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Peter Altmaier, Thea Dorn, Thomas Ostermeier "Die Welt macht uns schwindlig"

Seite 2/5

"Nichts ist schlimmer als ein Politiker, der nichts will."

Das wäre Machtlosigkeit.

Altmaier: Aber nein! Nur ein Beispiel: Die Umweltschutzbewegung kam aus der Mitte der Gesellschaft. Es waren Bürger, die die Politik in den Achtzigerjahren gezwungen haben, dieses Thema auf ihre Agenda zu setzen. Wie wir heute sehen: sehr erfolgreich. Das ist die ewige Spannung, in der wir Politiker uns bewegen: Wir müssen Überzeugungen haben und sollen sie durchsetzen. Nichts ist schlimmer als ein Politiker, der nichts will. Aber wir dürfen nie das Ohr und das Gespür für die Vorstellungen der Bürger verlieren.

Klingt fast so, als seien Sie ein Getriebener, kein Bestimmer.

Altmaier: Beides. Nur ein Beispiel: Die Umwälzung aller Lebensbereiche durch digitale Technologie lässt sich nicht staatlich aufhalten. Sie bedarf aber politischen Handelns, um daraus für unser Land eine positive Geschichte werden zu lassen.

Dorn: Dann sollten wir jetzt bitte über Artikel 20 unseres Grundgesetzes sprechen: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Üblicherweise verstehen wir das heute als Auftrag, alle paar Jahre Parteien zu wählen und abzuwählen. Allerdings bekomme ich mehr und mehr den Eindruck, dass der Satz von Politikern ganz anders interpretiert wird. Statt eigener Überzeugungen regiert die Demoskopie. Politiker werden nicht mehr für klar formulierte Vorhaben gewählt und danach bewertet, ob sie diese dann auch durchziehen – vielmehr lassen sie sich permanent Stimmungsbilder liefern, an denen sie sich orientieren – und gemäß denen sie entscheiden. Der innere Kompass weicht einem Umfragegehorsam.

Ostermeier: Sie glauben wirklich dran, oder?

Dorn: An den Satz aus unserer Verfassung? Ich halte ihn hoch, das ja.

Ostermeier: Dass er so im Grundgesetz verewigt ist, gefällt mir auch. Was ich meine, ist: Glauben Sie an seine Wahrheit?

Dorn: Ich verteidige die doppelte Aufforderung, die in ihm liegt: an uns Staatsbürger, unser Wahlrecht auszuüben und uns öffentlich einzumischen. Und an die Politiker, die an sie delegierte Staatsgewalt zu nutzen – mit Haltung. Konkret: Der wiederbeschleunigte Atomausstieg nach Fukushima war keine seriöse Politik, sondern eine Panikreaktion auf antizipierte Bürgerstimmung.

Altmaier: Panik? Es wäre unseriös gewesen, nichts zu ändern. Weil die Risikobewertungen aller Experten von der Wirklichkeit ad absurdum geführt wurden, konnten wir nicht die Hände in den Schoß legen. Davon abgesehen, fallen mir viele Beispiele ein, in denen Regierungen sich gegen das gestellt haben, was sie als Stimmungsbilderpolitik gescholten haben.

Dorn: Welche denn?

Altmaier: Die Einführung des Euro und die Abschaffung der D-Mark. Die mutige Agenda 2010. Und auch bei der Flüchtlingskrise war die demoskopische Lage wahrlich nicht immer aufseiten der Bundeskanzlerin. Trotzdem hat sie getan, was sie für richtig hielt.

Ostermeier: Ich habe Ihnen, Herr Altmaier, sehr aufmerksam zugehört, und ich bin wirklich erstaunt. Dieser alte Sponti-Satz „Die Macht liegt auf der Straße“ ist vielleicht doch näher dran an der Wahrheit, als ich je zu hoffen wagte. Mir schien es bisher immer so, dass wir eine kapitalistische Wirtschaftsordnung haben, in der eine eigene Klasse, geformt aus Geldinteressen, regiert. Deshalb: Alle Macht geht vom Volke aus? Ich hör es wohl. Allein mir fehlt der Glaube.

Dorn: Aber was gilt denn stattdessen? Alle Macht geht vom Kapital aus? Da bin ich mehr als skeptisch.

Altmaier: Und ich erst.

Dorn: (lacht) Sonst hätte ich jetzt auch den letzten Glauben an die CDU verloren.

Altmaier: Schon mit dem Begriff der Klasse kann ich so gar nichts anfangen …

Ostermeier: … halt! Nur damit das klar ist: Mir geht es um Analyse, nicht darum, einen real existierenden Marxismus herbeizureden …

Altmaier: … na immerhin. Aber schauen Sie sich doch um: Die soziale Marktwirtschaft, die Mitbestimmung – das ist nichts anderes als die Zähmung von Kapitalinteressen.

Wollen Sie die herrschenden Verhältnisse nicht mit Ihrer Theaterkunst erschüttern, Herr Ostermeier?

Ostermeier: Ich bin nicht naiv. Die Welt ändert sich nicht durch den zarten Hauch eines Theaterabends. Mein größtes Anliegen ist, meine eigenen Widersprüche in dieser Welt zu thematisieren und zu verarbeiten. Aus keiner Theateraufführung ist je eine Revolution erwachsen.

Dorn: Das wäre auch vermessen und unstatthaft. Was uns obliegt, ist die richtigen Fragen zu stellen.

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