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Decoupling von ChinaAlter Wein in neuen Schläuchen

„Diversifizierung“ ist das Schlagwort der Stunde, aber die noch vor dem G20-Gipfel von Kanzler Scholz auf seiner Asien-Reise proklamierte Suche nach neuen Partnern außerhalb Chinas ist noch lange keine Strategie.KOMMENTAR von Daniel Goffart 14.11.2022 - 15:04 Uhr

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine stehen neue Investitionen in China hinsichtlich des Konfliktes mit Taiwan auf dem Prüfstand.

Foto: dpa Picture-Alliance

Bei den Militärs weiß man schon seit General Carl von Clausewitz, dass nicht nur jeder Angriff gut vorbereitet werden muss, sondern im Fall der Fälle auch der Rückzug. In der Wirtschaft hat man diese Selbstverständlichkeit lange ignoriert. In China wurden erfolgreich Märkte erobert und über Jahrzehnte wachsende Umsätze erkämpft – warum also über einen Rückzugsplan nachdenken?

Dient jetzt die Invasion der Ukraine und der dadurch erzwungene Verzicht auf russische Märkte und Rohstoffe den einen Unternehmen als unerwartet drastische Mahnung, so machen andere in China weiter wie bisher. Immer neue Milliarden werden im Reich der Mitte investiert, ganz so, als sei nichts passiert, ganz so, als könne nicht morgen eine chinesische Invasion Taiwans zum größten Totalverlust in der Geschichte der deutschen Exportwirtschaft führen. Das Ignorieren geopolitischer Risiken – man könnte auch sagen die Vogel-Strauß-Methode einiger deutscher Konzerne – führt bereits zu heftigem Streit zwischen Politik, großen Playern und Verbänden.

„Ausschleichen“ statt rausgehen

Weil wir nicht von jetzt auf gleich auf China verzichten können – und es in Wahrheit auch nicht wollen –, hat sich die Bundesregierung für eine angeblich „neue Strategie“ entschieden, für eine Art „ausschleichen“. Man bleibt zwar vor Ort, hält aber gleichzeitig Ausschau nach neuen Partnern außerhalb Chinas.

Ins Visier des Bundeskanzlers und seines Wirtschaftsministers sind deshalb Länder mit großem Potenzial geraten, Staaten wie Indonesien, Malaysia, Senegal, Nigeria, Brasilien oder Vietnam. Man kann das auf Neudeutsch auch „Decoupling“ nennen, also Entkopplung, aber neu daran ist nur der Begriff. Schließlich lautet eine alte Bauernweisheit, dass man gut beraten ist, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Schon vor 30 Jahren hat man die asiatischen „Tigerstaaten“ entdeckt, seit Jahrzehnten wird Südamerika als unterschätzter Standort beschworen und nicht zuletzt fehlt in keiner außenwirtschaftlichen Sonntagsrede der Hinweis auf die Chancen in Afrika.

„Nicht in unserem Garten“

Das alles stimmt. Und natürlich ist auch alles richtig, was unsere Abhängigkeit von China verringert. Aber neu ist das alles nicht. Das gilt leider auch für die Tatsache, dass diese und die Bundesregierungen davor viel zu wenig unternommen haben, um durch eigene Rohstoffe, durch eigene Forschung und Produktförderung resilienter zu werden – denken wir nur an Mikrochips oder eine eigene Solarindustrie.

Wir verneigen uns vor arabischen Potentaten, verweigern aber jeden Versuch, unsere nationalen Gasvorkommen zu explorieren. Wir kaufen LNG aus aller Welt, finden Fracking bei uns aber ökologisch höchst verwerflich. Wir schließen funktionierende Kernkraftwerke auf höchstem Sicherheitsniveau, importieren aber Atomstrom von unseren Nachbarn. Wir lehnen CO2-Verpressung in tiefe Gesteinsschichten ab – und werden diese bei uns geächtete Technik irgendwann von anderen Ländern kaufen, wenn die nationalen Klimaziele weiterhin verfehlt werden. Wir reden seit Jahren über den Flaschenhals „seltene Erden“ und strategische Rohstoffe, haben aber keine entsprechende Kreislaufwirtschaft dafür aufgebaut. Der Grund dafür ist bei der Wirtschaft kurzsichtige Profiterwägung und in der Politik parteiliches Kalkül oder Taktik.

Weit kommt man damit allerdings nicht. Schon Clausewitz warnte davor, Taktik mit Strategie zu verwechseln.   

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