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„Natürlich sind wir Populisten“ Radikale Änderungen – Regierungschef Conte sagt illegaler Migration den Kampf an

Giuseppe Conte hat in Rom sein Programm vorgestellt. Doch außer beim Thema Russland-Sanktionen häuft er nur Gemeinplätze an. Kein Wort zum Euro.

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Italien: Regierungschef Conte verliert kein Wort zum Euro Quelle: AP

Rom „Wir müssen den Bürgern und ihren Bedürfnissen konkrete Antworten geben“, so begann der neue Premier in Italien seine erste Rede im Parlament. Und dann sprengte der Politik-Neuling Giuseppe Conte jedes Zeitmaß und las mehr als eine Stunde lang sein Programm vor. Und das strotzte nur so vor Gemeinplätzen. „Wir wollen eine radikalen Wandel, und darauf sind wir stolz“, sagte Conte.

Rechts und links neben ihm im Senat saßen die Parteichefs Luigi Di Maio von der Bewegung 5 Sterne und Matteo Salvini von der Lega, der eine twitternd, der andere grinsend. Sie sind beide Vizepremiers der Koalitionsregierung. Gemeinsam wirkte das Trio wie bei einem Examen: die beiden passten auf, dass der Mann in der Mitte auch alles richtig und in ihrem Sinn machte.

Konkrete Antworten gab es allerdings nicht. Zahlen nannte der neue italienische Regierungschef keine einzige, die Deckung der geplanten Ausgaben der neuen Regierung bleibt weiter ungeklärt. Das Wort Euro kam kein einziges Mal vor. Conte zählte nach und nach die Politikfelder auf, denen sich die beiden unterschiedlichen Partner in ihrem Koalitionsvertrag annehmen: Steuern, Arbeit, Grundeinkommen, Flüchtlingspolitik, Einschnitte bei Privilegien und Zahlungen für Politiker, Interessenskonflikt, Gesundheitspolitik, Sicherheit, Finanzen.

„Ich habe von Anfang an die Ziele mitgetragen, die im Koalitionsvertrag niedergeschrieben sind“, sagte Conte. Die Opposition wirft ihm vor, nur das ausführende Organ Di Maios und Salvinis zu sein, die beide Premier werden wollten und sich nicht einigen konnten.

Das Thema Europa kam erst nach einer halben Stunde dran. Das war bei seinen Amtsvorgängern Letta, Renzi und Gentiloni anders gewesen. Italien stehe zur Zugehörigkeit zur Nato, und die USA seien ein privilegierter Partner, sagte Conte. Aber dann: „Wir werden uns in Europa für eine Öffnung nach Russland einsetzen und die Initiative ergreifen, dass das System der Sanktionen einer Revision unterzogen wird.“ Italien ist ein enger Handelspartner von Russland. Das energieabhängige Land bezieht einen großen Teil seines Bedarfs an Erdöl und Erdgas aus Russland. Präsident Putin hatte Lega-Chef Matteo Salvini als einer der ersten zum Wahlsieg gratuliert.

Lang und breit sprach Conte über die beiden Wahlversprechen Grundeinkommen und Flat Tax, die jetzt umgesetzt werden sollen. Die „Exzesse der Bürokratie“ müssten bekämpft werden, mit einem anderen Steuersystem werde Wachstum generiert. Aber: Zunächst werde die Regierung die Ausstattung der Jobcenter erhöhen, um Angebot und Nachfrage für offene Stellen effizienter und schneller zu machen. Dann, in einer zweiten Phase, werde Geld ausgezahlt. Das ist kein Grundeinkommen und klang im Wahlkampf anders. Conte sprach stattdessen von der Einführung eines Mindestlohns.

Und auch bei der Steuerreform kamen die ersten Einschränkungen: „Wir werden das Abgabensystem für Familien und Unternehmen durchleuchten“, sagte Conte und dass Steuerhinterzieher künftig „tatsächlich“ ins Gefängnis müssten. Der Finanzexperte der Lega, Alberto Bagnai, hatte zuvor bereits angekündigt, die neue Steuer werde erst bei Unternehmen angewendet und dann im kommenden Jahr für Familien gelten. Wieder ohne Zahlen zu nennen.

„Natürlich sind wir Populisten“, sagte Conte, ohne das Gesicht zu verziehen, „und zwar dann, wenn Populismus heißt, auf die Bedürfnisse der Leute zu hören.“

Das klang beim Thema Flüchtlinge so: „Der Umgang mit den Flüchtlingsströmen bisher war ein reines Scheitern, denn Europa es zugelassen, dass viele Staaten egoistisch ihre Grenzen geschlossen haben und alle Lasten und Schwierigkeiten vor allem auf unser Land abgeladen haben.“ Deshalb fordere Italien, dass das Abkommen von Dublin überholt werde, um eine gleichwertige Verteilung von Verantwortlichkeiten zu erreichen und automatische Systeme für eine obligatorische Verteilung der Asylsuchenden zu realisieren. Außerdem müsse das „unter dem Deckmantel einer falschen Solidarität“ gewachsene Geschäft mit den Flüchtlingen beendet werden. „Wir sind und werden nie Rassisten sein“, auch das sagte Giuseppe Conte noch.

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