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Tauchsieder
Die Twitter-Diplomatie des Donald Trump. Quelle: imago

Der Kriegs-Schau-Spieler

US-Präsident Donald Trump begreift sich als Titelheld einer Fox-News-Soap über US-Präsident Donald Trump – und will darin vor allem sich selbst gefallen. Über Simulation als Staatsräson im Weißen Haus.

Donald Trump und die Realität werden keine Freunde mehr. Der Autor Georg Seeßlen hat uns den US-Präsidenten bereits kurz nach seiner Wahl vor anderthalb Jahren als Produkt der Kulturindustrie vorgestellt: als B-Version amerikanischer Comic-, Western- und Superhelden, als Karikatur des „Sugardaddy“ und „Selfmademan“, als Remake von Batman und des Paten, kurz – als semireale Kunstfigur des popkulturellen Entertainments. 

Die Wahrheit ist: Seeßlen hat untertrieben. Das Problem ist nicht, dass Trump geprägt wäre von der Kulturindustrie – weshalb er seiner Mitwelt als ihr Produkt erscheint. Das Problem ist vielmehr, dass die Mitwelt Trump als Produkt der Kulturindustrie erscheint – weshalb sich der 45. US-Präsident als Titelheld einer Fox-News-Soap über den 45. US-Präsidenten begreift. Und darin will er vor allem sich selbst gefallen. Mit dem paradoxen Effekt, dass Trump der Realität tatsächlich enthoben ist: Er sieht übers Breaking-News-Fernsehen im Weißen Haus dem Präsidenten im Weißen Haus bei der Bearbeitung von Breaking News im Weißen Haus zu – und steuert das laufende Programm zuweilen mit dem Joystick des modernen Game-Politikers, dem Twitter-Account. 

Anders gesagt: Man hat sich die Politik des amerikanischen Präsidenten gegenwärtig als Simulation eines teenagerhaften Superhelden in einem newsbasierten Videospiel mit Selbststeuerungsfunktion vorzustellen. „Get ready Russia“, weil „missiles“ are „coming, nice and new and ´smart!`“ – so nebenbei hört sich in Trumps White-House-Game anno 2018 eine Kriegserklärung an – denn hey, was soll’s, es geht ums Gewinnen, und ein Level später muss man sich vielleicht schon mal wegducken, um Sieger zu sein: „Never said when an attack on Syria would take place. Could be very soon or not so soon at all.“ So oder so: I have „done a great job“.  

Vielleicht sollte man doch nochmal Jean Baudrillards „Requiem für die Medien“ (1972) lesen? Der stets apodiktisch argumentierende französische Philosoph hat sich unmöglich gemacht, seit er die Anschläge in New York (2001) als Versuch der Terroristen wertete, mit einem „reinen Ereignis“ den Zirkel einer medial simulierten Welt zu durchbrechen. Doch seine schlaue Deutung der Massenmedien als Instrumente der Nicht-Kommunikation bleibt davon unberührt. Weil ihnen das Prinzip Wechselseitigkeit in der Beziehung zwischen Sender und Empfänger nicht eingeschrieben sei, so Baudrillard, schlössen Massenmedien demokratische Austauschprozesse – über den Inhalt von Botschaften, Nachrichten, Informationen – kategorisch aus. Beim Fernsehen etwa handele es sich um ein Medium, so Baudrillard, das eine „Antwort für immer versagt“, das sicherstellt, „dass die Leute nicht mehr miteinander reden, endgültig isoliert“ sind. 

Bekanntlich haben junge Zeitgeist-Apostel der „Neuen Medien“ Teile dieses Theoriefadens begierig aufgelesen, falsch verknüpft – und dummdreist zu einer großen, aufklärerischen Emanzipationserzählung verstrickt: Das Internet mit seinen Foren und Interaktivkanälen arbeite der Demokratisierung der Information entgegen und weise den Journalisten endlich einen neuen Platz als Dialogpartner der Leser und Zuschauer zu. Glücklich vorbei die Zeit für die Türsteher von Nachrichten, der vorgefilterten Auskunft, der dünkelhaft beherrschten Volksmeinung!  

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Dabei ließ sich schon vor zehn Jahren ahnen, dass die Herabwürdigung von nachrichtlicher Hierarchie und beruflicher Qualifikation (zugleich) einhergeht mit der Egalisierung von bedeutenden und unbedeutenden Ereignissen - und mit einer Erosion gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozesse (eine Öffentlichkeit) zugunsten von egoemotional aufgeladenen Echokammern zur Vorurteilspflege (viele Öffentlichkeiten).

Jeder weiß, wem die naiven Tech-Pazifisten damit letztlich in die Hände gespielt haben: Populisten und Putinisten, die ein politisches Interesse daran haben, „Wahrheit“ nicht intersubjektiv zu ermitteln, sondern als „alternative Lesart“ zirkulieren zu lassen.

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