„Tiefpunkt für die WTO“: Welthandelsorganisation steht führungslos in der Krise
Roberto Azevedo tritt heute von seinem Posten als WTO-Generaldirektor zurück.
Foto: REUTERSDie Welthandelsorganisation (WTO) steht inmitten der größten Krise ihrer 25-jährigen Geschichte führungslos da. Ihr bisheriger Generaldirektor Roberto Azevedo trat wie angekündigt am Montag zurück. Der Brasilianer wechselt zum Getränkekonzern PepsiCo. Wer seine Nachfolge antreten wird, ist nach wie vor unklar. Bislang haben sich acht Kandidaten um den Führungsposten beworben, doch will die US-Regierung einen Amerikaner ins Amt hieven. Das wiederum trifft auf den Widerstand aus China und Europa. Dadurch droht ein monatelanges Führungsvakuum – ausgerechnet zu einer Zeit mit wachsenden Handelskonflikten und -hemmnissen.
„Dies ist in der Tat ein neuer – wenn auch leider nicht unerwarteter – Tiefpunkt für die WTO“, sagte der kanadische Ökonom Rohinton Medhora, Präsident des Instituts Centre for International Governance Innovation. „Die Organisation ist seit einiger Zeit, genauer gesagt seit mehreren Jahren, richtungslos und wird nun funktional führungslos sein.“ Das Berufungsgericht der WTO, das über internationale Handelsstreitigkeiten entscheidet, ist durch die Blockade Washingtons bei der Ernennung neuer Richter ohnehin gelähmt.
Ngozi Okonjo-Iweala (66, Nigeria) werden gute Chancen eingeräumt. Die Entwicklungsökonomin mit Studium an den US-Eliteuniversitäten Harvard und MIT war insgesamt 25 Jahre bei der Weltbank, die Entwicklung in ärmeren Ländern fördert. Zweimal war sie Finanzministerin und steht der Globalen Allianz für Impfstoffe und Immunisierung (Gavi) vor.
Foto: dpaJesús Seade Kuri (73, Mexiko) war einst WTO-Botschafter Mexikos und stellvertretender WTO-Generaldirektor. Jetzt war er als Staatssekretär für Nordamerika gerade Chefunterhändler für das neue Nordamerikanische Freihandelsabkommen (USMCA). Er stellt immer sein gutes Verhältnis zum US-Handelsbeauftragten Robert Lighthizer heraus.
Foto: dpaAmina Mohamed (58, Kenia) war bis 2006 Kenias WTO-Botschafterin. Die Juristin war die erste Frau, die zeitweise als Präsidentin dem Rat der Mitgliedsländer vorstand, 2015 war sie Gastgeberin der WTO-Ministerkonferenz in Nairobi. Sie arbeitete in leitender Funktion beim UN-Umweltprogramm (UNEP), war Außenministerin und ist heute Ministerin für Sport und Kultur.
Foto: dpaYoo Myung Hee (53, Südkorea) ist Handelsministerin und war davor Diplomatin. Als Chef-Unterhändlerin hat sie unter anderem 2014 das Freihandelsabkommen mit China ausgehandelt. Als erfolgversprechend gelten die guten Beziehungen Südkoreas zur EU und zu den USA. China könnte aber eine Kandidatin aus Südkorea blockieren.
Foto: dpaAbdel-Hamid Mamdouh (67, Ägypten) war Handelsdiplomat und später Direktor einer WTO-Abteilung. Er gilt als Insider der Genfer Handelsdiplomatie, hat aber keine Erfahrung mit politischen Ämtern. Mamdouh arbeitet für die internationale Rechtsanwaltskanzlei King & Spalding und besitzt auch die schweizerische Staatsangehörigkeit.
Foto: dpaTudor Ulianovschi (37, Republik Moldau) war einst Botschafter in der Schweiz, unter anderem bei der WTO, und von 2018 bis 2019 Außenminister. Er hebt in seinem Lebenslauf hervor, dass er die moldauische Delegation beim Wirtschaftselitetreffen in Davos führte.
Foto: dpaLiam Fox (58, Großbritannien) war einst Verteidigungsminister und bis 2019 Handelsminister der konservativen Regierung. Er war ein überzeugter Verfechter des Brexits und für die neue Handelspolitik nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU zuständig.
Foto: dpaMohammad Maziad Al-Tuwaijri (53, Saudi-Arabien) war einmal Wirtschaftsminister und ist jetzt Berater des Königshofes. Er studierte Aeronautik, machte dann einen MBA-Wirtschaftsabschluss und arbeitete bei den Banken HSBC und J.P. Morgan in Saudi-Arabien.
Foto: dpaMehr zum Thema: Lesen Sie hier ein Interview mit dem Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr, über eine künftige Handelsordnung ohne Donald Trump und das Siechtum der WTO.
Foto: REUTERSEigentlich sollte ein Nachfolger Azevedos bis zum 7. November ausgewählt werden. In der Praxis könnten sich die Dinge durch die Ungewissheit vor der US-Präsidentenwahl am 3. November in den Vereinigten Staaten weiter verzögern, sagen Experten. Schwierig ist aber nicht nur die Besetzung des Chefpostens. Der Haushalt für 2021 muss bis Jahresende stehen. Auch hier könnten die USA blockieren.
US-Präsident Donald Trump hält nicht viel von der WTO. Er wirft ihr etwa vor, China nicht für unlautere Handelspraktiken zur Rechenschaft zu ziehen. Auch sieht er sein Land durch das WTO-Zollsystem benachteiligt. Trump hat sogar erwogen, aus der WTO auszusteigen.
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Um den Top-Job bei der Welthandelsorganisation tobt ein Machtkampf. Das Gerangel zeigt, dass die Organisation offenbar noch gebraucht wird – trotz Neo-Protektionismus und der Dauerangriffe von Donald Trump.