Gipfel in Südafrika: Überschätzt das Brics-Bündnis nicht!

Erinnern Sie sich noch an den 24. Juni 2022? An dem Tag fand der 14. Gipfel der Brics-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika statt. Wahrgenommen hat das damals kaum jemand. Ganz anders dieses Jahr: Der 15. Gipfel des Bündnisses in Südafrika wird zu einem Ereignis hochgeschrieben, das die bisherige Weltordnung aus den Angeln zu heben droht.
Um es vorwegzunehmen: Nichts dergleichen wird passieren. Der Gipfel wird viele Bilder produzieren, denn anders als im Vorjahr kommt das politische Führungspersonal persönlich zusammen. Eine Ausnahme bildet Russlands Präsident Wladimir Putin, der sich per Video zuschalten lässt, aus Angst, Südafrika könnte einen Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof vollstrecken. Der Haftbefehl gegen Putin war es auch, der dem diesjährigen Gipfel zunächst mehr Aufmerksamkeit verschafft hat.
Zugegeben, die fünf Staaten, die in Südafrika debattieren, haben durch ihre Wirtschaftskraft Gewicht: Gemeinsam stellen sie ein gutes Viertel der Weltwirtschaft. Gleichzeitig gehen der westlichen Weltordnung die Freunde aus. Die Sanktionen des Westens gegen Russland werden von Ländern wie Brasilien und Indien nicht mitgetragen, China unterstützt Russland gar in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Welthandelsorganisation WTO, einst Fundament für den globalen Austausch von Waren und Dienstleistungen, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst – auch weil die USA sie ramponiert hat.
Ein schlagkräftiges Bündnis mit eigenen Visionen stellen die Brics allerdings nicht dar. Dazu ist die Schnittmenge ihrer Interessen zu gering. Die gemeinsame Abneigung gegen die westliche Weltordnung reicht nicht aus, um einen Gegenentwurf zu schaffen. Jeder, der weiß, wie schwierig die Kompromissfindung in der Europäischen Union ist, ahnt, wie gering die konkreten Ergebnisse jenseits von symbolischen Gesten dieses Gipfels in Südafrika sein werden.
Der Westen sollte nüchtern auf dieses Treffen schauen und sich strategische Partner suchen. Berlin und Brüssel haben seit Russlands Angriff auf die Ukraine vermehrt den Kontakt nach Brasilien und Indien gesucht. Das ist richtig und verlangt Ausdauer. Von einem Gipfel im Sommerloch sollte sich niemand ablenken lassen.
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