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Unter Quarantäne im Land der Inkas, Teil 4 Frau Merkel, übernehmen Sie!

Wiwo-Redakteur Bert Losse (rechts) und seine Reisegruppe sind seit zwei Wochen in einem Hotel in den peruanischen Anden eingesperrt. Quelle: Bert Losse

WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse ist mit einer Reisegruppe in den peruanischen Anden gestrandet. Perus Regierung spielt mit den deutschen Diplomaten Katz und Maus. Die Lage der Touristen nimmt surreale Züge an und spitzt sich, auch innenpolitisch, weiter zu.

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UPDATE: Am 1. April konnten Bert Losse und seine Reisegruppe nach Chile ausreisen. Von dort brachte sie eine vom Auswärtigen Amt gecharterte Maschine zurück nach Deutschland. Andere Touristen, vor allem Einzelreisende, sitzen hingegen noch immer in Lateinamerika fest.

Kurz nach dem Frühstück verfällt unsere Reisegruppe in kollektive Schockstarre. Seit nunmehr zwei Wochen sind wir in einem Hotel in der peruanischen Andenstadt Cusco eingesperrt. Nachdem Peru beim Kampf gegen Corona eine strenge Ausgangssperre verhängt und alle Grenzen und Flughäfen geschlossen hat, heißt es für uns: Niemand darf mehr raus. Doch an diesem Morgen öffnet sich die Tür der Herberge kurzzeitig. Herein kommt ein älterer Herr im dunkelbraunen Anzug. Er trägt einen Mundschutz und hat eine Tasche dabei. Der Mann ist Arzt. Er will eine junge Frau aus Argentinien untersuchen, die zusammen mit unserer 20-köpfigen Gruppe im Hotel festsitzt – und nun über Unwohlsein klagt.

Unwohlsein bei Personen, mit denen man Kontakt hatte, ist in diesen Tagen ein Grund, sich Sorgen zu machen. Uns rutscht das Herz in die Hose. Kurz zuvor hatte es im Pariwana Hostel ein paar Straßen weiter zwei Coronafälle gegeben. Die Behörden sperrten daraufhin nicht nur die Herberge, sondern gleich die ganze Straße – und verhängten für die 135 Gäste, darunter viele Deutsche, und mehrere Angestellte eine XXL-Quarantäne von fast vier Wochen. Mögliche Verlängerung inklusive. Ein Albtraum.

Zum Glück gibt der Arzt schnell Entwarnung: kein Corona bei der Argentinierin. Doch das war's dann auch mit den guten Nachrichten: Unser Reiseveranstalter teilt uns wenig später mit, dass er ab sofort nicht mehr für unsere Unterbringung zahlen will. Nun werden pro Tag und Doppelzimmer unplanmäßige 80 Dollar fällig. Nach 14 Tagen Eingesperrt-Sein geht es mit unserer Gruppe – das jüngste Mitglied ist 27 Jahre, das älteste 66 – auch körperlich und psychisch bergab. Bei älteren Mitreisenden werden die Medikamente knapp.

Fast jeden Tag kommt eine neue Hiobsbotschaft. Die landesweite Ausgangssperre in Peru hat Präsident Martin Vizcarra gerade (vorerst) bis zum 12. April verlängert. Zwar hat das Auswärtige Amt (AA) auch in Peru eine Rückholaktion für gestrandete Urlauber gestartet, doch geht die nur quälend langsam voran. Bei der Erfassung der rückreisewilligen Deutschen herrscht ein heilloses Chaos. Ich habe mittlerweile komplett den Überblick verloren, wem ich was per E-Mail übermittelt habe.

Es kursieren mindestens vier Listen mit detaillierten Angaben über uns, vom AA und der Deutschen Botschaft in Lima, dem peruanischen Tourismusministerium und dem deutschen Konsulat in Cusco. Wir haben mittlerweile angegeben, ob wir mit Kindern oder unseren Eltern unterwegs sind, wir haben mit Hilfe von Google Maps den exakten Standort unseres Hotels nahe der Altstadt von Cusco hinterlegt. Doch offenbar werden diese Listen nicht oder nur unvollständig abgeglichen. Wie sonst ist zu erklären, dass vier Mitglieder unserer Gruppe einen Anruf der Botschaft erhalten, herzlichen Glückwunsch, man habe für sie einen Platz in einer Maschine von Lima nach Frankfurt organisiert – wir aber über 1000 Kilometer entfernt in Cusco festhängen, ohne jede Chance, nach Lima zu kommen?

In ihrer Not bitten gestrandete Deutsche nun zunehmend die Botschaften anderer Staaten um Hilfe. Da wäre zum Beispiel eine junge Frau unserer Gruppe, die in Lima ein Freiwilliges Soziales Jahr macht und dort noch ihren Reisepass hat. Die 19-Jährige bekommt relativ problemlos einen Platz in einem von der italienischen Botschaft organisierten Bus, der italienische Touristen nach Lima bringt (von wo fast alle internationalen Rückholflüge aus Peru starten). Die Deutsche Botschaft warnt eindringlich vor Busfahrten durch Peru zum jetzigen Zeitpunkt, doch die junge Frau erreicht Lima nach 24 Stunden ohne Probleme. Eine andere Touristin teilt über die sozialen Netzwerke mit, sie habe einen Busplatz nach Lima von der spanischen Botschaft vermittelt bekommen. Auf die Frage, wie sie das geschafft habe, lautet ihre Antwort: Sie habe einfach gefragt.

Die große Frage, die uns noch keiner beantworten konnte, lautet: Warum schaffen es andere Länder weit besser und schneller, ihre Landsleute nach Hause zu holen? Schon schießen unter gestrandeten Deutschen Spekulationen ins Kraut. Geht es am Ende vielleicht ums Geld? Lässt sich Peru die Passierscheine, Start- und Landeerlaubnisse etwa teuer bezahlen und die deutsche Regierung mag die Taschen nicht öffnen? Fakt ist jedenfalls, dass mittlerweile Amerikaner, Briten, Schweizer, Iren, Italiener und Spanier ihre Landsleute nach Hause holen. Die USA haben sogar eine Maschine mitten im Amazonas-Dschungel landen lassen, um Bürger aus der Regenwald-Stadt Iquitos auszufliegen. Die britische Botschafterin Kate Harrisson vermeldet, dass britische Staatsbürger selbst aus entlegenen Regionen Perus mit Bussen nach Lima gebracht würden, von wo zeitnah gleich mehrere Maschinen gen Großbritannien abheben sollen – zwei davon an diesem Montag. Ein Pilot von British Airways schickt via Twitter schon mal ein Video aus dem Cockpit: „Liebe Landsleute, ich bin unterwegs, um Euch nach Hause zu holen.“

Nur bei den Deutschen tut sich wenig – abgesehen von zwei Lufthansa-Flügen von Lima nach Frankfurt in einem Zeitraum von 14 Tagen. Das Schneckentempo der Rückholaktion ist umso ärgerlicher, als dass in unserer Gruppe zwei Ärzte, eine Physiotherapeutin und zwei Pflegekräfte mit dabei sind – Personal, das in Deutschland gerade dringend gebraucht wird.

Allerdings wäre es zu einfach, den Schwarzen Peter allein dem Auswärtigen Amt und der Botschaft zuzuschieben. Im Berliner AA sollen mittlerweile immerhin zwölf Mitarbeiter mit dem Fall Peru beschäftigt sein. Im Ministerium heißt es, das südamerikanische Land sei bei der weltweiten Rückholaktion des AA (die in anderen Staaten gut funktioniert), das einzige Land, das sich derart sperrig zeige.

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