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GipfeltreffenPutins To-do-Liste in Indien

Der indische Premier Modi empfängt den russischen Machthaber Putin in Neu-Delhi. Putin sucht in Indien vor allem eins: Rückhalt.Angelika Melcher 05.12.2025 - 13:20 Uhr
Der russische Präsident Wladimir Putin und der indische Premierminister Narendra Modi in Neu-Delhi Foto: AP

Für Russlands Präsidenten Wladimir Putin sind Auslandsreisen selten geworden. Nun ist er erstmals seit Beginn des Ukraine-Kriegs vor dreieinhalb Jahren zu einem zweitägigen Staatsbesuch nach Indien gereist – in ein Land, das sich zu einem der wichtigsten wirtschaftlichen Rettungsanker Moskaus entwickelt hat. Hier haben Putin und der indische Premierminister Narendra Modi eine Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen ihren beiden Ländern vereinbart.

Putins Besuch fällt in eine heikle geopolitische Phase, in der die USA auf ein Friedensabkommen drängen, das Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine beenden soll. Putin war zuletzt 2021 in Indien. Modi war im vergangenen Jahr in Moskau.

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1. Das Ungleichgewicht der Handelsbeziehungen abbauen

Bei dem Treffen haben Putin und Modi die Ausweitung des Handels zwischen Indien und Russland vereinbart. Gemeinsam habe man ein Programm ausgearbeitet, das zur Diversifizierung der bilateralen Geschäftsbeziehungen beitragen und das jährliche Handelsvolumen bis 2030 auf 100 Milliarden Dollar (knapp 86 Milliarden Euro) steigern solle, verkündeten Putin und Modi nach den Gesprächen in Neu-Delhi.

Die Handelsbeziehungen zwischen Indien und Russland gelten als stark asymmetrisch. Russland importiert sehr wenig aus Indien, der Anteil liegt unter zwei Prozent. „Das spielt eigentlich überhaupt keine Rolle“, sagt der Ökonom Holger Görg, Direktor des Forschungszentrums „Internationaler Handel und Investitionen“ am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Indien will sein großes Defizit nun durch die Förderung von Exporten ausgleichen.

„Um dieses wichtige Ziel zu erreichen, wurde ein Programm für die Entwicklung der russisch-indischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit bis 2030 vereinbart“, sagte Putin. Er erklärte, es werde an einem Freihandelsabkommen zwischen Indien und der Eurasischen Wirtschaftsunion gearbeitet, einem von Moskau dominierten Zusammenschluss mehrerer ehemaliger sowjetischer Staaten. Dies könnte zur Steigerung des Handels beitragen.

Auch Modi betonte, dass beide Länder auf einen baldigen Abschluss eines solchen Freihandelsabkommens hinarbeiten würden.

2. Russlands und Indiens Ölhandel sichern

Bei dem Treffen dürfte es auch um das wichtige Thema Öl gegangen sein. Indien ist Russlands zweitwichtigster Exportmarkt. Rund ein Viertel der russischen Ausfuhren geht nach China, etwa 16 Prozent nach Indien. Im Ölgeschäft liegt Indien sogar vorn: In kein anderes Land liefert Russland mehr Rohöl. Nach indischen Importdaten beträgt der Gesamtwert mehr als 140 Milliarden Dollar.

Weil die Europäische Union nach Kriegsbeginn ihre Käufe drastisch reduzierte, griff Indien verstärkt nach dem günstigen Rohstoff. Russlands Anteil an Indiens Ölimporten stieg so von 2,5 Prozent vor dem Krieg auf später knapp 40 Prozent.

Im November verhängten die USA Sanktionen gegen die beiden größten russischen Ölkonzerne Rosneft und Lukoil. Sie könnten Indiens Handel mit Russland deutlich erschweren. Indischen Importeuren drohen Sekundärsanktionen, sollten sie ihre Geschäfte fortsetzen.

Holger Görg sieht darin einen zentralen Grund für Putins Reise.
Indien hat bislang nicht offiziell auf die Sanktionen reagiert. Laut Görg neigt das Land traditionell nicht dazu, unter ausländischem Druck einzulenken. „Das hat auch etwas mit der Geschichte Indiens zu tun. Man ist sehr kritisch gegenüber Einflussnahmen von außen“, sagt er.

Trotzdem rechnen Analysten mit einem deutlichen Rückgang des Ölhandels. Medienberichten zufolge erwarten Brancheninsider, dass die Lieferungen von knapp 1,9 Millionen Barrel pro Tag im November auf etwa 600.000 Barrel sinken könnten.

Das hätte für Russland gravierende Folgen. Das Land finanziert seinen Krieg gegen die Ukraine maßgeblich durch den Export fossiler Rohstoffe. Nach Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) erzielte Russland allein im vergangenen Jahr 192 Milliarden Dollar mit Rohöl und Ölprodukten. „Wenn Indien wegfällt oder die Nachfrage stark sinkt, wäre das ein weiterer Schlag für die russische Wirtschaft“, sagt Görg. Putin sei sich dessen bewusst: „Deswegen wird er versuchen, die Wogen zu glätten, damit Modi nicht vor den USA einknickt.“

3. Rüstungsprojekte vertiefen

Indischen Medien zufolge plant Neu-Delhi den Kauf von fünf weiteren Staffeln des russischen Luftabwehrsystems S-400. Auch der Erwerb russischer Kampfflugzeuge steht zur Debatte. Russland war jahrzehntelang Indiens wichtigster Waffenlieferant.

Nach Daten des Friedensforschungsinstituts Sipri importierte Indien zwischen 2020 und 2024 rund 36 Prozent seiner Rüstungsgüter aus Russland – zuvor waren es 58 Prozent gewesen. Sipri zufolge orientiert sich Indien inzwischen stärker an westlichen Lieferanten, vor allem an Frankreich und Israel. „Putin dürfte daran interessiert sein, dass es nicht noch weniger wird“, sagt Görg.

4. Politische Ziele

Neben wirtschaftlichen Interessen verfolgt Putin laut Görg klare politische Absichten. Indien hat sich im Ukraine-Krieg nicht fest positioniert. Unter Premier Modi verurteilte Indien das russische Vorgehen zwar nicht, betonte aber wiederholt die Notwendigkeit einer friedlichen Lösung. „Putin wird versuchen, Indien in der jetzigen Neutralität zu halten – oder näher an Russland heranzuziehen“, sagt Görg.

Zugleich gehe es Putin auch um Symbolik: „Er will zeigen: Ich bin wieder jemand, ich werde empfangen, ich kann reisen. Das ist eine Signalwirkung.“

Wie verlässlich ist Putin für Indien? Görg bleibt zurückhaltend: „Die Frage ist eher: Wen kann man heute überhaupt als verlässlichen Partner sehen? Putin ist das nicht wirklich.“

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