Mormonen genannt, die in Utah ihren Sitz hat, empfiehlt das Impfen. Die Oberhäupter der Kirche, allen voran ihr 96-jähriger Präsident Russell Nelson, haben schon im Januar ein Zeichen gesetzt und sich öffentlich impfen lassen.

Bei meiner zweiten Impfung muss ich meinen kalifornischen Führerschein nicht mehr vorlegen. Die Impfkarte vom Centers for Disease Control and Prevention (CDC) reicht aus. Auf dem Dokument prangt bereits der Stempel der Albertsons-Apotheke, sowie die Banderole von der ersten Impfung mit Pfizer/Biontech inklusive der Chargennummer. Nochmals ausfüllen muss ich nur eine Bescheinigung, in der ich mich mit der Impfung einverstanden erkläre und das mögliche Allergien abfragt. Fieber gemessen wird nicht, man vertraut auf Selbstauskunft.



„Diesmal könnten die Nachwirkungen etwas stärker sein, am besten gleich Ibuprofen oder Tylenol nehmen“, sagt die Frau an der Anmeldung. Albertsons hat praktischerweise gleich noch ein Sonderangebot für Ibuprofen vorrätig – 4,55 Dollar für die 50 Tabletten Packung.

Der Bogen mit der Einverständniserklärung wird eingescannt. Zwei Minuten später sitze ich in einer vier Quadratmeter großen Nische ohne Tür. Die gleiche Krankenschwester wie vor drei Wochen piekst gekonnt die Kanüle in meinen linken Oberarm und klebt die Chargennummer auf den CDC-Impfausweis. „Am besten noch 20 Minuten hierbleiben, wegen möglicher allergischer Reaktionen“, empfiehlt sie und weist auf eine Stuhlreihe, die am Regal mit dem Toilettenpapier platziert ist. Neben mir schieben Kunden ihre vollen Einkaufswagen durch den Gang.

„Am besten noch 20 Minuten hierbleiben, wegen möglicher allergischer Reaktionen“, empfiehlt eine Krankenschwester und weist auf eine Stuhlreihe, die am Regal mit dem Toilettenpapier platziert ist. Neben mir schieben Kunden ihre vollen Einkaufswagen durch den Gang. Quelle: Matthias Hohensee

Nach zehn Minuten juckt die linke Hand etwas und ich fühle mich, als ob ich drei Tassen Espresso auf einmal heruntergestürzt hätte. Keine Frage, mein Immunsystem reagiert.
Zurück nach Las Vegas. Auf der Interstate 15 schalte ich das Fahrassistenzsystem ein, es geht 110 Meilen geradeaus, vorbei an zerklüfteten Landschaften, rotschimmernden Felsen und Gebirgsbächen, kurz durch Arizona, zurück nach Nevada in die pazifische Zeitzone, wo es eine Stunde früher ist. In Las Vegas checke ich im Sahara-Hotel ein, schräg gegenüber vom neuen 4,3 Milliarden Dollar teuren Mega-Kasino „Resorts World“, das im Sommer eröffnet werden soll. Das Zimmer im Sahara kostet 29 Dollar, immerhin ein kürzlich renoviertes 4-Sterne-Haus. So günstig habe ich in Las Vegas noch nie gewohnt.

Die Nacht verläuft ruhig, Nachwirkungen habe ich keine. Am Morgen mache ich noch einen Spaziergang zum neuen Gebäude des Messezentrums von Las Vegas. Die große Attraktion dort ist ein Tunnel, den Elon Musks Boring-Unternehmen gegraben hat. Auf Plattformen gestellte Teslas sollen dort unter dem Messegelände mit Geschwindigkeiten von bis zu 248 Kilometern pro Stunde entlangsausen. Eigentlich sollte der Tunnel im Januar zur Unterhaltungselektronikmesse CES eingeweiht werden. Doch diese fand wegen Corona nur virtuell statt. „Ich war da unten, der Tunnel ist mit farbigen LEDS versehen“, klärt mich ein freundlicher Bauarbeiter auf. „Kennen Sie den Sci-Fi-Streifen Tron? Genauso wirkt es.“

Am Örtchen Mojave passiere ich den berühmten Wüsten-Flughafen, wo Fluglinien aus aller Welt ihre ausgemusterten Jets in der Wüste parken. Sichtbar sind mehrere Dutzend Maschinen, auch mindestens drei Flugzeuge mit Lufthansa Logo sind dabei. Quelle: Matthias Hohensee

Es geht zurück ins Silicon Valley. Die Interstate 15 ist an diesem Vormittag dicht befahren. Ein Sattelzug reiht sich an den anderen. Es ist die Haupttrasse in den Ballungsraum Los Angeles. Erst als ich bei Barstow in Richtung Nordkalifornien abbiege ebbt der Verkehr ab. Am Örtchen Mojave passiere ich den berühmten Wüsten-Flughafen, wo Fluglinien aus aller Welt ihre ausgemusterten Jets in der Wüste parken. Sichtbar sind mehrere Dutzend Maschinen, auch mindestens drei Flugzeuge mit Lufthansa Logo sind dabei.

Während der achtstündigen Fahrt höre ich Berliner Rundfunk via Internet. Jede volle Stunde wird in den Nachrichten über einen möglichen Lockdown in Deutschland informiert. Eine Meldung dreht sich um Impfstoff-Nationalismus. In den USA ist der kein Thema. Donald Trump hat verfügt, dass kein in den USA produzierter Covid-Impfstoff exportiert werden darf. Sein Nachfolger Joe Biden hat dies beibehalten. Auch wenn Biden mittlerweile bei den Nachbarländern Kanada und Mexico Ausnahmen gemacht hat.
Neun Stunden nach Abfahrt in Las Vegas bin ich wieder zu Hause in Kalifornien. Im Briefkasten liegt ein Umschlag mit einer Scheckkarte. Es ist die aktuelle Stimulus-Zahlung der US-Regierung, um die Wirtschaft anzukurbeln. Bis zu 1400 Dollar gibt es pro Erwachsenen in dieser Runde, zuzüglich zu den bis zu 1800 Dollar im vergangenen Jahr.

Amerika hat stark unter der Pandemie gelitten, beklagt derzeit die höchste Zahl an Corona-Toten. Je nach politischer Prägung der Bundesstaaten gab es keine oder nur milde (republikanisch regiert) oder etwas härtere Lockdowns (demokratisch regiert). Der Ärger darüber greift über Parteigrenzen. In Kalifornien, wo härter durchgegriffen wurde, läuft gerade eine Kampagne, die Gavin Newsom, den Gouverneur der Demokraten, abberufen will.



Aber die USA haben auch vieles richtig gemacht, von unbürokratischer Arbeitslosenhilfe, die auch Selbständige einbezog, bis hin zu Hilfszahlungen für achtzig Prozent aller Haushalte und Moratorien gegen Zwangsräumungen aufgrund ausgebliebener Mietzahlungen. Vor allem aber bei der Impfstoffbestellung unter US-Präsident Trump, die nicht nur auf Mengen, sondern auch Liefergeschwindigkeit achtete. Und auf die nun Biden mit einer beschleunigten Impfkampagne aufbaut. Die Kosten dafür sind zweitranging.

Es hilft, dass mit Johnson & Johnson und Pfizer die beiden größten Pharmakonzerne der Welt ihren Sitz in den USA haben und beide plus das US-Unternehmen Moderna erfolgreiche Covid-Impfstoffe im Programm haben.
Die größte Stärke der USA ist jedoch das Improvisieren. Bürokratie gibt es auch hier mehr als genug, vor allem in Kalifornien. Aber wenn wirklich Not ist, dann setzt man sich über das sogenannte „red tape“ hinweg. Für meine Impfung habe ich zwei Dokumente ausgefüllt und zwei Unterschriften geleistet. Das Vereinbaren des Termins dauerte zwei Minuten. Einfacher hätte es nicht sein können. Derzeit sind knapp 20 Prozent der US-Bevölkerung vollständig geimpft. Das Land liegt damit hinter Chile (22 Prozent) und Spitzenreiter Israel (54 Prozent).

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Es sieht so aus, als ob bis zum Sommer Herden-Immunität in den USA möglich ist. Und damit hoffentlich die Normalität zurückkehrt. Ein Wirtschaftsboom deutet sich an. Der Verkehr ist jedenfalls schon wieder am Rollen.

Mehr zum Thema: Deutschland wartet weiterhin darauf, dass die Impfkampagne endlich so richtig Fahrt aufnimmt. Immerhin: die Mobilisierung der Bundeswehr läuft an.

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