TV-Duell: „Trump könnte seine Amtszeit zu einem Paradies erklären“
Am 10. September treten Kamala Harris und Donald Trump im TV-Duell in Philadelphia gegeneinander an.
Foto: APWirtschaftsWoche: Herr Greven, Kamala Harris und Donald Trump haben sich nun auf die Rahmenbedingungen für ihr TV-Duell geeinigt. Wie wichtig sind diese Debatten für den US-Wahlkampf?
Thomas Greven: Ich kenne keine Daten, die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Auftritt bei diesen Debatten und den Wahlergebnissen aufzeigen. Aber es gibt bisweilen einen gefühlten Zusammenhang. Ein Beispiel dafür ist die TV-Debatte zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon. Kennedy hat im TV-Duell brilliert – und schließlich gewonnen. Das ist zwar keine Kausalität. Aber bei der vergangenen TV-Debatte zwischen Joe Biden und Donald Trump haben wir ein Duell mit einer klaren Konsequenz gesehen.
Was genau meinen Sie damit?
Das Duell hatte zur Folge, dass sich Biden aus dem Wahlkampf zurückgezogen hat. Das hat es in der Geschichte bisher noch nie geben. Die Debatte war der Katalysator für eine Bewegung innerhalb der Demokraten, die einen Rückzug Bidens forderten. Eine TV-Debatte kann also eine Dynamik auslösen.
In diesem Jahr gab es viel Uneinigkeit über die Regeln des TV-Duells: Ob die Mikrofone an oder aus sein sollen, welcher Sender das Duell austrägt, sind nur zwei Themen. Warum in diesem Jahr bereits im Vorfeld so viel diskutiert?
Die jeweiligen Teams wollen die Bedingungen kontrollieren – das ist nichts Neues. Sie haben unterschiedliche Vorstellungen, was für ihren Kandidaten am sinnvollsten ist, und dann wird entsprechend verhandelt.
Was wären solche Präferenzen?
Bei der Debatte zwischen Biden und Trump wollten die Demokraten, dass die Mikrofone des Kandidaten, der nicht spricht, abgeschaltet werden. Sie befürchteten, Trump könnte Biden unterbrechen und ihn so aus dem Konzept bringen. Für die Kampagne von Kamala Harris kann es aber sogar von Vorteil sein, wenn die Mikrofone immer eingeschaltet sind. Denn sie hoffen, dass Trump aus der Rolle fällt und Harris verbal angreift. Darauf könnte sie sehr gut reagieren – besser als auf politische Inhalte.
Lange wurde diskutiert, welcher Sender das Duell austragen soll. Nun wird die erste Debatte von Harris und Trump auf ABC ausgestrahlt. Welche Rolle spielt die Wahl des Senders?
Das Interessante ist nicht der ausstrahlende Sender, sondern die Moderatoren. Denn von der Moderation hängt auch ab, in welche Richtung die Fragen gehen. Bei Fox ist zu erwarten, dass die Moderatoren Trump wohlgesonnen sind und die Fragen entsprechend stellen. CNN und ABC hingegen werden als weniger parteiisch wahrgenommen. Dennoch meint Trump in diesem Fall, sich auf feindlichem Terrain zu bewegen.
Und welche Rolle spielt dabei das Publikum?
Das Publikum vor Ort kann die Dynamik der Debatte beeinflussen. Durch Pfiffe oder Zustimmungsbekundungen wie Applaus können sie den Ablauf stören. Bei der anstehenden Debatte wird es aber kein Studiopublikum geben.
Am 10. September findet das TV-Duell auf dem Sender ABC statt. Was erwarten Sie?
Die Schlüsselfrage ist: Was wird Trump tun? Er ist die nicht wirklich planbare Variable in der Debatte. Es gibt zwei Möglichkeiten. Seine Berater fordern, er solle sich mit persönlichen Angriffen zurückhalten und sich auf die inhaltliche Auseinandersetzung konzentrieren: Seine Amtszeit zu einem Paradies erklären und den Demokraten vorwerfen, mit ihrer Politik das Land zu zerstören. Wenn ihm das gelingt, wäre das zum Nachteil der Demokraten.
Was wäre der zweite Fall?
Wenn Trump Harris persönlich angreift, sexistische oder rassistische Aussagen trifft, kann Harris besser reagieren. Das wäre für die Demokraten günstiger, als über Migration, Kriminalität, Inflation, Ukraine und Gaza reden zu müssen – denn die Stimmung im Land ist nach wie vor schlechter als die Lage.
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