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Plastikverbot Chinas Kriegserklärung an die Plastikmüll-Lawine

Bis Ende 2017 war China noch der weltgrößte Importeur von Müll. Doch die Zeiten sind vorbei. Quelle: imago images

Peking will gegen den massiven Verbrauch von Plastik vorgehen. Ein Bann von Strohalmen und Plastiktüten in Supermärkten wird nicht ausreichen. Vor allem Online-Händler wie Alibaba müssen ihr Verhalten ändern.

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China ohne Plastik? Noch kann man sich das nur schwer vorstellen. Das umweltschädliche Verpackungsmaterial wird in der Volksrepublik noch viel verschwenderischer eingesetzt als in Deutschland. Wer morgens in Peking beim Straßenhändler sein Frühstück kauft, bekommt jedes Dampfbrötchen einzeln in eine Plastiktüte verpackt. In den Getränkeabteilungen von Supermärkten gibt es viel mehr Plastik- als Glasflaschen. Kostenlose Plastik-Zahnbürsten und Kämme gehören in chinesischen Hotels zur Grundausstattung.

Peking hat nun entschieden, dieser Schwemme einen Riegel vorzuschieben. Ähnlich wie in der EU sollen auch in China Plastik-Verbote greifen. Ab Ende 2020 dürfen laut der neuen Richtlinie keine Plastiktüten mehr herausgegeben werden, die nicht biologisch abbaubar sind. Die Regel wird ab kommendem Jahr zuerst in Großstädten gelten und ab 2022 landesweit. Auch Einweg-Strohhalme in Bars und Restaurants will die Regierung verbieten. Nach dem Plan dürften gastronomische Betriebe bald zudem kein Plastikbesteck mehr einsetzen. In Hotels sollen Einweg-Plastikprodukte verringert werden.

Umweltschützer begrüßen die geplanten Maßnahmen. Allerdings kritisiert etwa die Umweltorganisation Greenpeace, dass die neuen Regeln noch „zu schwammig“ formuliert seien. Auch werden Erinnerungen an das Jahr 2008 wach: Schon damals ging China erstmals mit einer großen Kampagne gegen Plastik vor und setzte ein Verbot von kostenlosen Plastiktüten in Kraft. Allerdings zeigten Untersuchungen, dass der Verbrauch von Plastik im Land anschließend weiter stieg. Das lag zum einen an den nur laschen Kontrollen.

Zum anderen hat sich der Verbrauch von Verpackungen vervielfacht seit es in chinesischen Großstädten zum Alltag gehört, Essen und Einkäufe im Internet zu ordern. Größter Treiber für die explosive Verbreitung von Plastik ist Chinas boomender Online-Handel. Allein in den vergangenen drei Jahren stieg die Zahl der in China verschickten Pakete von rund 20 auf 63,5 Milliarden jährlich. Laut einem Greenpeace-Bericht waren Verpackungsabfälle 2018 für 93 Prozent des Müllwachstums in China verantwortlich.

Problematisch sind Lieferungen von Online-Händlern wie Alibaba und JD.com, weil Pakete in der Regel nicht nur in Kartons verpackt, sondern fast jede Lieferung zusätzlich in Tüten oder in Plastik eingewickelt wird. Die Händler wollen so sicher gehen, dass Waren nicht wegen möglicher Wasserschäden durch Regen reklamiert werden. Noch plastiklastiger sind Essenslieferungen. Dass Mahlzeiten Online bestellt werden, ist in chinesischen Großstädten noch viel verbreiteter als in Deutschland. In Peking sind täglich tausende Lieferanten auf ihren Rollern unterwegs, um Essen auszuliefern. Allein der Anbieter Meituan-Dianping lieferte in den ersten neun Monaten 2019 landesweit 6,4 Milliarden Bestellungen aus. Und Restaurants setzen auch hier fast ausschließlich auf Plastik als Verpackungsmaterial.

Ob Pekings Kampf gegen Plastik Früchte tragen kann, wird also vor allem davon abhängen, ob es gelingt, die Lieferdienste an Bord zu holen. Kritik wird auch an der Idee laut, normales Plastik zu verbieten, aber so genanntes Bio-Plastik nicht. Dabei handelt es sich zwar oft um Kunststoffe, die mit einem speziellen Verfahren kompostierbar sein sollen, jedoch längst nicht in jeder Umgebung.

Die neuen Maßnahmen verdeutlichen aber zumindest, dass der Kampf gegen Umweltprobleme in China einen immer höheren Stellenwert gewinnt. Peking beschloss in den vergangenen sechs Jahren Maßnahmen gegen den Smog in den Großstädten und die verseuchten Flüsse des Landes. Tatsächlich stellen sich hier erste Erfolge ein. Nun rückt zunehmend das Müllprobleme in den Fokus.

Vor allem in wohlhabenden Städten Chinas, in Peking, Guangzhou und Shenzhen, wachsen die Müllberge seit Jahren und die Deponien stoßen an ihre Grenzen. Chinas Mittelschicht wird größer und mit ihr der Konsum. Wegwerfverpackungen sind ein fester Bestandteil im Leben von hunderten Millionen von Chinesen, was drastische Konsequenzen für das tägliche Müllaufkommen hat. Laut Chinas Nationalem Statistikamt produzierte das Land 2017 215 Millionen Tonnen Abfall. Nur die USA schnitten mit 238 Millionen Tonnen noch schlechter ab.

Anders als in Europa und den USA, steckt Recycling in China allerdings noch in den Kinderschuhen. In Peking ist es auch heute noch ganz normal, dass sämtliche Abfälle in der gleichen Tonne landen. Stattdessen ziehen Müllsammler durch die Wohngebiete, die sich Pappe, Plastikflaschen und andere Wertstoffe zusammensuchen und sie verkaufen. Shanghai ist in dieser Hinsicht schon weiter. Dort läuft seit vergangenem Jahr eine große Kampagne, die den Menschen die Mülltrennung beibringt. Seit Monaten erklärt die Stadtverwaltung der Bevölkerung intensiv die neuen Müll-Kategorien.

Bis Ende 2020 sollen in 46 Städten ähnliche Regeln gelten und 35 Prozent der Abfälle recycelt werden.

Dass China Maßnahmen gegen sein Abfall-Problem ergreift, hat bereits seit geraumer Zeit auch Auswirkungen auch auf Deutschland: Bis Ende 2017 war China noch der weltgrößte Importeur von Müll. Doch die Zeiten, in denen riesige Frachtschiffe beladen mit Schrott die Volksrepublik erreichen, sind vorbei. Seit Anfang 2018 hat China die Einfuhr von stark verschmutztem Hausmüll verboten. Konkret stehen Plastikmüll, Textilreste, Papier und Schlacke aus der Stahlproduktion auf der schwarzen Liste der Regierung. Vor allem die USA, Japan und Europa haben den Chinesen bislang gerne ihren Abfall überlassen. Die wiederum recycelten einen Teil davon, fanden sie darin doch nützliche Wertstoffe. Der Rest landete auf Mülldeponien oder wurde verbrannt.

Allein 2017 Jahr hat die Volksrepublik noch rund 7,3 Millionen Tonnen Plastikmüll im Wert von 3,7 Milliarden Dollar eingeführt. Das entsprach damals 56 Prozent der weltweiten Einfuhren. Laut Umweltbundesamt hat Deutschland 2014 über 1,12 Millionen Tonnen Müll nach China exportiert, davon 1225 Tonnen Sondermüll. Japan und die USA exportieren den meisten Plastikmüll und das meiste Altpapier.

Inzwischen hat die chinesische Regierung aber erkannt, dass der Import von Müll und Schrott keineswegs nur lukrativ ist, sondern auch Schäden hinterlässt. Zusammen mit dem eigenen in China produzierte Müll, kommen viele Recycelanlagen nicht hinterher. Chinas Kriegserklärung an die Plastikmüll-Lawine kommt definitiv nicht zu früh.

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