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Tunis Terroranschlag auf Museum kostete 21 Menschen das Leben

Terror in Tunis: Der Regierungschef spricht von etlichen toten und verletzten Touristen, der Präsident von „Krieg gegen den Terror“. Tunesien erlebt die blutigste Attacke seit Djerba 2002.

Nach dem blutigen Terroranschlag ist die Wut in Tunesien groß. Terroristen haben ein beliebtes Museum in Tunis gestürmt und richten dabei ein Blutbad unter Urlaubern an. Ob es ein deutsches Opfer gab, ist unklar. Quelle: AP


Einen Tag nach dem Anschlag auf ein Museum in Tunis ist der Regierung zufolge die Zahl der getöteten ausländischen Touristen auf 20 gestiegen. Einzelheiten nannte das Gesundheitsministerium am Donnerstag nicht. Bisher war von 17 Ausländern die Rede, die bei dem schwersten Anschlag in Tunesien seit mehr als einem Jahrzehnt ums Leben gekommen seien. Ihre Herkunft ist weiter nicht eindeutig geklärt. Für die Angaben der tunesischen Regierung, dass auch ein Deutscher unter den Toten ist, gab es auch am Donnerstag noch keine Bestätigung aus Berlin. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte am Mittwoch, man könne nicht ausschließen, dass unter den Opfern auch deutsche Staatsbürger seien.

Am Donnerstag erklärte das Außenministerium in London, auch eine Britin sei unter den Todesopfern. Nach Angaben der Regierungen in Rom, Tokio und Warschau vom Donnerstag starben zudem vier Italiener, drei Japaner und zwei Polen. Tunesischen Angaben zufolge kamen außerdem Urlauber aus Frankreich, Spanien, Kolumbien, Australien sowie drei Tunesier ums Leben. Wer hinter dem Anschlag steckt, ist weiter unklar. Terroristen haben am Mittwoch in Tunis eines der meistbesuchten Museen Tunesiens gestürmt, mindestens 44 Menschen seien verletzt worden.

Zwei Attentäter wurden beim Sturm auf das Nationalmuseum von Bardo getötet, nach zwei bis drei Komplizen lief die Fahndung. Die Terrormiliz Islamischer Staat zeigte sich im Internet hocherfreut über die Attacke und rief die Tunesier auf, „ihren Brüdern zu folgen“, wie Rita Katz, eine Sprecherin der Gruppe Site, mitteilte. Die Organisation beobachtet Webseiten von Extremisten und Dschihadisten weltweit. Tunesiens Präsident Beji Caid Essebsi sagte in einer Fernsehansprache, das Land befinde sich „in einem Krieg gegen den Terror“. Er fügte hinzu: „Diese barbarische Minderheitengruppe wird uns nicht ängstigen, und der Kampf gegen sie wird andauern, bis sie vernichtet ist.“

Die zehn reichsten Terrorgruppen der Welt
Platz 10: Boko HaramJahreseinkommen: 25 Millionen US-Dollar Ziele: „Die moderne Erziehung ist Sünde“ – dafür steht Boko Haram. Die islamistische Terrorgruppe, die sich mittlerweile „Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad“ nennt, will westliche Bildung in Nigeria verbieten und die Scharia einführen. Sie machte sich einen Namen, indem sie zahlreiche Christen und moderate Muslime in Nigeria ermordet hat. Im Frühjahr 2014 hatte Boko Haram über 200 Mädchen aus einer Schule entführt (Foto). Quelle: AP
Platz 9: Real IRAJahreseinkommen: 50 Millionen US-Dollar Ziele: Die Real IRA beansprucht der einzige rechtmäßige Nachfolger der „Irish Republican Army“ (IRA) zu sein. Wie ihre von 1919 bis in die 70er Jahre bestehende paramilitärische Organisation, strebt auch die neue IRA die komplette Unabhängigkeit ganz Irlands – also auch Nordirlands – von Großbritannien an. Die 1997 gegründete Gruppe zeigt sich verantwortlich für einen Bombenanschlag 1998 im nordirischen Omagh, der 29 Menschen tötete. Beim Beschuss einer Kaserne tötete die Real IRA 2009 zwei britische Soldaten. Quelle: AP
Platz 8: Al-ShabaabJahreseinkommen: 70 Millionen US-Dollar Ziele: Sie waren sogar Osama bin Laden zu hart: Bis zu dessen Tod bemühte sich die somalische Terrororganisation al-Shabaab ins Netzwerk von al-Qaida aufgenommen zu werden. Bin Laden wehrte sich dagegen, da al-Shabaab auch Muslime ermordet. Das Ziel der Gruppe ist es, einen islamischen Staat am Horn von Afrika zu errichten und sich an einem weltweiten Dschihad zu beteiligen. Sie bekämpft dafür die somalische Regierung und kontrolliert bereits Teile Südsomalias, wo sie streng nach der Scharia regiert. Das Foto zeigt Denis Allex, einer 2013 von den Terroristen getötete französische Geisel. Al-Shabaab hat bin Ladens Nachfolger Aiman az-Zawahiri die Treue geschworen und gilt seitdem als lokaler Ableger von al-Qaida. Quelle: dpa
Platz 7: Laschkar e-TaibaJahreseinkommen: 100 Millionen US-Dollar Ziele: Im Kaschmirkonflikt zwischen Indien und Pakistan mischt auch die Terrororganisation Laschkar e-Taiba mit. Sie wollen die Muslime im indischen Teil Kaschmirs befreien und einen islamischen Staat errichten. Auf ihr Konto gehen Anschläge in Mumbai 2006 und 2008 – unter anderem auf das Luxushotel Taj Mahal Palace (Foto). Quelle: REUTERS
Platz 6: Al-Qaida und seine AblegerJahreseinkommen: 150 Millionen US-Dollar Ziele: Das lose weltweite Netzwerk meist sunnitischer Islamisten will einen weltumspannenden Gottesstaat aller islamischen Länder herbeiführen. Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist al-Qaida in aller Munde. Das Foto zeigt die New Yorker Gedenkstätte. Quelle: AP
Platz 5: TalibanJahreseinkommen: 400 Millionen Euro Ziele: Die Taliban wollen ihre Macht in Afghanistan zurückerlangen, die sie nach dem Einmarsch der US-Einheiten ins Land 2003 verloren hatten. Die Islamisten verüben seit dem von Pakistan aus gezielte Anschläge gegen afghanische und internationale Truppen sowie gegen die afghanische Bevölkerung. Letztere leidet am meisten darunter: mehr als doppelt so viele Anschläge treffen die Zivilbevölkerung. Das Bild zeigt einen Anschlag vom Oktober 2014. Quelle: dpa
Platz 4: HisbollahJahreseinkommen: 500 Millionen US-Dollar Ziele: Einerseits Partei, andererseits Miliz – die schiitische Hisbollah stellt mehrere  Parlamentsabgeordnete im Libanon und war schon an mehreren libanesischen Regierungen beteiligt. Die Miliz der Hisbollah sieht sich angesichts der schwachen libanesischen Armee als die Beschützer des Libanons – vor allem vor Israel. Die Hisbollah entstand 1982, nachdem Israel das Land angegriffen hatte. Mit den USA, Kanada und Israel stufen lediglich drei Staaten die gesamte Hisbollah als terroristisch ein; die EU sieht lediglich die Miliz als Terrororganisation. Quelle: dpa

Mehrere Länder und die Vereinten Nationen verurteilten den Terroranschlag. Der Weltsicherheitsrat zeigte sich empört über die Tat, machte jedoch auch klar, dass Terrorismus Tunesien auf dem Weg zur Demokratie nicht aufhalten werde.

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe bestätigte den Tod von drei Japanern sowie drei Verletzte. Vor Reportern sagte er in Tokio, ihm sei bewusst, dass von fünf Getöteten aus Japan ausgegangen werde. Einige der Namen seien jedoch deckungsgleich.

Frankreichs Präsident François Hollande sprach von zwei toten Franzosen. Ein weiterer von insgesamt sieben Verletzten aus seinem Land befinde sich in einem ernsthaften Zustand, erklärte Hollande.

Die Attentäter stürmten am Mittwoch vor dem Bardo-Museum in militärähnlichen Uniformen und Sturmgewehren aus einem Fahrzeug. Sie schossen Touristen nieder, die aus Bussen stiegen. Anschließend nahmen sie im Inneren des Gebäudes Geiseln. Zwei der Angreifer wurden bei einem Schusswechsel mit Sicherheitskräften getötet.

Der Fernsehsender Wataniya zeigte Bilder von maskierten Anti-Terror-Polizisten, die Dutzende Touristen in Sicherheit brachten. Viele ältere Ausländer waren zu sehen, wie sie in Panik davonrannten. Bei einigen der Ausländer handelte es sich um Passagiere des Kreuzfahrtschiffs „Costa Fascinosa“, das in Tunis vor Anker lag. Die Reederei teilte in der Nacht mit, 14 Passagiere seien nicht zurück an Bord gekehrt.

Das tunesische Parlament kam am Mittwochabend zusammen, um Schritte für den Kampf gegen Terrorismus voranzubringen. Als die Attacke stattfand, hatten die Abgeordneten gerade über ein Anti-Terror-Gesetz debattiert.

Stunden nach dem Ende des Anschlags strömten Tausende Tunesier auf die Avenue Habib Bourguiba, einem der Hauptschauplätze der Arabischen Revolution. Dort hielten sie eine nächtliche Zusammenkunft ab und riefen „Freies Tunesien“. Die Tat ist die tödlichste Attacke in Tunesien, seit ein Al-Kaida-Kämpfer 2002 auf der Insel Djerba vor der historischen Al-Ghriba-Synagoge einen Sprengsatz gezündet hatte. Damals starben 21 Menschen, vor allem deutsche Touristen.

Das Motiv der Täter blieb zunächst unklar, doch Tunesien kämpft seit Jahren mit islamistischem Terror - wenn auch nicht in dem Ausmaß anderer Länder. Das Bardo-Museum beherbergt die größte archäologische Ausstellung Tunesiens und besitzt eine der umfangreichsten Sammlungen römischer Mosaike weltweit. Es liegt nahe dem tunesischen Parlament, rund vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Das Parlamentsgebäude wurde nach dem Angriff evakuiert, das Museum von Sicherheitskräften umstellt.

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