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EnergieWie Russland sanktioniertes Gas verkauft

US-Sanktionen machen es Russland schwer, die weltweiten Exporte von LNG auszubauen. Eine Schattenflotte könnte das nun allerdings ändern. 21.09.2024 - 13:22 Uhr

Das Gas aus der „Arctic LNG 2“ ist seit November 2023 mit US-Sanktionen belegt.

Foto: Stefan Sauer/dpa

Die Wohnung 90 Meilen südlich der indischen Stadt Mumbai wirkt, als würde hier eine Familie leben. Doch die spärlich eingerichtete Wohnung, in der ein Sofa, ein Kinderfahrrad und ein rosa Plastikstuhl stehen, ist die Zentrale eines Unternehmens, das daran arbeitet, die Sanktionen zu umgehen, die der Westen gegen Russland verhängt hat. Seit Juni ist die Wohnung in Indien die eingetragene Adresse von Ocean Speedstar Solutions, dem Betreiber einer russischen Schattenflotte von Tankschiffen, die Flüssigerdgas von oberhalb des Polarkreises exportieren. Die Schiffe verschleiern ihren Standort, liefern sich ein Versteckspiel mit den US-Behörden.

Die Wohnung gehört Nikhil Ganesh Ghorpade, einem Fotojournalisten ohne Verbindung zur Energiewirtschaft. Er sei von einem Freund dazu überredet worden, seinen Namen und seine Wohnadresse im Namen des Unternehmens anzumelden und wird in einem offiziellen indischen Register als alleiniger Direktor von Ocean Speedstar geführt. Ghorpade ist damit unbewusst Teil eines komplexen Netzwerks geworden, das sich von Dubai bis nach Indien und China erstreckt. Es dient dazu, eine Schattenflotte von Gastankern aufzubauen, die den Treibstoff der russischen Arctic LNG 2-Anlage zu transportieren. Diese wurde seit der Invasion in der Ukraine mit Sanktionen belegt.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte die Arctic LNG 2-Anlage im Dezember in Betrieb genommen und zu einem nationalen Prestigeprojekt erklärt. Die 21 Milliarden Dollar teure Anlage soll beweisen, dass die westlichen Sanktionen – die nach Moskaus Invasion in der Ukraine 2022 verhängt wurden – die Energiewirtschaft des Landes nicht aufhalten können.

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„Die Russen suchen weltweit nach Menschen, die Geld brauchen“

Hinter der Anlage steht die Firma Novatek, die 60 Prozent Anteile an der Betreibergesellschaft hält. Westliche Ingenieure haben sich seit der Invasion in der Ukraine aus dem Projekt zurückgezogen. Die Anlage kann dennoch bis zu 20 Millionen Tonnen Kraftstoff pro Jahr produzieren, die vor allem nach Asien geliefert werden sollen. Denn dort soll die Nachfrage bis 2030 um 40 Prozent steigen.

Ziel der russischen Regierung ist es, trotz der Sanktionen die LNG-Exporte bis 2030 zu verdreifachen. Bis zum Ende des Jahrzehnts will Russland so ein Fünftel des Weltmarktes für LNG beherrschen, bislang sind es nur acht Prozent. Damit steht es in direkter Konkurrenz zu US-Lieferanten, die ihre gesamten LNG-Exporte in diesem Jahrzehnt verdoppeln wollen. Für beide ist China, der größte Abnehmer der Welt, ein wichtiger Kunde.

Eine exklusive Analyse von Bloomberg zeigt, wie weit Moskau geht, um Marktanteile zu erobern. Dafür wurden Unternehmensdaten, Satellitenbildern und Informationen zur Schiffsverfolgung ausgewertet. „Die Russen suchen weltweit nach Menschen, die Geld brauchen“, sagt Kjell Eikland, Geschäftsführer von Eikland Energy, der seit mehr als 30 Jahren in der Öl- und Gasindustrie tätig ist. Russland übernimmt dann die gesamte Planung und den Verkauf des Treibstoffs.

Hohe Rabatte auf das sanktionierte Gas

Es ist nicht die erste Schattenflotte der Russen: Seit der Invasion in der Ukraine ist es der russischen Ölindustrie gelungen, eine Flotte von Hunderten von Schiffen aufzubauen, die das sanktionierte Öl transportieren. Bisher belief sich der Bruttowert der russischen Rohölexporte auf dem Seeweg auf etwa 210 Milliarden Dollar am Verladeort – basierend auf den von Bloomberg zusammengestellten Schiffsverfolgungsdaten und den von Argus Media bereitgestellten russischen Rohölexportpreisen.

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Bei den meisten russischen LNG-Anlagen ist der Export noch legal: Die bestehenden LNG-Anlagen des Landes – darunter Yamal und Sakhalin-II – sind bislang nicht sanktioniert und arbeiten normal weiter, um Asien und Europa mit russischem Brennstoff zu versorgen. Doch das Gas aus der „Arctic LNG 2“ ist seit November 2023 mit US-Sanktionen belegt – noch bevor die Produktion überhaupt begonnen hatte. Nicht nur die potenziellen Käufer wurden vor Gas aus der Anlage gewarnt, auch die Lieferung von Spezialschiffen, die eisige Gewässer durchqueren können, wurde gestoppt. Das Gas war in der Arktis praktisch gefangen.

Seitdem unternimmt Russland zunehmend verzweifelte und potenziell gefährliche Schritte, um den Treibstofffluss aufrechtzuerhalten, und bietet sogar hohe Rabatte an, um zögerliche Kunden zu überzeugen, berichtet Bloomberg und beruft sich dabei auf zwei Dutzend LNG-Händler,Unternehmensvertreter und Schiffsmakler, die anonym bleiben wollen. Novatek habe auch ein Büro in China eröffnet, um neue Kunden zu finden, berichten Insider. Und auch nach Mumbai sollen Führungskräfte von Novatek gereist sein, um sich mit Reedereien zu treffen. Den Umgang mit Sanktionen ist das Unternehmen um den Vorstandsvorsitzender Leonid Mikhelson gewohnt: Schon nach der Annexion der Krim war Novatek 2014 mit Sanktionen belegt worden. „Die Beziehung zwischen Mikhelson und Putin ist eng“, sagt Experte Eikland. Offizielle Videos und Protokolle belegen diverse Treffen.

Die Spur führt nach Moskau

Seit März 2024 hat Russland damit begonnen, eine Schattenflotte für das sanktionierte LNG aufzubauen. Das in Dubai ansässige Unternehmen Nur Global Shipping kaufte mehrere ältere Gastanker, die sonst auf dem Schrottplatz gelandet wären für jeweils mehr als 50 Millionen Dollar. Eine ungewöhnlich hohe Summe für Schiffe, die so alt sind und nicht den neuesten Umweltstandards entsprechen, berichten Händler und Schiffsmakler.

Die Unternehmensadresse von Nur ist ein Meydan-Hotel in einer Freihandelszone in Dubai, die in der Vergangenheit von US-amerikanischen und einigen lokalen Beamten wegen ihrer mangelnden Transparenz kritisiert wurde. Schon die Website zeigt, wie undurchsichtig das Netz der Firma ist: Registriert ist die Homepage von Nur auf South Oil Trading, ein Unternehmen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, dessen Geschäftslizenz 2022 ausgelaufen ist. Die Website von South Oil wiederum wurde von Caran Energy registriert, das ebenfalls in Dubai beheimatet ist. Nach einer Bitte um Stellungnahme ging deren Homepage direkt vom Netz. Die IP-Adresse von Caran ist mit mehreren russischen Netzwerkadressen verknüpft, was für Unternehmen, die aus den Emiraten kommen, ungewöhnlich ist, so David Tannenbaum, Direktor bei Blackstone Compliance Services.

Nach Angaben von Schiffsmaklern, Händlern und Informationen aus einer Schifffahrtsdatenbank hat Nur mittlerweile eine Schattenflotte aus fünf Schiffen zusammengestellt, von denen zwei von der Jovo, einem chinesischen LNG-Importeur, stammen. Die Käufe wurden über fünf Unternehmen getätigt. Eines der Schiffe trägt den Namen „Pioneer“.

Gefälschte Schiffsdaten

Mitte Juli fiel einigen LNG-Händlern die ungewöhnliche Route der „Pioneer“ auf. Vor der nordnorwegischen Küste fuhr das Schiff in der Barentssee eine nahezu perfekte Ovale, wobei es laut Schiffsverfolgungsdaten in jeder Kurve praktisch die gleiche Geschwindigkeit und Richtung beibehielt.

Händler gehen davon aus, dass das Schiff seinen Standort mit einem als „Spoofing“ bezeichneten Verfahren gefälscht hat, das den digitalen Ortungssystemen einen falschen vorgaukelt. In Wirklichkeit war es auf dem Weg zum Exportterminal Arctic LNG 2.

Das belegen Satellitenbilder vom 1. August. Sie zeigen, wie das Schiff an der Anlage andockt – als erstes Schiff überhaupt. In kurzer Folge legten zwei weitere Schiffe an: Die Asya Energy und die Everest Energy. Auch das zeigt eine Bloomberg-Analyse von Satellitenbildern. Daten der Schiffsortung wurden auch hier mutmaßlich gefälscht: Asya Energy hatte laut offizieller Daten Monate vor der Küste Omans verbracht, während Everest Energy aus Malaysia kam. Offiziell werden alle drei Schiffe von Ocean Speedstar Solutions verwaltet, dem auf Ghorpade eingetragenen Unternehmen. Das undurchsichtige Netzwerk macht es praktisch unmöglich, die Schiffe bis zu ihren eigentlichen Eigentümern zurückzuverfolgen.

Kurz nach dem Kauf wurden die Schiffe an Ocean Speedstar und ein weiteres in Mumbai ansässiges Unternehmen, Plio Energy Cargo Shipping, übertragen. Die fünf Unternehmen, die die Schiffe gekauft hatten, änderten anschließend ihre Adressen in die Mumbai-Büros von Ocean Speedstar und Plio Energy.

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Plio Energy, wie Ocean Speedstar im Juni gegründet, ist ebenfalls in einer Wohnung weit weg von Mumbais belebtem Geschäftszentrum gemeldet.

Nicht gerüstet für das arktische Eis

„Wir sind zwar nicht in diese Transaktionen involviert, aber es ist klar, dass die Firma eigentlich nur ein Mittelsmann ist, um Sanktionsprüfungen zu umgehen“, sagt Toby Dunipace, Partner und weltweiter Leiter der LNG-Abteilung des Schiffsmaklers SSY. „Was passiert danach? Dann wird es dunkel.“

Indien selbst hält sich bei der Aufklärung zurück. Randhir Jaiswal, Sprecher des indischen Außenministeriums, das an der Formulierung der Außenpolitik mitwirkt, sagte, das Land verfolge keine einseitigen Sanktionen. Trotz der Schattenflotte konnte Arctic LNG 2 seit Anfang August nur fünf Ladungen exportieren. Zwei Ladungen befinden sich in einer sanktionierten schwimmenden Lagereinheit in der Nähe von Murmansk. Die anderen drei befinden sich auf dem Transportweg.

Nicht nur die US-Sanktionen bedrohen den Handel, auch die Zeit wird knapp. Die Schiffe der dunklen Flotte sind nur für die Durchfahrt durch die arktischen Gewässer bis Ende Oktober ausgerüstet. Dann macht das dicke Eis die Durchfahrt unmöglich. Und trotz der Bemühungen, Eisbrecher zu kaufen und eigene Schiffe zu bauen, ist nicht klar, ob Russland rechtzeitig über solche Schiffe verfügen wird, um die Fahrten der Schattenflotte fortzusetzen. Die letzten beiden Transporte sind im September ausgelaufen. Den Schiffsverfolgungsdaten zufolge sind beide auf dem Weg nach Asien über die Nördliche Seeroute durch die Arktis. Traditionelle LNG-Schiffe meiden diese Route aus Angst vor Kollisionen mit Eisbergen. „Ein so altes, schlecht geeignetes Schiff über die Nordsee-Route zu schicken, deutet darauf hin, dass Arctic LNG 2 keine weiteren Optionen mehr hat“, sagt Tom Marzec-Manser, Leiter der Abteilung Gasanalytik bei der Energieberatungsfirma ICIS. „Es scheinen verzweifelte Zeiten für Arctic LNG 2 zu sein, und so greifen sie zu verzweifelten Maßnahmen.“

USA reagieren mit weiteren Sanktionen

Novatek-Führungskräfte reisen derzeit um die Welt, um Endabnehmer für das sanktionierte LNG zu finden. Obwohl sie den Treibstoff mit einem Rabatt von 40 Prozent auf die Spotpreise anbieten, zögern potenzielle Kunden. Sie fürchten Vergeltungsmaßnahmen aus Washington.

Nur wenige Wochen, nachdem die ersten Schiffe an der Arctic LNG 2 anlegten, kündigten die USA Sanktionen gegen drei von ihnen an, darunter die Pioneer, die Ocean Speedstar, vier weitere Schiffe und die chinesische Einheit von Novatek. Etwa 48 Stunden später soll die Pioneer versucht haben, das LNG auf offener See auf ein anderes Schiff zu übertragen, belegen Satellitenbilder. Auch dieses Schiff wurde in der Folge mit Sanktionen belegt.

Russland treibt das Projekt trotzdem weiter voran. Arctic LNG 2 fährt mit dem Bau der zweiten Phase der Anlage fort, auch wenn die Sanktionen die dritte und letzte Phase zu gefährden drohen. Weder das Management von Arctic LNG 2 noch Novatek reagierten auf die Anfragen von Bloomberg nach einer Stellungnahme. In einer von Novatek am 10. September herausgegebenen Pressemitteilung wurde bestritten, dass das Unternehmen am Aufbau oder der Verwaltung der dunklen Flotte beteiligt ist, und derartige Andeutungen als „unwahr“ bezeichnet.

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bbg
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