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Kunststoffabfall Plastik-Verpackungen in Japan: Doppelt hält besser

Kunststoffburger in Plastikfolie: Viele Restaurants in Japan bilden ihre Gerichte originalgetreu in PVC-Plastik nach. Quelle: imago images

Während viele Länder Plastikverpackungen den Kampf ansagen, bleibt Japan der zweitgrößte Verbraucher der Welt. Das Gegensteuern fällt schwer – wohl auch, weil japanische Firmen zu den größten Plastikproduzenten gehören.

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Als sich der japanische Umweltminister Shinjiro Koizumi nach seiner Ernennung im September der ausländischen Presse stellte, stand neben den Mikrofonen auf seinem Tisch eine Glaskaraffe mit Wasser statt einer PET-Trinkflasche. „Die Kritik an Japan wegen unseres Plastikverbrauchs ist falsch“, beschwerte sich der junge Minister und zeigte auf die Karaffe. „Europa recycelt nur 20 Prozent und Amerika nur 40 Prozent aller PET-Flaschen, aber in Japan sind es 85 Prozent. Bitte vergessen Sie das nicht.“

Doch diese positive Zahl kann das düstere Gesamtbild kaum aufhellen. Denn Japan liebt Kunststoff über alles. Obst und Gemüse liegen einzeln in durchsichtige Folie verpackt im Supermarkt, Schaumstoffnetze rund um empfindliche Waren wie Pfirsiche verhindern Druckstellen. Die Kassierer stecken alle gekühlten oder flüssigen Produkte in eine dünne, passend große Extratüte, damit auslaufende oder kondensierte Feuchtigkeit die anderen Einkaufswaren nicht benetzen kann.

Viele Supermärkte bereiten in eigenen Küchen Lebensmittel frisch zu und verkaufen täglich Hunderte von Fertiggerichten in hitzebeständigen Kunststoffbehältern. Bei Regen stehen am Eingang von Kaufhäusern und Supermärkten Vorrichtungen, damit die Kunden ihren nassen Schirm in eine dünne Plastikhülle schieben können. So bleibt der Ladenboden trocken – doch beim Rausgehen wirft man den Tropfschutz gleich wieder weg.

Die Liebe zum Plastik hängt möglicherweise mit einem speziellen Empfinden von Schönheit und Sauberkeit in Japan zusammen. „Das japanische Wort kirei bedeutet gleichzeitig sauber und schön, der glatte Kunststoff ruft ein Wohlgefühl hervor“, erzählt ein deutscher Manager, der lange in Japan arbeitet. Viele Restaurants in Japan bilden ihre attraktivsten Gerichte originalgetreu in PVC-Plastik nach und stellen sie ins Schaufenster, damit potenziellen Kunden das Wasser im Munde zusammenläuft.

Unterm Strich entstehen in Japan so jährlich neun Millionen Tonnen Plastikabfall, 71 Kilogramm pro Einwohner, davon 40 Prozent Verpackungen. Laut UN-Umweltprogramm generiert Japan pro Kopf gerechnet nach den USA weltweit den meisten Kunststoffabfall. Der Forscher Sadao Harada der Universität Osaka hat einen Jahreskonsum eines Japaners allein an Plastiktüten von 240 Stück errechnet, das wären 30 Milliarden im Jahr. Trotz der hohen Sauberkeit in den Städten finden viele davon ihren Weg in die Umwelt. Drei Millionen Tüten lägen schon auf dem Meeresboden in der Bucht von Osaka, schätzt Harada.

Lange Zeit redete sich die japanische Politik mit der hohen Recyclingquote von 86 Prozent heraus, nur acht Prozent des Kunststoffabfalls werden offiziell verbrannt und der geringe Rest deponiert. In der Tat: Alle japanischen Haushalte trennen konsequent Kunststoffe von anderen Abfällen, weit mehr als im deutschen Gelben Sack. Wegen seiner angeblich vorbildlichen Wiederverwertung hat Japan auch die „Ozean-Plastik-Charta“ für die Verringerung von Einmal-Plastikverpackungen nicht unterschrieben, die der G7-Gipfel in Kanada im Juni 2018 auf den Weg brachte.

Eine Kundin am Gemüseregal eines japanischen Supermarkts. Alles ist in Plastik verpackt. Quelle: imago images

Jedoch dachte die Regierung bei ihrer Weigerung wohl auch daran, dass japanische Unternehmen zu den ganz großen Kunststoffproduzenten der Welt gehören. „Plastik ist eine der großen Erfindungen des 20. Jahrhunderts“, stemmte sich Premierminister Shinzo Abe im Oktober gegen die Verteufelung von Kunststoffverpackungen. Aus Sorge um das wirtschaftliche Wachstum setzt er auf Wiederverwerten statt auf Vermeiden. „Wir brauchen ein gutes Abfallmanagement und Innovationen für Lösungen“, sagte Abe abwehrend.

Doch die beeindruckend hohe Wiederverwertungsquote führt in die Irre. In Wirklichkeit werden 58 Prozent des Plastiks „thermisch wiederverwertet“, also zur Stromerzeugung verbrannt. 14 Prozent des Kunststoffabfalls exportiert Japan in andere Länder und nur 13 Prozent bereitet man im eigenen Land wieder auf. Erst nachdem China die Importe verbot und Länder wie Malaysia begannen, den japanischen Plastikmüll containerweise zurückschickten, begann die japanische Regierung zu handeln.

Im Mai vergangenen Jahres versprach Premier Abe, die Menge an Einwegverpackungen aus Kunststoff um 25 Prozent zu reduzieren. Bis 2035 sollen 100 Prozent des verbrauchten Plastiks weiter genutzt werden, einschließlich Kunststoff in alten Haushaltsgeräten und Fahrzeugen. Der Staat nimmt auch Fördergelder in die Hand, um kompostierbare Kunststoffe zu entwickeln. Aber Greenpeace Japan ließ sich davon nicht beeindrucken: „Das Ziel von 25 Prozent weniger Plastik ist vage und kommt ohne Vergleichsjahr“, meint Hiroaki Odachi vom Plastikprojekt der Umweltschutzorganisation in Japan.

Dreifach verpackt: Trauben und Pfirsiche werden an einem Stand in einem Schaumstoffnetz in einer Schale, die wiederum mit Folie umwickelt ist, feilgeboten. Quelle: imago images

Auch eine zweite Maßnahme wirkt eher halbherzig: Ab Juli müssen alle Geschäfte für jede Plastiktüte eine Gebühr verlangen. Nur Reinigungen und andere Serviceanbieter dürfen ihre Tüten noch umsonst abgeben. Die Gebühr sollen die Geschäfte selbst bestimmen, aber es braucht nur 1 Yen zu sein, das ist weniger als 1 Eurocent. Ausgenommen sind Tüten aus biologisch abbaubarem Kunststoff, wie sie der größte Tütenhersteller Fukusuke Kogyo ab Juli auf den Markt bringen wird. Allerdings kosten sie in der Herstellung das Sieben- bis Zehnfache. Ohnehin machen Tüten nur zwei Prozent des japanischen Plastikverbrauchs aus.

Während die Regierung also weiter auf die Bremse tritt, geben viele Einzelhändler Gas: Sie haben den Kampf gegen Plastik als Werbechance für ihre Dienste und Produkte entdeckt. Nestlé Japan verpackt mehrere Kitkat-Schokoriegel neuerdings in einer Papiertüte. Doch dabei bleibt jeder Schokoriegel in der Tüte einzeln in Kunststoff gehüllt. Starbucks verzichtet seit Januar in den 1500 Filialen in Japan öffentlichkeitswirksam auf Strohhalme aus Plastik – aber Becher und Deckel bleiben aus Kunststoff. Manche Kunden vermissen schon die gewohnte Bequemlichkeit. „Wiederverwendbare Halme sind eine gute Idee, aber wer trägt so etwas mit sich herum“, kommentiert eine Hausfrau, die mit ihrer Freundin in einem Café sitzt.

Skylark, ein Betreiber von zwei großen Restaurantketten, benutzt seit Kurzem keine Container und kein Besteck aus Plastik für Essen zum Mitnehmen mehr. Strohhalme bekommen die Gäste nur noch auf Wunsch. Die kompostierbaren Saugröhrchen sind aus Maisstärke oder Holz, auch Schalen und kleine Teller aus Bambus- und Zuckerrohrfasern sind inzwischen auf dem Markt. Die größte Minisupermarktkette 7-Eleven wickelt Onigiri-Reisbällchen, das Pendant zum deutschen Butterbrot, neuerdings in Bioplastikfolie ein – aber wie hoch der Biokunststoffanteil darin ist, will der Supermarktbetreiber nicht verraten.

Professor Hideshige Takada von der Universität Tokio begrüßt den Trend trotzdem: „Die vermiedene Abfallmenge ist zwar gering, aber das Bewusstsein für dieses Problem steigt“, meint der Experte für Umweltverschmutzung. Auch Umweltminister Koizumi setzt gerne auf symbolische Schritte. Seit Dezember dürfen die Geschäfte im Untergrund seines Ministeriums an ihre Kunden keine Plastiktüten mehr ausgeben. Das erspart der Umwelt 860.000 Tüten im Jahr oder 2300 am Tag. Immerhin.

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